«Man flucht ständig in den Helm»

19 Rennen, kein einziger Punkt – Tom Lüthi über sein härtestes Jahr, sehr viel Frust und Machtlosigkeit.

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Null Punkte, letzter Platz aller Stammfahrer – fühlten Sie sich als schlechtester Pilot im Feld?
Diese Rangliste ist brutal, aber ­irgendwann wurde sie mir egal. Ich hatte andere Probleme.

Nämlich?
Ich hatte kein Vertrauen mehr, stürzte, befand mich in einer Abwärtsspirale und konnte mich nirgendwo festhalten. Ich stand alleine da und konnte das Ruder nicht mehr herumreissen. Ich war machtlos und sprachlos. So etwas habe ich noch nie erlebt.

Wann haben Sie gemerkt, dass etwas nicht stimmt?
Früh. Schon beim ersten Rennen in Katar sprachen die Chefs nicht mehr miteinander.

Sie meinen Teambesitzer Marc van der Straten und Teamchef Michael Bartholemy.
Ja. Ab dem Europa-Auftakt in Jerez ging es richtig los. Und beim nächsten GP in Le Mans erschienen am Samstagmorgen die ersten Leute nicht mehr zur Arbeit.

Was bedeutete das für Sie?
Ich bekam nicht mehr die Unterstützung, die ich gebraucht hätte. Das Team hatte einen Ruf als professionell geführter Rennstall, und deshalb hatte ich gehofft, ich würde beschützt an die neue Klasse herangeführt. Aber ich hatte zum falschen Zeitpunkt dorthin gewechselt. Das kam für mich als böse Überraschung.

Sie fanden den Tritt in der MotoGP nie.
Ich habe unterschätzt, wie schwer es wog, dass ich die ersten Tests wegen meiner Verletzung verpasst hatte. Ich hätte gedacht, dass ich das schneller und mit grösseren Schritten aufholen kann. Aber ich merkte früh: «Mist, ich bin ja viel zu langsam.» Der Rückstand selbst auf meinen Teamkollegen Franco Morbidelli wurde nicht kleiner. Es war gut, kannte ich den Cheftechniker (Gilles Bigot) schon lange, aber der kannte das Motorrad nicht. So schwammen wir ständig, während Morbidelli alles im Griff zu haben schien. Und dann kam der Krach, dabei wäre ich doch vom Team abhängig gewesen. So musste ich durchbeissen und die Saison irgendwie durchziehen.

Wähnten Sie sich im falschen Film?
Völlig! Völlig! Erst konnte ich das nicht ernst nehmen. Doch dass in dieser Situation, in der keine Führung und kein Management mehr besteht, jeder erst einmal für sich schaut, ist verständlich. Für die Mechaniker ging es um existenzielle Dinge. Es war krass.

Standen Sie auf einer Seite?
Das konnte ich mir nicht erlauben, ich hätte sonst vielleicht gar nicht mehr auf das Motorrad sitzen können. Nein, mein Motto war: «Klappe zu und durch.»

Welche Gefühle herrschten bei Ihnen vor?
Enttäuschung. Sehr viel Frust. Machtlosigkeit. Ich fühlte mich im Stich gelassen. Ich versuchte, besser zu werden, aber das war so einfach nicht möglich.

«Es gab Phasen, in denen ich mich fragte, was der ganze Mist soll. Was ich hier tue.»

Gab es einen Moment, in dem Sie resignierten?
Es gab selbstverständlich Phasen, in denen ich mich fragte, was der ganze Mist soll. Was ich hier eigentlich tue. Aber dann setzte ich mich wieder auf das Motorrad und versuchte, bis zur Zielflagge mein Bestes zu geben. Spass machte es natürlich schon lange keinen mehr, aber einfach noch ein bisschen zu fahren, damit das Jahr irgendwann zu Ende geht, wäre viel zu gefährlich gewesen. Zum Plausch setzt sich keiner auf diese Maschinen.

Ein Rennwochenende ist lang, drei freie Trainings, zwei ­Qualifyings, das Warm-up, das Rennen – und fast immer waren Sie chancenlos. Wie konnten Sie sich trotzdem immer wieder motivieren?
Das Ziel war der eine WM-Punkt. Und: viel zu lernen, dranzubleiben, besser zu werden. Es gab ja einzelne Trainings, in denen es mir lief, ich Fünfter war. Das hat mir gezeigt, dass ich das Töfffahren nicht verlernt habe. Das habe ich zwischendurch gebraucht.

Sonst hätten Sie den Glauben ganz verloren.
Natürlich, wenn du immer am Schwanz rumkurvst.

Gewöhnt man sich ans ­Hinterherfahren?
O nein, da flucht man ständig in den Helm.

Und nachts im Hotel kamen Ihnen die Tränen?
So weit war ich nicht. Aber es war hart, am Sonntagmorgen aufzustehen und arbeiten zu gehen. Ich musste mich zwingen.

Wer hat Ihnen dabei geholfen?
Das enge Umfeld natürlich. Oder mein Manager Daniel (Epp), für seine Hilfe bin ich sehr dankbar. Technisch konnte auch er mir nicht helfen, das erwarte ich aber gar nicht von ihm. Organisatorisch nahm er mir jedoch viel ab.

Haben Sie auch das ­Mentaltraining intensiviert?
Der Kontakt zum Sportpsychologen wurde wieder enger. Das ist aber vor allem für die Zukunft wichtig, denn ich weiss jetzt, was falsch gelaufen ist, wo ich anpacken und investieren, was ich besser machen muss. Der Sportpsychologe ist ein Teil davon, auch einen Fahrtrainer brauche ich, der regelmässig da ist.

Hätten Sie einen solchen nicht 2018 schon brauchen können?
Es gab in unserem Team ja einen, Stefan Prein, er war seit Jahren dabei. Von ihm habe ich mir viel versprochen, aber nach drei, vier Rennen war auch er weg.

War es ein verlorenes Jahr?
Nein, ich würde alles trotzdem wieder machen. Es war in meiner Karriere die einzige Chance, die Sinn machte, MotoGP zu fahren. Doch es lief halt einfach doof, es lief extrem vieles schief. Trotz allem kann ich viel mitnehmen, es war eines meiner härtesten Jahre, und die Machtlosigkeit hat mich enorm belastet. Das hat mich geprägt und weitergebracht. Zumindest hoffe ich das. Aber was bleibt mir auch anderes übrig? (lächelt)

Denken Sie, Sie wären unter anderen Voraussetzungen nicht so chancenlos gewesen, nicht so punktelos?
Das kann ich nicht beantworten. Was bringt es mir, zu klagen: «Hätte ich bloss eine Yamaha gehabt»? Oder dies oder jenes. Was bringt mir der Konjunktiv?

Also zurück zur Einstiegsfrage: Hatten Sie je das Gefühl, der Schlechteste zu sein?
Fahrerisch bewegte ich mich auf Augenhöhe mit Morbidelli, davon bin ich überzeugt. In der Moto2 hatten wir gegeneinander um den Titel gekämpft. Ich war auf keinen Fall der schlechteste Fahrer im Feld. Es stimmt wohl schon: Mit einem anderen Paket hätte ich das beweisen können.

Nun kehren Sie zurück zur Moto2. Weshalb?
Ich hatte zehn Angebote aus dieser Klasse, und ich bin sehr froh darüber, wo ich gelandet bin.

Beim deutschen Team Dynavolt Intact GP. Warum?
Das Team ist gut aufgestellt, investiert ständig und war zumindest in den Trainings immer schnell. Entscheidend für mich war zudem, dass ich das Vertrauen spürte. Das sind motivierte Leute, die an mich glauben.

«Als ich das neue Motorrad testete, war das für mich wie ein zweiter Frühling.»

Das wissen Sie schon nach wenigen Treffen?
Beim letzten Saisonrennen in Valencia bin ich gestürzt, es war bezeichnend. Ich lag im Kies und dachte: Nur weg von hier. Es reicht! Eine Woche später standen Testfahrten mit dem neuen Team und den neuen Bikes an, zwischendurch flog ich nach Hause, um Distanz zu gewinnen und abzuschliessen. Als ich wieder in Valencia ankam und erstmals das neue Motorrad testete, war das wie ein zweiter Frühling. Ich bin richtig aufgeblüht. Die Kommunikation im Team stimmte sofort, ich hatte ein gutes Gefühl und strahlte nur noch.

Ist es für Sie denn kein Abstieg?
Rein von der Klasse her schon. Aber ich fühle mich nicht als Absteiger. Dank der neuen, stärkeren Motoren und mehr Möglichkeiten in Sachen Elektronik ist die Moto2 näher dran an der ­MotoGP als früher. Es ist eine interessante, spannende Kategorie, selbst wenn die Unterschiede immer noch riesig sind.

Sehen Sie sich als Nummer 1 im Team?
Nein, mein Teamkollege Marcel Schrötter hat seine eigene Crew. Er ist länger dabei, fuhr 2018 erstmals aufs Podest, während ich der Neuling bin.

Jetzt machen Sie sich kleiner, als Sie sind.
(schmunzelt) Nach diesem Jahr gibt es auch keinen Grund, mich gross zu machen.

Die allgemeine Wahrnehmung ist: Nun fährt Lüthi wieder in jener Kategorie, in der er um den WM-Titel kämpfte – er ist also wieder Siegfahrer.
Das kann ich nachvollziehen, aber ich wurde vor dem Wechsel in die MotoGP zweimal Vizeweltmeister. Nicht Weltmeister.

Es ist verständlich, dass Sie nicht daherkommen und sagen, Sie würden Weltmeister.
Das wäre sogar total falsch. Ich darf die Aufgabe nicht zu locker nehmen, muss hart arbeiten. Die anderen Teams und Fahrer haben sich 2018 weiterentwickelt, für mich ist es eine Rückkehr.

Wieso ist Ihr bisheriger ­Cheftechniker Gilles Bigot nicht mehr dabei?
Ich hätte ihn gerne mitgenommen, aber er bleibt bis zu seiner Pensionierung lieber in der MotoGP. Er wäre deshalb der falsche Mann für mein Projekt gewesen.

Wie meinen Sie das?
Ich greife noch einmal an, fühle mich wie verwandelt. Der neue Cheftechniker ist ein junger Deutscher, der nicht viel Erfahrung besitzt, aber die Szene aus verschiedenen Perspektiven kennt. Wir haben viel Spass zusammen. Die Motivation ist zurück, ich spüre Enthusiasmus und Aufbruchstimmung. Das ist genau, was ich brauchte.

Erstellt: 21.12.2018, 15:07 Uhr

Moto2-Rückkehr nach turbulentem Jahr

Nach dem missglückten, einjährigen Ausflug in die Königsklasse MotoGP stehen die Signale bei Tom Lüthi auf Neustart. Der 32-jährige Emmentaler wechselt zurück in die Moto2-Klasse, in der er seit 2010 gefahren, zweimal WM-Zweiter geworden war und elf Grands Prix gewonnen hatte. Beim deutschen Rennstall Dynavolt Intact GP unterschrieb er einen Zweijahresvertrag.

Lüthis grösste Hoffnung: nicht nochmals interne Querelen zu erleben wie 2018. Beim belgischen Rennstall Marc VdS war es zu einem Rechtsstreit zwischen Geldgeber Marc Van der Straten und Teamchef Michael Bartholemy gekommen, der das Team komplett blockierte. Bartholemy verliess das Team vor Saisonhälfte, Ende Saison erfolgte der Rückzug aus der MotoGP. (wie)

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