«Harry Potter» bringt bei Ferrari die Magie zurück

Der Italo-Schweizer Mattia Binotto steht als Teamchef für ein neues, erfolgreiches Ferrari. Der 49-Jährige sorgt für die dringend benötigte Ruhe im Rennstall.

Ein Pragmatiker, der dem oft überdrehten Ferrari-Team guttut: Mattia Binotto. Foto: Reuters

Ein Pragmatiker, der dem oft überdrehten Ferrari-Team guttut: Mattia Binotto. Foto: Reuters

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Natürlich bewegen sich auch seine Lippen, wenn «Fratelli d’Italia» aus den Lautsprechern hallt, dieses lupfige Stück italienischer Kultur. Alles andere grenzte an Hochverrat. Doch wenn Mattia Binotto in der roten Masse mitsingt zur durchgetakteten Hymne, die in jüngster Vergangenheit nach Formel-1-Rennen fast schon inflationär gespielt wurde, sticht der 49-Jährige heraus.

Dem Gros seiner Mitarbeiter drohen ob der theatralischen Schreierei die Äderchen im Gesicht zu platzen, Binotto steht in der zweiten Reihe, beherrscht, wohltuend bedacht in diesem Augenblick der totalen Euphorie.

Die Bilder, die nach den letzten drei Grands Prix zu sehen waren, nach den Triumphen von Charles Leclerc in Belgien und Italien, dem unvermittelten Doppelsieg in Singapur mit Sebastian Vettel zuoberst, sie sagen so viel aus über die Scuderia Ferrari Ausgabe 2019. Sie hat auf diese Saison hin einen Chef bekommen, der pragmatisch ist, einen ruhigen Denker, keinen, der in der Masse mitbrüllt wie sein Vorgänger Maurizio Arrivabene. Es bekommt ihr ganz gut.

Zum Unruheherd entwickelt

Eine Serie wie jüngst erlebten die Italiener letztmals 2008, vor elf Jahren also. Damals reihten Kimi Räikkönen und Felipe Massa abwechselnd vier Siege aneinander, am Ende verlor der Brasilianer den WM-Titel um einen Punkt an Lewis Hamilton im McLaren, immerhin wurde Ferrari Konstrukteursweltmeister. Es blieb bis heute der letzte Moment der Herrlichkeit. Seither schrieben andere an der Formel-1-­Geschichte, Button im Brawn, Vettel im Red Bull und in erdrückender Manier Mercedes mit Hamilton und Rosberg.

Der Kriechgang der einstigen Dauerweltmeister aus Maranello hat durchaus etwas mit dem zu Überspannung neigenden Gemüt der Südländer zu tun. Das Team entwickelte sich mit zunehmender Dauer der Erfolglosigkeit zum Unruheherd.

Nirgends zeigte sich das so deutlich wie in der Saison 2014, als auf Hybridantriebe umgestellt wurde, womit Ferrari nicht allzu viel Gescheites anzustellen wusste. Im April ersetzte Marco Mattiacci den zurückgetretenen Stefano Domenicali als Teamchef, im November kam Arrivabene für Mattiacci. Der langjährige Präsident Luca di Montezemolo musste gehen. Sergio Marchionne übernahm, ein Mann, der gern auch gegen die eigenen Leute polterte. Teamchef Arrivabene stand ihm in Sachen Emotionalität in nichts nach, wirkte manchmal fahrig, bisweilen auch wirr. Allein 2014 wurden über 100 Positionen neu besetzt.

«Harry Potter» passt nun auch zu ihm, weil geradezu magisch ist, was Ferrari zuletzt ­vollführte.

Als zwei Jahre darauf, im Sommer 2016, auch James Allison als Technikchef gehen musste, war der Augenblick gekommen für den Aufstieg eines anderen langjährigen Mitarbeiters: Mattia Binotto. Er beerbte den Engländer, der zu Mercedes zog, und brachte den Ferrari in der Folge so weit, dass er eigentlich gut genug wäre für den WM-Titel, würden nicht am Kommandostand und im Cockpit zu viele Fehler gemacht. Im Frühjahr also erklomm Binotto die letzte Hierarchiestufe, er gewann einen internen Machtkampf gegen Arrivabene.

Seither ist es auffallend ruhig geworden um den Traditionsrennstall. Das liegt an der neuen Führung des Konzerns um John Elkann, den Vorstandsvorsitzenden der Fiat-Gruppe, und Ferrari-CEO Louis Camilleri, der auf den 2018 verstorbenen Marchionne folgte. Das liegt aber vor allem an Binotto, der die Geschicke mit der Besonnenheit des Technikers führt, der er ist.

Der steile Aufstieg

1994 schloss der in Lausanne geborene Italo-Schweizer sein Maschinenbaustudium an der dortigen ETH ab, ein Jahr später kam er bei Ferrari unter, erst im Testteam, zwei Jahre darauf in der Formel 1. 2004 stieg er zum Renningenieur, dann zum leitenden Ingenieur, 2009 zum Chef der Motorenentwicklung und 2014 zum stellvertretenden Motorenchef auf. Und mit 49 also ist Binotto an der Spitze angelangt.

Er macht seine Sache dort derart gut, dass sein Übername «Harry Potter», erhalten wegen seiner Wuschelfrisur und der dick umrandeten runden Brille, nun auch aus anderem Grund passt. Was Ferrari zuletzt vollführte, ist geradezu magisch.

Höhepunkt war der Doppelsieg am letzten Sonntag in Singapur. Doch ganz glatt kam dieser nicht zustande, es gab hinterher internen Redebedarf, und in anderen Jahren wäre die Situation womöglich eskaliert. Vettel hatte Teamrivale Leclerc dank einer taktischen Entscheidung des Teams den Sieg weggeschnappt. So etwas setzt für gewöhnlich eine Menge Sprengkraft frei. Nicht unter Binotto.

Vor dem Grand Prix von Russland hat sich die Lage bereits beruhigt. Leclerc, der sich während des Rennens fürchterlich aufgeregt hatte, sagt: «Die Ernüchterung ist verflogen und hat der Freude Platz gemacht. Wir reisten nach Singapur und dachten, dass wir mit Glück einen Podestplatz erringen könnten. Dann gab es einen Doppelsieg. Das stellt dem ganzen Team ein tolles Zeugnis aus.» Und: «Ich kann mich auch für Sebastian freuen.»

Vettel hatte auf dem Podest ein Plakat hochgehalten. «Essere Ferrari» stand darauf, «Ferrari sein», der Slogan des Teams seit dieser Saison. Um das zu leben, braucht Binotto nicht zu brüllen, wenn wieder einmal «Fratelli d’Italia» aus den Lautsprechern dröhnt.

Erstellt: 28.09.2019, 19:10 Uhr

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