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Im Kampf mit dem Berg aus Eisen

Justin Murisier, bester Schweizer Riesenslalomfahrer, wagt sich an das «härteste Motocross-Rennen der Welt».

René Hauri
«Wenn ich wiedergeboren werde, widme ich mich vielleicht dem Motorradsport», sagt Justin Murisiers.
«Wenn ich wiedergeboren werde, widme ich mich vielleicht dem Motorradsport», sagt Justin Murisiers.

Ein Berg, ein Mythos, er kennt das. Das Lauberhorn, die Streif, sagenumwobene Pisten im Ski-Weltcup, steil, fordernd, man bezwingt sie – oder umgekehrt. Es gibt keinen Moment des Aufatmens, des Durchschnaufens, bis die Erlösung kommt, die Ziellinie, wenn die Beine längst brennen.

Die Spektakelfahrten auf Schnee sind in diesen warmen Sommertagen weit weg. Doch Justin Murisier sieht sich ab heute bereits wieder einem Kampf mit einem solchen Massiv gegenüber, mit einem Ungetüm, um das sich Mythen ranken. Erzberg heisst Berg aus Eisen, in der Steiermark gelegen. Viel Staub, viel Geröll, etwas Wald, seit 1000 Jahren bedienen sich die Menschen seines Eisenerzes, die Stadt, in der er sich erhebt, heisst genauso: Eisenerz. Und diese verwandelt sich in den nächsten Tagen in ein Tollhaus.

Zu Tausenden reisen sie an mit ihren Maschinen, mit denen sie diese gnadenlose, fast vertikale Steinwüste bändigen wollen. Zehntausende kommen, um diesem Schauspiel beizuwohnen, zu sehen, wie Fahrer um Fahrer am Vorhaben scheitert, wie die Gladiatoren auf ihren Enduro- und Motocross-Motorrädern gleich reihenweise stürzen, abgeworfen beim wilden Ritt am Erzbergrodeo.

1500 sind es zu Beginn, 500 qualifizieren sich für das Hauptrennen am Sonntag, rund ein Dutzend wird in dieser vierstündigen Schinderei sämtliche 20 Posten passieren.

Mit dem Kindertöff vom Onkel

Dass er nicht zu dieser auserlesenen ­Mini-Gruppe ­gehören wird, weiss Murisier, das schaffen nur die Profis, «mit 10 überstandenen Etappen wäre ich ganz zufrieden», sagt der 25-jährige Walliser.

Zwar dreht er auf Motocross- und ­Enduro-Maschinen seine Runden auf der Piste unweit seines Heimatorts Martigny, seit er fünf war – der Onkel hatte ihm einen Kindertöff geschenkt –, und er eiferte seinem drei Jahre älteren Bruder Kevin nach, der Schweizer Meister wurde bei den Junioren und auch später bei der Enduro-Elite mithalten konnte. Er fährt auch jedes Jahr ein, zwei Rennen in der zweiten Kategorie der nationalen Meisterschaft. Justin Murisiers grösstes Talent aber lag schon immer woanders. «Wenn ich wiedergeboren werde, widme ich mich vielleicht dem Motorradsport. Aber in diesem Leben fehlt mir die Fähigkeit dazu», sagt er.

Dass er in einer anderen Sportart ­alles mitbringt, was es braucht, war früh augenscheinlich. Als er 2011 von der ­Junioren-WM der Skifahrer in Crans-Montana mit drei Medaillen heimkehrte, schien er bereit für den Durchbruch. Es folgten: Tiefschläge.

Im September desselben Jahres erlitt er einen Kreuzbandriss im rechten Knie, zugezogen beim Fussballspiel. Ein Jahr später, den langen Weg zurück endlich hinter sich, riss dasselbe Band gleich nochmals. Er verpasste zwei volle Saisons, «zwei Jahre lang sass ich auf dem Sofa, konnte nichts machen, nicht einmal Konditionstraining», sagt Murisier.

Er haderte, zweifelte, verzweifelte aber nicht, kämpfte, kam zurück, startete verhalten, wurde immer besser – bis 2015 der nächste Eingriff nötig wurde: Meniskusriss, im selben Knie. Noch einmal alles von vorne, diesmal verlief die Rückkehr immerhin etwas reibungsloser. In den letzten beiden Wintern zeigte Murisier, was er eigentlich längst sein könnte: der beste Riesenslalomfahrer der Schweiz, die Ränge 12 und 13 gab es in der Weltcup-Disziplinenwertung. Er macht sich daran, mit Verspätung doch noch dort hinzukommen, wo ihn die meisten längst sahen: an die Weltspitze.

Fahrend, stossend, ziehend

Gerade er also. Ausgerechnet Justin ­Murisier mit seiner Leidensgeschichte. Der setzt sich auf ein Motorrad und versucht sich am schier unbezwingbaren Erzberg, in einem 500er-Feld – wenn er denn die Qualifikation übersteht –, dicht an dicht, Stürze vorprogrammiert, ­einmal fahrend, einmal stossend, dann ziehend, ein Abnützungskampf. «Klar kann immer etwas passieren», kommentiert der Romand lapidar, «aber das kann es in jeder Sportart, selbst im Kraftraum. Und meine Verletzungen habe ich mir schliesslich beim Skifahren oder im Konditionstraining zugezogen, nie im Motorradsport.» Er habe zwar ­Respekt vor dem Rennen, bei dem er erstmals teilnimmt, «es ist ja das wohl härteste Motocross-Rennen der Welt». Aber: «Ich will vor allem Spass haben. Während dieser Tage werde ich nicht an mögliche Verletzungen denken, während des Wettkampfs erst recht nicht.»

Es ist eine Parallele, die Murisier zum Skisport zieht. Hat er die Ski angeschnallt oder eben den Sattel unter dem Hintern, vergisst er alles um sich, ist er in einer anderen, einer eigenen Welt, ­fokussiert einzig auf das, was folgt, auf die nächste Kurve, auf die nächste Klippe, «das erlebe ich nur mit den Ski und dem Töff, ich spüre einzig und ­allein das Adrenalin». Linienwahl, ­Entscheidungen im letzten Moment, die Körperbeherrschung – dies ist, was die beiden Leidenschaften des Unterwallisers verbindet. «Ich glaube daher auch, dass es ein gutes Training ist.» Dass die Vorzeigetechniker Marcel ­Hirscher und Henrik Kristoffersen dem gleichen Hobby frönen, dürfte ihn in ­seiner Annahme bestätigen.

Im Getümmel mit 499 anderen

Sie alle aber fahren kaum bei offiziellen Wettkämpfen, Murisier nur Enduro-, nicht Motocross-Rennen, Einzel- statt Massenstart also. Letzteres wäre ihm «etwas zu gefährlich», meint er.

Tja. Am Sonntag dürfte er mit 499 weiteren Wagemutigen am Start zum Motorrad-Rodeo stehen, dicht an dicht, Ellbogen an Ellbogen. Er wird hinfallen, aufstehen, weiterkämpfen – wie schon sein ganzes Sportlerleben lang.

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