«In der Dusche rutsche ich nie aus»

Niki Lauda ist seit seinem Unfall vor fast vierzig Jahren im Alltag besonders vorsichtig. Von Lewis Hamilton und Nico Rosberg fordert er auch 2015 Titel.

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Mercedes war in der letzten Formel-1-­Saison das Mass aller Dinge. Lewis ­Hamilton (Gb) gewann den Titel mit 67 Punkten Vorsprung auf Teamkonkurrent Nico Rosberg (De) und deren 146 auf Daniel Ricciardo (Au, Red Bull). Nach den 12 Testtagen in Jerez und Barcelona hinterliess auch das neue Auto einen überlegenen Eindruck. Der dreifache Weltmeister Niki Lauda (66), seit 2012 Aufsichtsratsvorsitzender des Rennstalls, erwartet allerdings einen harten Kampf um den WM-Titel und nennt Ferrari, Red Bull und Williams als Herausforderer. Das Interview wurde vor dem Fall Van der Garde/Sauber geführt.

Ihr Sohn Mathias ist Rennfahrer in der Langstrecken-WM. Machen Sie sich nie Sorgen?
Natürlich beschäftigt mich das. Aber es ist eben so: Er hat die Entscheidung ­getroffen. Damit muss ich leben.

Und was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie Bilder von Unfällen sehen?
Mir ist immer bewusst, dass der Rennsport gefährlich ist. Ich bin nicht so naiv, zu glauben, dass die Fahrer einfach im Auto sitzen, und es wird nie etwas passieren. Ganz im Gegenteil. Ich war mir der Gefahr immer bewusst und bin es mir auch heute noch. Es ist ein Risiko, das die Rennfahrer eingehen wollen, weil sie eben diesen Beruf ausüben möchten.

Erinnern Sie sich in solchen Momenten an Ihren Unfall von 1976 zurück?
Nein, gar nicht. Den hatte ich damals schon abgehakt, sonst hätte ich ja nie mehr Rennen fahren können.

Wie haben Sie es geschafft, dieses Erlebnis so schnell zu verarbeiten?
Das war harte Arbeit. Aber dass ich 42 Tage später schon wieder gefahren bin, hat mir dabei natürlich geholfen.

Inwiefern beeinflusst der Unfall Ihr Leben heute noch?
Insofern, als dass ich mir immer sage: Also in der Dusche rutsche ich sicherlich nie aus. Im Alltag passe ich besonders gut auf mich auf. Aber das ändert nichts daran, dass ich ein Risiko eingehe, wenn ich es eingehen will. Ganz bewusst.

Nach dem schweren Unfall von Jules Bianchi in Japan kam die Sicherheitsdiskussion wieder auf. Kann man am Auto etwas verbessern?
Nein, im Moment überhaupt nicht. Bis zu einem gewissen Grad ist es immer gefährlich, bei diesen Geschwindigkeiten mit einem Auto zu fahren, das darf man nie vergessen. Aber die Sicherheitsmassstäbe sind nach wie vor optimal.

Hätte Bianchis Unfall verhindert werden können?
Nein, leider gar nicht. Weil das ein fürchterlicher, atypischer Unfall war.

Die Rennwagen sind viel sicherer geworden. Kann ein aktuelles Formel-1-­Auto noch in irgendeiner Form mit den­jenigen verglichen werden, die Sie einst fuhren?
Nein, überhaupt nicht. Das ist, als würde man ein Strassenauto aus den 80er-Jahren mit einem neuen vergleichen. Es wurde alles weiterentwickelt. Und das in die richtige Richtung.

Sie sind also auch vom komplexen Hybridantrieb überzeugt?
Man muss sich das einmal überlegen: Da hat der eine oder andere rumgejammert, als die Änderung kam: Die Autos seien zu langsam und zu leise. Und jetzt sind wir bei den Tests in Barcelona so schnelle Rundenzeiten gefahren wie noch nie, und die Autos sind auch wieder lauter. Die Formel 1 wird – allen Unkenrufen zum Trotz – immer schneller, immer lauter, immer besser.

Besser war vor allem Mercedes. Sind Sie jetzt vierfacher Weltmeister?
(Lacht) Na ja . . . Für mich ist das alles schon wieder vorbei. Und sich auf den Lorbeeren der Vergangenheit auszuruhen, ist ohnehin grundsätzlich falsch.

Trotzdem: Wie gross war Ihr Anteil am WM-Titel von Mercedes?
Es war eine Teamarbeit, wir haben zusammen alle Rekorde gebrochen. Es gibt überhaupt nichts, was wir hätten besser machen können.

Sie sind dreimal Fahrer-Weltmeister geworden. Macht es Sie auch stolz, Team-Weltmeister geworden zu sein?
Ja, denn in diesen Jahren, in denen ich als Fahrer Weltmeister wurde, musste ich nur darauf achten, selber das Richtige zu machen. Aber mit einem gesamten Team den Titel zu holen, macht mir viel mehr Spass. Wir hatten die richtigen Leute am richtigen Ort. Diese zu motivieren und gemeinsam so etwas zu er­reichen, das war toll.

Ohne Sie wäre das nicht möglich gewesen, schliesslich stand Mercedes 2012 nach einem Zerwürfnis mit Chefvermarkter Bernie Ecclestone vor dem Ausstieg aus der Formel 1.
Ich war zu Beginn einer derjenigen, die mit Ecclestone verhandelten, um die ­Position von Mercedes in der Formel 1 zu definieren, das stimmt. Aber den Rest haben wir gemeinsam gemacht.

Sie haben kurz nach Ihrer Einstellung im Herbst 2012 Lewis Hamilton von McLaren zu Mercedes geholt. Haben Sie sich besonders darüber gefreut, dass er Weltmeister wurde und nicht Nico Rosberg?
Absolut nicht. Mir ist vollkommen egal, wer von den beiden gewinnt. Ich stehe hinter beiden. Sie haben unglaublich hart gekämpft. Am Ende war Hamilton halt vorne. In diesem Jahr kann sich das Blatt aber wieder wenden. Rosberg wird natürlich versuchen, alles noch besser zu machen als letzte Saison. Ich bin sehr gespannt, wie das ausgehen wird. Jedenfalls war es gut, dass ich Hamilton in letzter Sekunde vor seiner Vertrags­verlängerung mit McLaren zu Mercedes holen konnte. Denn die Kombination Hamilton/Rosberg hat es ausgemacht, dass wir 2014 fast alle Rennen gewannen.

Die Kombination Hamilton/Rosberg sorgte auch für viel Gesprächsstoff. Wie kommen sie miteinander aus?
Die kommen ganz normal miteinander aus, aber Freunde werden sie nie mehr. Denn wenn man einmal so hart gegeneinander gekämpft hat, mit dem gleichen Auto, dann baut man keine Freundschaft auf. Allein der Versuch dazu wäre reiner Zeitverlust. Und diese Saison wird noch interessanter. Auch, weil ich davon überzeugt bin, dass noch ein Dritter um den Titel mitreden wird.

An wen denken Sie?
An Ferrari, Red Bull und natürlich Williams. Die werden uns das Leben schwer machen. Es ist immer einfacher, zu ­jagen, als selber der Gejagte zu sein. Wir haben derart vorgelegt, gezeigt, welche Leistung man mit einem Auto auf die Strasse bringen kann. Und wenn man es quasi vorzeigt, dann versuchen die ­anderen, das nachzumachen. Deshalb wird es auf jeden Fall ­enger als in der vergangenen Saison.

Nach den Testfahrten spricht doch alles dafür, dass Mercedes wieder ähnlich dominant sein wird.
Man kann Testfahrten nicht eins zu eins übernehmen. Aber es ist ja klar, dass Mercedes genauso wie die Konkurrenz versucht hat, die Weiterentwicklung voranzutreiben. Nach den ersten drei Rennen werden wir uns ein Bild machen können, wie es tatsächlich um die Kräfteverhältnisse steht.

Zurück zu Ihren Fahrern: Wie war deren Verhältnis untereinander, als Rosberg in Spa mit einem missglückten Überholmanöver Hamiltons Rennen zerstörte?
Da hatten wir ein Problem, weil wir wegen der Kollision das Rennen nicht gewonnen haben. Das wurde damals ausdiskutiert, und es ist auch nicht wieder vorgekommen. Das Problem war erledigt.

Sie haben Rosberg damals öffentlich als Schuldigen hingestellt. Mussten Sie oft ein Machtwort sprechen?
Eigentlich nicht. Nur in Spa war das erforderlich.

Manch einer dürfte sich über solche Zwischenfälle gefreut haben, weil so die Saison nicht mehr ganz so langweilig war.
Die war doch nicht langweilig! Die beiden haben gegeneinander bis zum letzten Rennen gekämpft. Spannender als die zwei kann man es nicht machen.

Aber es waren eben nur zwei.
Wenn ein Team dominiert, weil es schlicht das beste ist, darf man ihm doch keinen Vorwurf machen. Das gab es im Sport schon öfter.

Auch in der Formel 1. 1984 etwa, als McLaren dominierte und Sie mit 0,5 Punkten vor Teamkollege Alain Prost die WM gewannen. Wie haben Sie dieses Duell damals erlebt?
Die Situation war für mich genauso schwierig, wie sie es für Hamilton und Rosberg ist. Wenn man nur gegen einen kämpft, der im gleichen Auto fährt, das gleiche Material hat, dann kommt es nur darauf an, wer in welchem Moment der Bessere ist.

Haben Hamilton und Rosberg von Ihren Erfahrungen profitiert?
Nein, sie entscheiden alles allein. Ich und Toto Wolff (Motorsportchef) beobachten das Ganze nur.

Sind die beiden die besten Fahrer?
Ja. Ich bin der Meinung, dass wir die beste Fahrerkombination haben. Das Ziel ist auch in dieser Saison klar: Wir müssen den Konstrukteurs-Titel holen, und einer von ihnen muss wieder Weltmeister werden.

Wie wichtig ist denn ein ­Fahrer heute noch?
Klar steckt viel mehr Technik in den Autos als zu meiner Zeit. Aber es ist immer noch der Fahrer, der gewinnt oder nicht. Er ist nach wie vor der wichtigste Mann.

Erstellt: 12.03.2015, 23:41 Uhr

Niki Lauda

Dreifacher Weltmeister

Niki Lauda wuchs in wohlhabendem Umfeld in Wien auf. Weil die Familie gegen seine Motorsport-Pläne war, überwarf er sich mit ihr. 1971 schaffte er es in die Formel 1. Nachdem er 1975 Weltmeister wurde, verunglückte er am 1. August 1976 auf dem Nürburgring. Er prallte mit seinem Ferrari in eine Felswand, das Auto fing Feuer. Lauda zog sich schwere Gesichtsverletzungen zu und fiel ins Koma. Nach 42 Tagen kehrte er zurück und holte noch zwei Titel (1977 und 1984). Er ist mit Birgit Wetzinger verheiratet und hat mit ihr die fünfjährigen Zwillinge Max und Mia. Aus erster Ehe stammen die Söhne Lukas (35) und Mathias (33) und aus einer ausserehelichen Beziehung Christoph (33). (rha)

Laudas Unfall auf dem Nürburgring.

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