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Ferrari lebt! Die Formel 1 lebt!

In Monza feiern die Italiener das 70-Jahr-Jubiläum ihres Teams und träumen von glorreichen Zeiten.

René Hauri
Zwei, die die Ferrai-Familie begeistern: Kimi Räikkönen war 2007 der letzte Weltmeister der Scuderia, Sebastian Vettel soll in diesem Jahr der nächste werden.
Zwei, die die Ferrai-Familie begeistern: Kimi Räikkönen war 2007 der letzte Weltmeister der Scuderia, Sebastian Vettel soll in diesem Jahr der nächste werden.
Keystone

Wenn es frühmorgens ist an einem Samstag, und es erst noch schüttet wie aus Eimern. Und sie dennoch dastehen, vor dem Fahrerlager von Monza, zu Hunderten, dicht an dicht, mit regendurchtränkten Kleidern, weil sie nichts verpassen wollen. Schon gar nicht einen ihrer Lieblinge, Sebastian Vettel oder Kimi Räikkönen, oder auch nur einen Mechaniker der Scuderia Ferrari, dem sie auf die Schultern klopfen und ins Ohr schreien können: «Forza Ferrari! Forza Italia!» Dann ist augenscheinlich: Die Totgesagten leben noch. Und wie.

Monza lebt. Ferrari lebt. Die Formel 1 lebt. An diesem Wochenende pilgern Hunderttausende an die Rennstrecke. Alles nicht ganz selbstverständlich nach turbulenten Jahren für dieses Trio.

Für den Grand Prix von Italien, der seit dem Start zur Automobil-WM 1950 im Kalender steht und nur einmal statt in Monza in Imola stattfand – 1980 wegen Umbaus. Bis letzten Herbst sah es aus, als gebe es keine Zukunft, als brächen die Betreiber unter den Kosten zusammen. 25 Millionen Franken verlangte Bernie Ecclestone pro Jahr, damit Monza in der Formel 1 bleibt.

In die Vertragsverhandlungen mit dem damaligen Zampano schaltete sich gar Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi ein – im letzten Moment kam es zur Einigung.Auch die Formel 1 litt, sie war durch die Dominanz von Mercedes von Langeweile zerfressen und auf dem Weg, im Unterhaltungsdschungel unterzugehen. Auch, weil Ferrari krankte. Wie hatte Ecclestone einst gesagt? «Ferrari ist die Formel 1, die Formel 1 ist Ferrari.» Oder: Krankt Ferrari, krankt die Formel 1.

Als Erster fiel der Präsident dem Siegeszwang zum Opfer

Die Scuderia war erst allmählich dabei, sich zu erholen vom grossen Umbruch, den der Rennstall mit dem Hang zu Nervosität und Unruhe 2014 vollzog. Als Erster fiel Luca di Montezemolo dem Siegeszwang zum Opfer, den jeder in diesem Team spürt, jeden Tag. Weil Ferrari in der Formel 1 mehr ist als nur ein schmuckes Spielzeug für den Grosskonzern Fiat-Chrysler: Die Serie ist essenziell für die Marke, sie ist ihr grosses Schaufenster.

Also wurde der Ur-Präsident in der Erfolglosigkeit von Sergio Marchionne gestürzt, musste Teamchef Marco Mattiacci für Maurizio Arrivabene Platz machen, ging ein entnervter Fernando Alonso, wurden insgesamt über 100 Positionen neu besetzt. Fast drei Jahre später läuft es wieder rund bei dem Team, das als einziges seit dem Start vor 67 Jahren ununterbrochen in der Formel 1 ist. Es ist Ruhe eingekehrt bei den Italienern, für einmal werden sie ihrem Ruf, emotional und übereifrig zu entscheiden, nicht gerecht.

Ein Mann, der für Besonnenheit sorgt, ist Sebastian Vettel. Der 30-jährige Deutsche führt die WM an und lässt Italien vom ersten Fahrertitel seit 2007 und Kimi Räikkönen träumen. Dass er nach dem verregneten Qualifying heute nur von Platz 6 losfährt, tut dem Enthusiasmus, in den die Tifosi verfallen sind, keinen Abbruch. Aus diesem Traum lassen sie sich so schnell nicht reissen.

Dieser dreht sich um mehr als den einen Pokal für den Weltmeister 2017. Es kommt eine Ära darin vor, die ein anderer Deutscher geprägt hatte: Michael Schumacher, Vettels Idol, das einst von Plakaten an den Wänden seines Kinderzimmers lächelte – und in dessen Fussstapfen er nun treten soll.

2000 hatte die grosse Zeit für Schumacher bei Ferrari begonnen. Bis 2004 sammelte der Rekordweltmeister fünf seiner sieben Titel. Ferrari: derart überlegen, dass es zu Überheblichkeit neigte, die ihren Ausdruck 2002 in den USA fand. Schumacher führte klar, liess dann Teamkollege Rubens Barrichello aufschliessen, um für ein schönes Zielfoto zu sorgen. Dumm nur, fuhr der Brasilianer unabsichtlich am Deutschen vorbei zum Sieg. Was solls! Er konnte sich das leisten in diesen Jahren der Dominanz.

Irgendwie fühlen sie sich derzeit zurückversetzt in die frühen 2000er-Jahre, auch wenn ein Kampf mit Mercedes herrscht. Die Mitarbeiter der Scuderia tragen «il cavallino» wieder auf von Stolz geschwellter Brust durchs Fahrerlager. Manch einer dürfte sich denken: Der Commendatore wird es im Himmel mit einem Lächeln zur Kenntnis nehmen, Enzo Ferrari, 1988 mit 90 Jahren gestorben, dessen Vermächtnis sie zu pflegen haben. Er machte das aufbäumende Pferd auf gelbem Grund zum Inbegriff für Motorsport – obwohl es aus der Luftfahrt stammt. Von einem seiner Freunde, der das Emblem im Ersten Weltkrieg auf seinen Fliegern anbrachte.

Ferraris Ross zierte zuerst einen Alfa Romeo

1932 prangte das schwarze Ross bei den 24 Stunden von Spa erstmals auf einem Auto. Nicht auf einem Ferrari, sondern auf einem Alfa Romeo. Ferrari hatte seine Scuderia zwar 1929 gegründet, er leitete aber vorerst die Rennsportgeschicke für Alfa Romeo. Als es 10 Jahre später zum Bruch kam, konstruierte er seine eigenen Wagen. 1947 rollte mit dem 125C der erste mit dem Namen Ferrari aus dem Werk in Maranello.

Es war der Start zur Erfolgsgeschichte, das erste Puzzleteil zum Mythos, der um die Marke aufkam, die immer schon für mehr stand als für ein Rennteam. Ferrari ist der Stolz Italiens, die Nationalmannschaft des Motorsports, die Autos sind rot lackiert wie in den 50er-Jahren, als sie nach Ländern bemalt wurden. Entsprechend empfindlich und hektisch reagieren Team und Medien auf Niederlagen.

Und: Ferrari ist Motorsport pur, die Strassenwagen liess der Gründer vor allem deshalb bauen, um diesen zu finanzieren. Er stellte keine Traktoren her wie einst Lamborghini, keine Familienautos wie Mercedes oder Honda. Wer Ferrari fährt, hat das Herz eines Rennfahrers, so die Botschaft.

Siege auf der Strecke bedeuteten ihm alles. Davon gab es viele, mehr als bei allen anderen. Bei 227 ist Ferrari angekommen, dazu gab es 16 Konstrukteursund 15 Fahrertitel, herausgefahren von Legenden wie Ascari, Hawthorn, Fangio, Ickx, Regazzoni, Lauda, Gilles Villeneuve, Scheckter, Mansell, Prost oder Schumacher.

Die 70-jährige Geschichte ist geprägt von epischen Triumphen und Niederlagen, von Dramen auch, gerade in Monza, wo die 70 zurzeit allgegenwärtig ist, auf Mützen, Kleidern, Flaggen. Vielleicht wird in diesen Tagen, in denen das Jubiläum zelebriert wird, auch derer gedacht, die zur Geschichte beitrugen und auf dieser Piste umkamen. Ascari etwa (1955) oder Wolfgang Graf Berghe von Trips, der 1961 15 Zuschauer mit in den Tod riss.

Die Hundertschaften im Regen aber, die denken nicht an den Tod. Sie symbolisieren: Ferrari lebt!

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