Statt zu Rekorden rast der Doktor nur noch zu Tiefpunkten

Valentino Rossi (40) hat das schlechteste Halbjahr seiner langen Karriere hinter sich und ist ein Schatten seiner selbst. Wie lange tut er sich das noch an?

«Früher oder später werden wir sagen müssen, dass es genug ist»: Valentino Rossi.

«Früher oder später werden wir sagen müssen, dass es genug ist»: Valentino Rossi. Bild: AFP

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Oft passiert es ja nicht, dass der Doktor sprachlos wird. Normalerweise ist er eher schwatzhaft, meistens zu Scherzen aufgelegt und fast immer gut gelaunt. Zumindest wirkt Valentino Rossi so, gegen aussen.

Doch seine sportliche Krise schlägt ihm aufs Gemüt. Der Superstar wird stiller. Und ratloser. Nachdem er beim letzten GP auf dem Sachsenring wieder nur Achter wurde und klar gewesen war, dass er mit lediglich 80 Punkten in die Sommerpause gehen würde, so wie letztmals 1996, in seinem ersten Jahr als WM-Fahrer, da fragte er ungläubig zurück: «Ich bin noch schlechter als damals bei Ducati? Ernsthaft? Mir fehlen die Worte.»

Ja, ernsthaft: So erfolglos wie derzeit war der Superstar bestenfalls zu Beginn seiner Karriere, noch vor seinen neun WM-Titeln. Und ja: Der letzte all dieser Titel mag inzwischen ein Jahrzehnt zurückliegen, trotzdem war der Italiener auch in den zehn Jahren seither eine prägende Figur und immer wieder für Podestplätze (70) und auch Siege (12) gut. Und bei den Fans populärer als alle Konkurrenten zusammen. Die Motorrad-WM ohne Rossi? Undenkbar. Marquez-Dominanz hin oder her.

Was Rossi besonders zu denken gibt: Auf einmal ist selbst seine Yamaha chancenlos. 2011 und 2012 hatte er es auf der Ducati versucht und so die Sehnsüchte der Motorradfans in der Heimat gestillt. Zumindest vermeintlich: der italienische Superstar auf der italienischen Marke. Stattdesssen wurde der Wechsel zum Debakel: Die Ducati war nicht konkurrenzfähig, und nicht einmal Rossi konnte das ausbügeln.

Sturz, Sturz, Sturz – der erste Dreier seiner Karriere

Seit 2013 sitzt er aber wieder auf der Yamaha, seiner Yamaha YZR-M1, mit der er vier seiner sieben MotoGP-Titel gewonnen hat. Doch der Unterschied zu früher: Sie ist lange nicht mehr so zuverlässig – schliesslich kommt auch Teamkollege Maverick Viñales viel weniger vom Fleck als gehofft. Und: Rossi begeht mittlerweile Fehler, wie man sie nicht von ihm gewohnt ist. Im Juni etwa schied er gleich bei allen drei Rennen aus, in Assen, in Katalonien und – besonders frustrierend – bei seinem Heimrennen in Mugello. Noch so eine bittere Premiere in seiner ­Karriere: Nie zuvor war er drei Rennen in Folge ohne WM-Punkte ­geblieben.

Immerhin mit acht ging er vom Sachsenring in die Sommerpause, doch wenn heute auf der Traditionsstrecke von Brünn die WM weitergeht, stehen Rossi und Yamaha unter Erfolgsdruck. «Wenn wir die Probleme nicht endlich ­lösen, werden wir bald sehr grosse Schwierigkeiten haben», sagte Rossi der «Gazzetta dello Sport». Und tätigte dann den Satz, der aufhorchen lässt: «Früher oder später werden wir sagen müssen, dass es genug ist.»

Anfang 2018 hat Rossi seinen Vertrag beim japanischen Rennstall nochmals verlängert, um zwei Jahre bis Ende 2020. Und sowohl er als auch Teamchef Lin Jarvis wurden bis anhin nicht müde, zu betonen, dass dies nicht der letzte Vertrag gewesen sein muss. Aber inzwischen ist Rossi 40, und inzwischen erwähnt er dieses Alter in Interviews sogar selbst. Trotzdem blockt Yamaha Fragen zum möglichen Karriereende konsequent ab. Kontrollieren seine ­Presseverantwortlichen die Fragerunde – im Rahmen von Sponsorenterminen im eigenen Team­bereich beispielsweise –, wird das Thema gleich ganz verboten.

Was, wenn Marquez 2020 zu ihm aufgeschlossen hat?

Für einen Sportler mit dem Heldenstatus eines Valentino Rossi ist die Frage nach dem perfekten Karriereende besonders schwierig. Was, wenn er Ende 2020 zurücktritt, und sein letzter Sieg noch immer vom Juni 2017 datiert? Und gleichzeitig Marc Marquez selbst zum neunten Mal Weltmeister wird? Wo steht Rossi dann im Vergleich mit dem erst 26-jährigen Katalanen? Ist er tatsächlich noch der «GOAT», der Grösste aller Zeiten? Wobei die Frage bleibt, wo in diesem Ranking sich der legendäre Giacomo Agostini einreiht.

Nicht anzunehmen, dass Rossi derzeit gross über Rankings dieser Art nachdenkt. Als Rennfahrer lebt er in der Gegenwart, nimmt man Session für Session, Training für Training und Rennen für Rennen. «Und wenn ich die Daten analysiere», sagt Rossi, «sehe ich klar, dass ich immer noch schnell sein kann.» Nur ist er selbst Realist ­genug, um zu ahnen, dass ihm das für die 2019er-WM kaum noch ­etwas bringt. Vor dem Brünn-GP sagt er deshalb: «Für uns läuft jetzt schon die Vorbereitung für 2020.»



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Erstellt: 04.08.2019, 10:41 Uhr

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