«Ich empfehle den Griff an die eigene Nase»

Formel-1-Experte Christian Danner spricht über das Tief von Sebastian Vettel und sagt, warum er ihn auch einmal einen «völligen Hirsch» findet.

«Er hat kein Problem mit einem Zweikampf gegen Leclerc»: Christian Danner über Vettel.

«Er hat kein Problem mit einem Zweikampf gegen Leclerc»: Christian Danner über Vettel. Bild: C. Coates/Getty Images

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Hat Ferrari eine neue Nummer 1?
So offiziell würde ich das nicht sagen. Eine Nummer 1 im Team zu haben, bedeutet auch, dass der andere im Extremfall vom Gas gehen muss. Bei Ferrari ist das nicht so, eher hat es jetzt zwei Nummern 1.

Wie knifflig ist das?
Das ist absolut schwierig, auf der anderen Seite aber gar nicht schlecht für Ferrari. Es hat einen etablierten Star und einen, der auf bestem Weg zum Superstar ist.

Charles Leclerc macht derzeit vieles richtig. Was macht Sebastian Vettel alles falsch?
Die Fehler, die Vettel macht, ­passieren völlig unabhängig von Leclerc. Er hat das Problem, dass er dieses Auto nur unter grösstem Risiko fahren kann, sodass ihm auch einmal das Heck ausbricht. Wie in Bahrain, in Kanada, jüngst in Monza. Er kann sich auf dieses Auto nicht einstellen.

Muss das ein vierfacher Weltmeister nicht können?
Es gibt den Ausdruck adaptives Fahren, der Pilot muss sich an das anpassen, was er hat. Die Reifen ändern ab und zu, es gab einen Diffusor, einen Turbomotor, daran mussten sich die Fahrer gewöhnen. Ich kenne aber nur einen einzigen, der sich wirklich an alles anpassen konnte, egal, welche Reifenmarke, welcher Motorentyp, ob voller Tank oder leerer, völlig Wurst: ­Fernando Alonso kriegte es hin. Bei allen anderen gibt es Befindlichkeiten, die sie nicht einfach überfahren können.

«Glaubt Vettel nicht daran, dass er es packt, muss er aufhören. Aber er glaubt daran»Christian Danner, 61, Formel-1-Experte

Vettel hat in den letzten 27 Rennen 9 grosse Fehler gemacht. Das liegt nur am Auto?
Zum grossen Teil. Und zu einem geringeren an der Psyche. Oder nehmen wir den Fehler 2018 in Hockenheim, als er in Führung liegend bei Regen von der Strecke rutschte: Das hatte ihm Ferrari eingebrockt. Hätte es ihn früher an Räikkönen vorbeigewunken, hätte er nicht so am Limit fahren müssen.

Aber er alleine macht doch die Fehler.
Natürlich, deshalb muss er zu Hause schon einmal darüber nachdenken, wie er das abstellen kann. Ich empfehle da den Griff an die eigene Nase. Das hilft, auch wenn es für einen Formel-1-Fahrer mühsam ist, sich zu fragen, was er besser machen könnte. Da muss schon viel Zeit vergehen, bis das einer tut.

Ist Vettel der Typ, der sich selber hinterfragt?
Das will ich jetzt einmal offen lassen. Was er kann, ist, alles abzuschalten, was passiert ist, weiterzukämpfen, wieder Leistung zu bringen. Die Leute, die ihn jetzt schon abschreiben, machen einen Fehler. Vettel ist ein ehrgeiziger Kerl.

Er wurde zu Beginn der Saison als Nummer 1 im Team definiert. Wieso wurde das Auto nicht auf seine Fahrweise abgestimmt?
Ferrari hat nicht geplant, dass es so herauskommt, wie es jetzt ist. Bei jedem Auto wird erst eine Grundaerodynamik festgelegt: Wie viel Abtrieb will ich haben, wie viel Luftwiderstand nehme ich in Kauf? Ferrari hat eine Variante gewählt, die sehr wenig Luftwiderstand hatte und doch relativ viel Abtrieb. Mercedes dagegen ging auf maximalen Abtrieb, völlig egal, wie der Widerstand ist. Und es zeigte sich: Das ist für die Reifen eindeutig die bessere Variante.

Und Ferrari versuchte, das nachzumachen.
Was aber nicht ganz leicht ist. Man kann nicht einfach den Frontflügel anpassen, weil sonst der ganze Luftfluss ums Auto verloren geht. Weil Ferrari auf diese Art nicht weiterkam, hat es das Problem mechanisch gelöst. Der Grip, der auf der Vorderachse fehlte, holte es über weichere Federn oder mehr Seitenneigung, deshalb reagiert das Auto auf der Hinterachse nervös.

Fehlt Vettel nicht auch die Souveränität und Cleverness, die ein Hamilton hat?
Ich würde es einmal so sagen: Mit vollen Hosen lässt es sich gut stinken. Diese Souveränität hätte Vettel genauso, wenn er ein Auto hätte, das immer macht, was er will.

«Rennfahrer in dieser Kategorie sind harte Kerle, auch wenn sie nicht so aussehen»Christian Danner, Formel-1-Experte

Ist er kaltblütig genug?
Absolut, er ist kaltblütig – die Leute vergessen immer alles! All die ­Sachen, die er angestellt hat bei Red Bull – da war er so brutal, dass die Leute sagten, das hätten sie ihm gar nicht zugetraut. Doch, doch! Rennfahrer in dieser Kategorie sind keine Memmen. Das sind harte Kerle, auch wenn sie nicht so aussehen.

Zuletzt fiel Vettel vor allem durch seine Emotionalität und weniger durch seine Kaltblütigkeit auf.

Ich habe ihn auch kritisiert, nachdem er sich in Kanada aufgeführt hatte wie eine offene Hose. Ich habe gesagt: Du bist doch ein völliger Hirsch! Wenn du dir den Fehler sparst, kannst du dir auch den ganzen Ärger danach sparen. Es nützt nichts, wenn er herumschreit, das Schild mit der Nummer 1 gegen das mit der Nummer 2 tauscht und so tut, als hätte er das Rennen gewonnen, das er durch einen eigenen Fehler verloren hat.

Er rutschte auf die Wiese und vor Hamilton auf die Strecke. Dafür wurde er bestraft. Lassen die Fehler die Erinnerung an seine Weltmeisterjahre allmählich verblassen?
Sicher. Und: Mit dieser Fehleranzahl wird niemand Weltmeister. Speziell nicht, wenn die Gegner Mercedes und Hamilton heissen.

Auch bei Ferrari gehen die Emotionen hoch. Ist die Mischung Vettel/Ferrari zu explosiv?
Das passt schon. Ferrari hat das unglaubliche Glück, dass es jetzt Mattia Binotto als Chef hat. Der Mann ist eine Wohltat im Vergleich zu Vorgänger Arrivabene, davon profitieren Team und Vettel. ­Binotto ist ein Mann mit ausgeprägtem Rennwissen, er kommt aus der Branche, er weiss, was im Motorsport passiert. Er ist kein Zigaretten-Manager wie Arrivabene.

Geniesst Vettel noch den gleichen Rückhalt im Team?
Er bekommt den gleichen Service wie Leclerc. Die Zeiten sind vorbei, als der eine den dicken Motor erhielt, während der andere mit dem Finger in der Nase warten musste. Aber: Er muss wieder mal vor Leclerc starten, weil der Fahrer vorne bei der Strategie bevorteilt wird.

Im Qualifying von Monza gab Vettel Leclerc Windschatten, dann hätte es umgekehrt laufen sollen. Doch Leclerc bummelte derart, dass Vettel nicht rechtzeitig über die Linie kam. War das Leclercs neue Seite?
Leclerc spielt das Klavier des Motorsports auf allen Tasten. Nicht nur, indem er schnell ist, sondern auch, indem er im richtigen Moment nichts hört am Funk oder halt nicht das macht, was er tun soll. Das sind die Ingredienzien, die einen Toprennfahrer auszeichnen.

Zu Beginn fügte er sich aber brav in die Rolle der Nummer 2.
Widerwillig, ja. Irgendwann aber kam der Punkt, an dem er sagte: Wisst ihr was? Ich brauche das nicht, davon habe ich nichts. Das ist im egoistischen Weltbild eines Formel-1-Fahrers die völlig richtige Einstellung. Das hat er zuletzt abgebrüht durchgezogen und in Spa und Monza gewonnen.

Kann Vettel da dagegen halten?
Glaubt er nicht daran, dass er es packt, muss er aufhören. Aber er glaubt daran. Er hat überhaupt kein Problem mit einem Zweikampf gegen Leclerc. Dieser wird nach Monza noch etwas kerniger und härter. Ich bin gespannt, wie sich Vettel aus diesem Loch herausmanövriert. Ich traue ihm das zu, aber ein Zuckerschlecken wirds nicht.

Leclerc wirkt wie der perfekte Schwiegersohn. Hätten Sie ihm solche Mätzchen zugetraut?
Er ist ja nicht umsonst so weit gekommen. Der richtige Weckruf kam für ihn aber beim Unfall mit Verstappen in Österreich, als dieser ihn von der Strecke fuhr und deswegen gewann. Leclerc hat sich gesagt: Also gut, ab jetzt fahren wir anders. Das kann ich auch.

Was trauen Sie ihm noch zu?
Er wird dereinst Weltmeister. Dass er fantastisch ist, war früh absehbar, und doch hat mich überrascht, mit welch unglaublicher Art er letztes Jahr bei Sauber seine Leistung brachte. Das war nicht nur irgendwie sehr gut oder toll, das war schlicht herausragend.

Apropos Weltmeister: Wie viel vom vierfachen Weltmeister Vettel steckt noch in ihm?
Hundert Prozent.

Wie gross ist der Anteil eines Autos an einem Titel und wie gross derjenige des Fahrers?
Je hundert Prozent. Nicht jeder gewinnt mit einem Mercedes.

Wer ist für Sie derzeit der Beste?
Es gibt eine Liga an Topleuten, ­Hamilton, Verstappen, die beiden Ferrari-Piloten, auch Bottas ab und zu. Da würde ich nicht sagen, dass der eine besser ist als der andere.

Sie nennen nur die Fahrer, die in den besten Autos sitzen. Gibt es in anderen Teams keine guten Piloten?
Doch, aber die Extraklasse kann einer nur zeigen, wenn er das entsprechende Fahrzeug hat.

Wer ist der Grösste der Geschichte?
Objektiv ist das jeder, der seine Ära dominiert hat. Lauda, Fangio, Schumacher, Stewart, Häkkinen, Hamilton, Vettel, das ist alles dieselbe Liga. Aber subjektiv gibt es einen, der um Lichtjahre über ­allen anderen ragt: Ayrton Senna.

Was hat ihn ausgemacht?
Ich bin selber gegen ihn gefahren, habe ihn in allen Lebenslagen erlebt. Er war ein unglaublich charismatischer Mann, der eine wahnsinnige Auffassungsgabe hatte, er konnte zuschauen, aufnehmen, Leistung bringen, er war eine Persönlichkeit, die berührte – und im Auto trotzdem der brutalste Hund. Was er leistete, ist nicht zu toppen.

Leclerc wird mit Senna verglichen: Majestätsbeleidigung?
Es gibt durchaus Punkte, wo das berechtigt ist. Auch Leclerc versprüht Charisma, trotz seiner jungen 21 Jahre. Das ist überhaupt keine Majestätsbeleidigung, man kann das absolut so sehen.

Erstellt: 15.09.2019, 11:08 Uhr

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