Kubica machts mit links

Robert Kubica hätte bei einem Unfall beinahe seinen rechten Arm verloren. Heute ist der Pole Stammfahrer bei Williams – und trotz dauernder Niederlagen ein Gewinner.

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Wenigstens für kurze Zeit gehört Robert Kubica der Platz an der Sonne. Er sitzt in einer Lounge auf dem Deck des Williams-Motorhome, ein Wasser vor sich wegen der Hitze, die auch in Zeltweg auf 660 Metern über Meer drückt. Still, so hat er das Wasser bestellt. Der Pole selber ist in Redelaune. Das kann verwundern. Sportler haben die Angewohnheit, lieber zu schweigen, wenn es nicht rundläuft. Und Kubica läuft es nicht nur nicht rund, es läuft richtig verquer.

Letzter ist er in der WM, 0 Punkte, nur zweimal war bisher einer langsamer als er. Es ist nicht unbedingt das, was sich Kubica ausgemalt hatte vor dieser Formel-1-Saison.

Der Mann aus Krakau mit dem kantigen Gesicht und markanter Nase war sein Leben lang ein Kämpfer. Doch nun mag selbst er nicht den grossen Angriff ausrufen. So verkorkst waren die ersten acht Rennen mit Williams. «Wir müssen sicherstellen, dass wir das Beste aus dem machen, was wir haben.» So hört sich das an, wenn er versucht, dem Frust ein positives Mäntelchen umzuhängen. «Jeder in unserem Team hätte es gern, wenn wir weiter vorne wären und mit anderen kämpfen könnten. Wir hoffen, dass wir früher oder später das Potenzial dazu haben.» Mit anderen Teams um die Plätze zuhinterst zu kämpfen, nicht einmal das gibt sein Auto derzeit her.

Zu den Vorsaisontests erschien Williams verspätet; die Sponsoren laufen davon; die goldenen 90er-Jahre, als die Briten dreimal am Stück Konstrukteursweltmeister wurden, könnten weiter weg nicht sein.

Der einzige Sieg für Sauber

Mittendrin in diesem Schlamassel sitzt Kubica. 2008 in Kanada war er noch stolzer und bislang einziger Sieger für Sauber. Nun ist er am anderen Ende angelangt. Dabei hätte die Dramaturgie seiner Geschichte vorgesehen, dass er auch jetzt als Sieger auf dem Dach des Motorhome thront und über seinen Werdegang redet. Kann er nun nicht.

Das, was dem 34-Jährigen widerfahren ist, böte reichlich Material für eine Verfilmung in Hollywood. Wie dramatisch es sich zugetragen haben muss an jenem Tag im Frühjahr 2011, davon erzählt sein rechter Arm. Die schmalen Finger halten verkrampft sein Mobiltelefon. Tiefe und breite Narben schlängeln sich hoch zum Ellbogen, wo sie zusammenlaufen, eine zieht sich weiter nach oben und verschwindet unter dem weissen Poloshirt.

Es ist die ewige Erinnerung an den Unfall, der ihn beinahe das Leben gekostet hätte. Es geschah nicht in der Formel 1, sondern beim Vergnügen zwischendurch, bei einem kleinen Rallye nahe Genua. Kubica war in eine Leitplanke gedonnert, diese bohrte sich mittig in seinen Skoda Fabia, bis zu seinem Arm am Schalthebel. In einer siebenstündigen Operation retteten die Ärzte die Extremität, Kubica wurde ins künstliche Koma versetzt, es folgten weitere Eingriffe und zwei Monate Aufenthalt im Spital.

Sie haben es also so hingekriegt, dass die Hand heute ein Handy greifen kann. Die Vorstellung aber, dass der Pole je wieder würde Autorennen fahren können, grenzte an Utopie. Ganz zu schweigen von der Formel 1, dem höchsten der Gefühle für seinen Berufsstand.

Er wäre gern stolz

Nun sitzt Kubica im Fahrerlager der Königsklasse. Nach einem Jahr als Testpilot bei Williams hat er ein fixes Cockpit, am Sonntag zieht er auf dem Red-Bull-Ring seine Kreise. Der Kämpfer hat es geschafft. Über Rallyes hat er sich den Weg zurück gebahnt.

Eigentlich wäre er gern stolz darauf, würde sich gern freuen, doch die momentane Situation gibt nicht viel her dafür. «Zurückzukommen war eine grosse Leistung. Leider steht das derzeit im Schatten. In der Formel 1 geht alles rasend voran, jeder lebt von Tag zu Tag, schnell geht vergessen, was einer erreicht oder geleistet hat.» Er ahnte das schon, als ihm auf die Schultern geklopft wurde, weil er bei Williams den zweiten Sitz neben dem britischen Talent George Russell erhalten hatte. «Ich sagte: Die Schwierigkeiten beginnen erst. Rennen fahren war noch nie einfach in der Formel 1 – jetzt ist es das erst recht nicht.» Das liegt an seinem Arbeitsgerät. Und an seiner körperlichen Einschränkung.

Wie kriegt das einer nur hin, mit einem solch malträtierten Arm einen Rennwagen bei über 300 km/h auf der Strecke zu halten und dabei allerhand Knöpfe zu bedienen? Den Grossteil der Aufgaben mit links zu erledigen – im Wortsinn?

Es scheint, als wüsste Kubica die Antwort selber nicht genau. Es geht halt irgendwie. Er sagt: «Ich bin glücklich, wie mein Körper reagiert. Da ist kein Zweifel mehr. Überhaupt sollte keiner irgendwelche Zweifel haben. Die Limitierungen, die ich habe, hindern mich nicht daran, auf einem guten Niveau in der Formel 1 zu fahren.» Das Auto ist derzeit mehr Bremsklotz als der Körper, so sieht er das.

Besserung ist nicht in Sicht. Doch Kubica hat zu viel erlebt, um zu hadern. Er ist auch in der Niederlage ein Gewinner.

Erstellt: 28.06.2019, 16:35 Uhr

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