Unruheherd Ferrari

Die Italiener sehnen sich nach dem Titel in der Formel 1. Der Auftaktsieg von Sebastian Vettel gibt ihnen Mut, die Anspannung aber bleibt.

Auf Sebastian Vettel ruhen die Hoffnungen der grossen Ferrari-Gemeinde.

Auf Sebastian Vettel ruhen die Hoffnungen der grossen Ferrari-Gemeinde. Bild: Keystone

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Es braucht nicht mehr als diese Bilder. Kein Kommentar. Kein Wort. Es reicht, die Mechaniker in Rot zu sehen, wie sie am Zaun stehen und mit Tränen in den Augen dem Mann zujubeln, der im Fokus der Kameras steht. Wie sie dann mit Inbrunst «Fratelli d’Italia» mitjohlen, die Hymne, die sie so lange nicht mehr gehört hatten nach einem GP.

In jedem einzelnen Gesicht ist das Gleiche abzulesen: unendliche Erleichterung. Einen Sieg gab es zum Formel-1-Auftakt in Australien für Ferrari. Sebastian Vettel hatte die Konkurrenz düpiert, vor allem Mercedes, das die Gegner in den letzten drei Jahren mit seiner Dominanz erdrückte. Ein Rennen brauchte es, um die Hoffnung zurückzubringen nach Maranello. Vielleicht, ja vielleicht wird es ja in diesem Jahr etwas mit dem WM-Titel. Neun lange Jahre warten die Italiener schon auf den 17. Triumph. Eine Ewigkeit für einen Rennstall, der zum Siegen verdammt ist, der nicht nur ein schönes Anhängsel ist für einen Grosskonzern, sondern für diesen essenziell, die wichtigste Auslage in dessen Schaufenster.

Entsprechend nervös wurden die Chefs in den Jahren des Kriechgangs. Nervös sind sie auch jetzt noch. Allen voran Sergio Marchionne, der gleich nach dem Sieg sagte: «Es wurde auch Zeit.» Und: «Es ist lediglich der erste Schritt auf einer langen Strecke.» Der nächste soll morgen beim GP von China folgen. Im Qualifying belegte Vettel Rang 2 – 0,186 Sekunden hinter Lewis Hamilton, der im Mercedes schon beim Saisonauftakt in Melbourne die Pole-Position erobert hatte.

Über 100 Positionen neu besetzt

Der Italo-Kanadier Marchionne ersetzte 2014 Luca di Montezemolo als Ferrari-Präsident. Und als solcher lässt er sich gerne öffentlich darüber aus, wenn sein Formel-1-Team wieder einmal eine Niederlage hat einstecken müssen. Unentwegt fordert der 64-Jährige Siege, Titel, Glorie wie zu den besten Zeiten. Der Druck – auch der öffentliche – ist gewaltig.

Maurizio Arrivabene, 2014 zum Teamchef ernannt, schien mit jeder Saison, in der es wieder nichts zu feiern gab, um Jahre zu altern. Er sieht sich auf dem Schleudersitz. Das nicht zu Unrecht. Bei Ferrari wird nicht allzu zimperlich mit Angestellten umgegangen, Geduld ist in diesem Umfeld des Erfolgszwangs nicht die grösste Tugend. Ende 2014 ersetzte nicht nur Arrivabene als Teamchef Marco Mattiacci und Marchionne als Präsident di Montezemolo, es wurden gleich auch die Design-, Motoren-, Technik- und Datenanalysechefs entlassen und insgesamt über 100 Positionen neu besetzt – im letzten Sommer musste mit James Allison auch der Technische Direktor gehen.

Vor der Saison 2015 kam auch ein neuer Fahrer. Fernando Alonso hatte das Team entnervt Richtung McLaren verlassen – wo er sich nun nach den Problemen bei Ferrari zurücksehnen dürfte. Vettel wurde als neuer Teamkollege von Altmeister Kimi Räikkönen präsentiert, als Heilsbringer auch, er, der vierfache Weltmeister, ein Deutscher – wie Michael Schumacher, Anfang der 2000er-Jahre der Erlöser für die Italiener.

Doch eben: Die Erfolge stellten sich nicht ein. Zu gross war der Rückstand, den sich Ferrari bei der Umstellung von 2,4-Liter-V8-Motoren auf V6-Turbo-Hybrid-Motoren gegenüber Mercedes eingehandelt hatte. 2014, im ersten Jahr nach der Regeländerung, gewann Ferrari nicht ein Rennen, 2016 ging es erneut leer aus. Zuletzt hatte das der älteste Formel-1-Rennstall 1993 erlebt.

Nun soll alles anders werden, besser natürlich. Der erste Sieg soll nur Vorgeschmack gewesen sein auf das, was noch folgt. Und wenn es wieder nichts wird mit dem ersehnten Titel? Vielleicht würde dann den Entscheidungsträgern ein Blick in die Vergangenheit helfen: Das Erfolgstrio Ross Brawn, Jean Todt und Michael Schumacher hatte vier Jahre gebraucht, ehe 2000 der Durchbruch gelang.

Shanghai. Grand Prix von China. Startaufstellung: 1 Lewis Hamilton (GBR), Mercedes, 1:31,678 (214,049 km/h). 2 Sebastian Vettel (GER), Ferrari, 0,186 Sekunden zurück. 3 Valtteri Bottas (FIN), Mercedes, 0,187. 4 Kimi Räikkönen (FIN), Ferrari, 0,462. 5 Daniel Ricciardo (AUS), Red Bull, 1,355. 6 Felipe Massa (BRA), Williams, 1,829. 7 Nico Hülkenberg (GER), Renault, 1,902. 8 Sergio Pérez (MEX), Force India, 2,028. 9 Daniil Kwjat (RUS), Toro Rosso, 2,041. 10 Lance Stroll (CAN), Williams, 2,542. - Nach dem zweiten Teil des Qualifyings ausgeschieden: 11 Carlos Sainz (ESP), Toro Rosso. 12 Kevin Magnussen (DEN), Haas. 13 Fernando Alonso (ESP), McLaren. 14 Marcus Ericsson (SWE), Sauber. 15 Antonio Giovinazzi (ITA), Sauber. - Nach dem ersten Teil des Qualifyings ausgeschieden: 16 Stoffel Vandoorne (BEL), McLaren. 17 Romain Grosjean (FRA), Haas. 18 Jolyon Palmer (GBR), Renault. 19 Max Verstappen (NED), Red Bull. 20 Esteban Ocon (FRA), Force India. - 20 Fahrer im Qualifying.

Erstellt: 08.04.2017, 12:29 Uhr

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