Von Vettel fällt eine tonnenschwere Last

Der Deutsche gewinnt in Singapur überraschend sein erstes Rennen seit über einem Jahr. Er lässt einen verärgerten Charles Leclerc hinter sich.

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Für einmal nippte Charles Le clerc nicht nur an der Champagnerflasche, er nahm grosse Schlucke. Es sollte wohl helfen, seine Nerven zu beruhigen. Die waren arg strapaziert worden auf diesen 61 Runden bei brütender Hitze in Singapur, die eigentlich zu seiner Triumphfahrt hätten werden sollen. Und dann stand er nach diesen zwei Stunden Renndauer auf dem Podest, die Flasche in der Hand, und schaute bedröppelt hinunter zu den Mechanikern. Ein gequältes Lächeln huschte noch über sein Gesicht, viel mehr der Emotionen gab es nicht.

Vielleicht ist der 21-jährige Monegasse dafür schlicht zu gut erzogen. Denn was in diesem 15. Rennen der Saison passierte, dürfte die Scuderia Ferrari noch eine Weile beschäftigen.

Leclerc, in Italien und Belgien zuletzt Sieger, fuhr an der Spitze - und bummelte dort erst einmal. So sehr, dass selbst Robert Kubica in seinem hochunterlegenen Williams ganz hinten noch schneller war. Leclerc wollte zum einen die Reifen schonen, zum anderen wollte er das Feld derart dicht beisammenhalten, dass keiner seiner Gegner die Möglichkeit auf einen sogenannten Undercut hat. Sprich: Keiner sollte neue Reifen holen und ihn dann mit schnellen Runden übertölpeln können. Das ist nicht möglich, wenn der Verkehr so dicht ist wie gestern in den engen Gassen von Singapur.

« Was zur Hölle war das?»

Zwei suchten ihr Glück dann doch auf diese Weise - und fanden im Feld eine Lücke: Max Verstappen. Und: Sebastian Vettel. Der vierfache Weltmeister, der derart viel Häme hat ertragen müssen in den vergangenen Wochen, in denen sein junger Teamrivale zum neuen Stern am Ferrari-Himmel aufstieg, fuhr in Runde 21 an die Box. Das Ziel war, in der Folge vor Lewis Hamilton auf Rang 2 zu kommen. Das gelang auch, Hamilton wurde gar noch hinter Verstappen nur Vierter. Nur hatte Vettel, auf Rang 10 und mit frischen Reifen auf die Strecke zurückgekehrt, dann derart freie Fahrt, dass auch Leclerc nach seinem Boxenstopp eine Runde später erst hinter Vettel wieder auf der Strecke war. «Was zur Hölle war denn das?», funkte Leclerc aufgeregt. Es werde am Ende alles gut, kam zurück.

Nun, das mag für das Team gelten, für Ferrari, das seinen ersten Doppelsieg seit Ungarn 2017 feierte, als noch Kimi Räikkönen an Vettels Seite fuhr. Für Leclerc aber wurde der gestrige Grand Prix zum Desaster.

Als in Runde 36 das erste von drei Malen der Safety Car auf die Piste kam, weil Russell von Grosjean in die Mauer spediert worden war, beschwerte er sich noch einmal lautstark. Ruhig bleiben, rieten sie ihm an der Box. «Ich bleibe ruhig, aber wir reden auf jeden Fall noch darüber.» Später stiess er noch das in den Funk: «Das ist einfach nicht fair.»

Ausgerechnet Singapur

Das mag so sein, nur dürfte es Mattia Binotto, dem Teamchef, der seinen erregten Fahrer mit sanfter Stimme immer wieder zu beruhigen versuchte, angesichts des Doppeltriumphs nicht allzu schwer gefallen sein, das hin zunehmen. Ausgerechnet auf der Strecke, auf der Mercedes und Red Bull klar favorisiert worden waren, weil ihre Chassis besser passen zum kurvigen Kurs, setzte Ferrari zum grossen Befreiungsschlag an.

Dieser Ausdruck reicht aber noch nicht für das, was Sebastian Vettel an diesem Sonntag erlebte. Es fiel eine tonnenschwere Last von seinen Schultern - direkt auf die Füsse von Le clerc. Über ein Jahr nach seinem Sieg beim Grand Prix von Belgien 2018 stand der 32-Jährige wieder einmal, zum 53. Mal insgesamt, auf der höchsten Stufe.

Er verzichtete zwar auf die üblichen Jubelschreie in den Funk und die Danksagungen auf Italienisch. Vielleicht aus Rücksicht auf den Mann, der hinterher niedergeschlagen neben ihm auf dem Podest stand. Seinem verschmitzten Lächeln aber und seinen funkelnden Augen war anzusehen, was das für ihn bedeuten muss.

Viele hatten ihn zuletzt schon abgeschrieben, er werde wohl Ende Saison zurücktreten, hiess es aus vielen Ecken im Fahrer lager der Formel 1. Seine Antwort hätte zu einem besseren Zeitpunkt nicht kommen können.

Erstellt: 22.09.2019, 13:52 Uhr

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