Mercedes lässt den andern keine Luft

Die Gegner fordern in ihrer Verzweiflung vor dem GP von Österreich eine Regeländerung. Dabei zeigt die Geschichte des Rennsports: Die Dominanz eines Teams kann unterhaltsam sein.

Der Silberpfeil zieht einsam seine Runden: In dieser Saison gabs für Mercedes in acht Rennen sechs Doppelsiege. Foto: Keystone

Der Silberpfeil zieht einsam seine Runden: In dieser Saison gabs für Mercedes in acht Rennen sechs Doppelsiege. Foto: Keystone

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Es riecht nach Verzweiflung im Fahrerlager. Es ist Freitagmorgen in Spielberg vor dem ersten Training auf dem Red-Bull-Ring. Der Umsturz soll her. Es treffen sich die Teamchefs, ein paar Fahrer, Vertreter des Automobilverbandes FIA und von Reifenhersteller Pirelli. Das Ziel einiger: die Dominanz von Mercedes brechen. Ferrari und Red Bull kämpfen an vorderster Front. Sie wollen, dass auf die Reifen des Vorjahres umgestiegen wird, als sie noch etwas näher dran waren am Überteam der letzten fünf Jahre.

Sie scheitern mit ihrer Forderung, obwohl ihre Verbündeten Toro Rosso, Haas und Alfa Romeo dafür stimmen. Hätten sieben der zehn Teams Ja gesagt, wäre die Änderung mitten in der Saison gekommen. Der Strohhalm, an den sich die ohnmächtige Konkurrenz klammerte, bricht. Alles bleibt beim Alten, die Lauffläche ist 0,4 mm dünner als 2018, die Pneus sind steifer. Und: Mercedes kommt damit wohl weiterhin besser zurecht als alle anderen.

Lewis Hamilton und Valtteri Bottas drehen so einsam ihre Runden wie nie zuvor. In sechs von acht Rennen gab es einen Doppelsieg, nie stand ein Nicht-Mercedes-Pilot zuoberst auf dem Podest. Dabei fahren sie die Grands Prix oft nicht einmal mit voller Motorenleistung, wie Hamilton jüngst sagte. Was bleibt da den anderen Teams, als sich an einen Strohhalm zu klammern?

Seit 2014 wurde Hamilton viermal Weltmeister, einmal Nico Rosberg. Derzeit hat der Brite 36 Punkte Vorsprung auf Bottas, 76 sind es auf Sebastian Vettel im Ferrari. Mercedes nimmt den anderen die Luft zum Atmen. Das Ausmass der Dominanz ist einzigartig. Dass Teams reihenweise siegen, gehört aber zur Formel 1.

1975–1977: Ferrari

Niki Lauda ist überall beim GP von Österreich. Der schmale Gang, der ins Fahrerlager führt, ist gepflastert mit Bildern aus seiner Karriere: Höhen, Tiefen, nachdenklich, lachend, mit Hamilton, mit Prost, 1976 im Feuer. Am Ende: Der Österreicher wandert mit braunem Rucksack, ein Foto von hinten. Lauda ist den letzten Weg gegangen, verstorben vor sechs Wochen in Zürich.

Im Fahrerlager steht ein roter Rennwagen, er wirkt wie eine Mini-Ausgabe eines aktuellen, zusammengestaucht. Damals, Mitte der 70er-Jahre, ist es das Gefährt, das es zu schlagen gilt. Mit Lauda am Steuer. 1975 gewinnt er die WM, 1977 auch, 1976 fehlt ihm ein Punkt auf James Hunt im McLaren, weil ihn sein Unfall auf dem Nürburgring zwei Rennen gekostet hat. Den Konstrukteurstitel gewinnt Ferrari gleichwohl zum dritten Mal in Serie.

1988–1991: McLaren

Es gibt ein Team, das den anderen nur Brosamen lässt. Und doch ist es die vielleicht aufregendste Zeit in der Formel 1. Ayrton Senna gegen Alain Prost, so lautet das teaminterne Duell bei McLaren, es ist ein feuriges, mitreissendes, mitunter gehässiges. Prost ist das Mass aller Formel-1-Dinge, als der Brasilianer 1988 kommt. Zwei Titel hat der Franzose schon geholt für den Rennstall aus Woking, der über allen steht. In acht Jahren bis 1991 holt dieser sieben Titel, durchbrochen wird die Phalanx nur 1987 von Nelson Piquet im Williams.

Ab 1988 haben also auch die beiden Lichtgestalten des Sports nur sich zum Kampf auf der Strecke. Senna gewinnt ihn in seinem ersten Jahr – weil die fünf schlechtesten Resultate gestrichen werden. In der Folgesaison ist die Stimmung angespannt – und beim zweitletzten Rennen in Japan auf dem Tiefpunkt. Senna muss gewinnen, um noch Chancen auf den Titel zu haben. Er will Prost in einer Schikane überholen, dieser wehrt sich, die Autos verhaken sich, Prost glaubt, Weltmeister zu sein. Senna lässt seinen Wagen anschieben, gewinnt – und wird disqualifiziert, weil er nach dem Unfall eine Abkürzung nahm.

Prost wechselt als Weltmeister zu Ferrari. 1990 und 1991 bringt Senna die dominante Phase von McLaren mit zwei Titeln – und einem Rammstoss gegen Prost 1990 in Japan – zu Ende.

1992–1994: Williams

Williams ist dreimal hintereinander das beste Team, Nigel Mansell und Prost sind die Weltmeister. Auch 1994 ist es das, doch das spielt eine Nebenrolle in dieser Saison, in der mit aller Wucht ein Loch in die Formel 1 gerissen wird. Senna, von McLaren gekommen, verunfallt in Imola tödlich. David Coulthard und für ein paar Rennen Mansell versuchen, den Unersetzlichen zu ersetzen. Sie sind erfolglos. Teamkollege Damon Hill dagegen feiert sechs Siege. Für den Titel reicht es dennoch nicht. Diesen schnappt sich Michael Schumacher im Benetton. Wird er ein Grosser?

1999–2004: Ferrari

Die erste Antwort gibt Schumacher 1995 mit seinem zweiten Titel. Doch so richtig startet der Deutsche nach der Jahrtausendwende durch. Wie bei Benetton auch bei Ferrari mit «Superhirn» Ross Brawn an seiner Seite, der vom Kommandostand aus brillante Strategien ausheckt, und mit Jean Todt als ihm freundlich gesinnter Teamchef wird er zum Überfahrer der Formel 1. Fünfmal in Folge krönt sich Schumacher zum besten Piloten der Königsklasse, er tut das mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln. Mit sieben Titeln ist er bis heute der erfolgreichste Fahrer. Auf den Plätzen 2 und 3 folgen Lewis Hamilton (5) und Sebastian Vettel (4).

2010–2013: Red Bull

Was war das nicht für ein erfrischendes Gesicht, das plötzlich vom Formel-1-Podest in die Menge grinste. Sebastian Vettel, 23, unverbraucht, locker, Weltmeister. Der jüngste – bis heute. Im sechsten Jahr hat Red Bull ein Auto gebaut, das Vettel im letzten Rennen zum Titel fahren lässt.

Aus der ersten Aufregung wird Routine. 2011 souverän, 2012 mit Ach und Krach gegen Fernando Alonso im Ferrari und 2013 noch einmal hoch überlegen holt er sich den Pokal. Eine Saison später geht er den Weg seines Jugendidols Michael Schumacher, er wechselt zu Ferrari. Das erfrischende Gesicht hat seither ein paar Furchen mehr bekommen.

Erstellt: 28.06.2019, 22:58 Uhr

GP von Österreich – Dreher und gebrochene Frontflügel

Gestern Nachmittag baten die grossen drei Teams zum Tanz. Erst vollführte Max Verstappen in seinem Red Bull eine Pirouette auf der Heimstrecke und krachte rückwärts in die Begrenzung. Dann verlor Valtteri Bottas die Kontrolle über seinen Mercedes und donnerte in die Reifenstapel. Ehe es Sebastian Vettel erwischte. Immerhin konnte der Deutsche bei seinem Dreher einen Schaden am Ferrari verhindern. Probleme hatte auch WM-Leader Lewis Hamilton. «Ein paar Frontflügel» habe er verbraucht auf der Piste, die mit ihren hohen Randsteinen Fehler gnadenlos bestraft. Tagesschnellster war er dennoch. (rha)

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