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Saubers Kampf abseits der Rennstrecke

Das Schweizer Formel-1-Team hakt die Saison 2017 ab und widmet sich ganz dem Umbruch. Die Stimmung ist angespannt.

René Hauri
Wird es nächstes Jahr besser? Ferrari hat Sauber «umfangreiche technische Hilfe» versprochen.
Wird es nächstes Jahr besser? Ferrari hat Sauber «umfangreiche technische Hilfe» versprochen.
Keystone

Die Formel 1 ist in Aufregung, im Fieber des Titelkampfs. Hamilton gegen Vettel, Mercedes gegen Ferrari, nur drei Punkte trennen die beiden vor dem heutigen Grand Prix von Singapur, dem siebtletzten Rennen der Saison. Spannung pur, Emotionen pur, es kribbelt.

Es ist ein kräftiges Lebenszeichen der schon fast totgesagten Königsklasse des Automobilsports, der lang ersehnte Ausbruch aus der lähmenden Langeweile. Mit entsprechend viel Hysterie und Nervosität wird das prickelnde Duell verfolgt. Und dann gibt es das Team, das weiter entfernt davon nicht sein könnte, weiter weg von dieser elektrisierenden Stimmung. Dabei könnte es durchaus ein stolzer Jubilar sein, dieses Team Sauber, dessen Autos eine goldene 25 ziert. Ein Vierteljahrhundert in der höchsten Klasse, im Milliarden-Zirkus der Grosskonzerne, trotz all der Mühsal und all der Tiefschläge – das allein verdient eine Menge Respekt.

Für Sauber heisst es zurzeit: Dabei sein ist alles

Jubeln mag bei den Schweizern deswegen aber keiner, dabei sein kann nie alles sein im Sport. Mehr aber können sie derzeit nicht, als nur dem Feld hinterherzufahren, mit einem Vorjahresmotor von Ferrari und einem Chassis, das denjenigen der Konkurrenz um Längen unterlegen ist. Schnell wurde offensichtlich, dass Sauber die Zeit gefehlt hat im letzten Jahr, als erst nach dem Verkauf des Unternehmens Ende Juli ernsthaft mit dem Bau des Autos für 2017 begonnen werden konnte – ein halbes Jahr und mehr nach den anderen.

Auch die vermeintlichen Verbesserungen, die die Schweizer dank des Geldes der neuen Besitzer wieder einmal aufs Jahr verteilt an ihrem Sauber C36 vornehmen konnten, verfehlten ihre erwünschte Wirkung allesamt. Ein kleines sogenanntes Aerodynamik-Update kam noch für dieses Wochenende in Singapur, eines soll in Suzuka folgen. Das wars.

Das Jahr 2017 haben sie längst abgehakt in Hinwil, die neuen Teile sollen vor allem dazu dienen, Erkenntnisse für das nächstjährige Modell zu liefern. «Für mich ist klar, dass wir an unserer Situation bis Ende Jahr nichts mehr ändern können», sagt Frédéric Vasseur, der neue Teamchef. Zehnter und Letzter dürfte Sauber also bleiben, Gelder aus dem Einnahmetopf der Formel 1 gibt es auch so. Wohl auch deshalb hat man sich «relativ früh» entschieden, sich auf das neue Auto zu konzentrieren, «das komplett neu aufgebaut wird», wie Vasseur sagt.

Chef Vasseur versucht, das Team bei Laune zu halten

Doch eben: Noch sind sieben Rennen zu fahren. Die Situation ist für die Mannschaft an der Strecke und insbesondere die Fahrer Pascal Wehrlein und Marcus Ericsson nicht motivierend – diese warten noch immer auf einen Vertrag für 2018. Um die diffizile Lage weiss der Chef. Bei jeder Gelegenheit sagt er deshalb: «Wir müssen das Feuer behalten und so sehr kämpfen, als ginge es um die Poleposition.» Die Tatsache, dass er das immer und immer wiederholen muss, zeigt, wie schwierig es ist, sein Team bei Laune zu halten.

Die Stimmung bei Sauber ist angespannt, was man von der Zukunft erwarten soll, wissen sie auch jetzt noch nicht, mehr als ein Jahr nach der Übernahme durch die Investmentgesellschaft Longbow Finance. Der Rennstall befindet sich im Umbruch. Sonst kommunikative Teammitglieder mögen derzeit nicht reden. Zu unklar ist, wohin es geht mit diesem Team, wer bleiben darf, wer ersetzt wird, wie die Struktur aussehen wird. Fahrer Pascal Wehrlein sagt: «Es kommen immer wieder neue Leute dazu, vor allem Ingenieure.»

Einige mussten mit der einstigen Chefin gehen, mit Monisha Kaltenborn, die Ende Juni entlassen und durch Vasseur ersetzt wurde. Gemäss internen Quellen hatten sich zwei Lager gebildet. Demnach hatte sich die Österreicherin mit dem neuen Technischen Direktor Jörg Zander überworfen – die Besitzer sollen sich auf die Seite des Deutschen geschlagen haben. Noch ist der Prozess des Wiederaufbaus in Gang.

Die Frage ist einzig: Woher sollen die 80 Neuen kommen?

Wenn es nach Vasseur geht, soll daraus gar ein mächtiger Ausbau werden. Rund 320 Angestellte hat Sauber derzeit, der Franzose träumt von 400. Nur zu Zeiten, als BMW noch das Sagen hatte in Hinwil, waren es mit zwischenzeitlich über 600 noch mehr gewesen. «Wir müssen wachsen, und zwar in jedem Bereich, speziell aber in der Aerodynamik-Abteilung», sagt Vasseur, der im letzten Jahr bereits die Belegschaft bei Renault von 470 auf 600 aufgestockt hatte.

In diesem hoch spezialisierten Gebiet die passenden Leute zu finden, gleicht aber einer Mammutaufgabe, zumal die Besten ihres Fachs bereits anderswo unter Vertrag sind. Zudem ist Vasseurs Vorhaben kostspielig, mit dem aktuellen Budget von knapp über 100 Millionen Franken würde der Rennstall künftig nicht mehr auskommen. «Ja, man muss das anpassen», sagt der 49-Jährige, «aber das ist nicht das Schwierigste am Ganzen.» Offenbar also haben ihm die Eigentümer grünes Licht gegeben für den Ausbau.

Mit 400 Angestellten würde sich Sauber zwar immer noch weit weg von den Spitzenteams befinden – Ferrari und Mercedes sind bei fast 1000 angekommen, die je rund 500 Leute der Motorenabteilung noch nicht mitgezählt –, für ein Mittelfeldteam aber, als das sich Sauber längerfristig wieder sieht, ist das eine stattliche Anzahl. Williams (530) und Renault (600) bewegen sich noch in etwas anderen Sphären, Toro Rosso und Force India aber hätten die Schweizer damit – zumindest quantitativ – überholt. Einzig der US-amerikanische Rennstall Haas fällt mit seinen etwas mehr als 200 Angestellten ab. Doch dieser hat auch eine Ausnahmestellung in der Formel 1. Die Amerikaner beziehen Motor und Getriebe von Ferrari. Doch nicht nur das, sie lassen sich auch zahlreiche weitere technische Komponenten und Bauteile aus Maranello liefern und loten damit das Reglement aus.

Die Ferrari-Bosse waren diese Woche zu Besuch in Hinwil

Nachdem Sauber-Chef Vasseur Ende Juli als erste Amtshandlung den von Vorgängerin Kaltenborn ausgehandelten Deal mit Honda als neuem Motorenpartner zerschlagen hat, wird Sauber 2018 ebenfalls weiter mit den Italienern zusammenarbeiten. Auch der Franzose plant eine engere Anbindung an die Scuderia, die Rede ist von «umfangreicher technischer Hilfe». Wie genau das aussehen könnte, ist Gegenstand von Verhandlungen.

Um dem traditionsreichsten Formel-1-Rennstall ein Entgegenkommen zu erleichtern, wird Sauber 2018 wohl mindestens einen Ferrari-Nachwuchsfahrer einsetzen. Der Monegasse Charles Leclerc hat die besten Aussichten. Der 19-Jährige führt die Nachwuchsserie Formel 2 klar an, Ferrari drängt darauf, dass er bald in der Königsklasse debütiert.

Diese Woche waren Ferrari-Präsident Sergio Marchionne und Teamchef Maurizio Arrivabene zu Besuch in Hinwil. Vielleicht auch, um in dieser Sache ihre Position noch einmal klarzumachen. Fakt jedenfalls ist, dass die Chancen von Pascal Wehrlein auf einen nächsten Vertrag mit Sauber klein sind – während Marcus Ericssons Platz kaum gefährdet sein dürfte.

Wehrlein ist genervt von den Spekulationen

Seit Jahren wird der Schwede von Finn Rausing unterstützt, Mitinhaber des Familienkonzerns Tetra Laval. Sauber-Besitzerin Longbow Finance ist ein Ableger des milliardenschweren Verpackungsimperiums. Sauber ohne Ericsson ist daher nur schwer vorstellbar.

Das weiss auch Wehrlein: «Ich denke nicht, dass ich noch Platz habe bei Sauber.» Mercedes, dessen Juniorenprogramm Wehrlein durchlief, sucht für ihn nach Alternativen. In der Formel 1 sind diese rar, weshalb spekuliert wird, der Deutsche könnte in die Tourenwagenmeisterschaft DTM zurückkehren, die er 2015 gewann und wo Mercedes 2018 zum letzten Mal antritt. Wehrlein nerven die Mutmassungen, sein Gesichtsausdruck verrät das auch in Singapur. Das Einzige, was er auch jetzt sagen kann: «Es gibt keine Neuigkeiten. Ich konzentriere mich auf dieses Wochenende.» Das dürfte ihm nicht leichtfallen. Das dürfte dem ganzen Team Sauber nicht leichtfallen. Beide beschäftigt vor allem die Zukunft.

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