Vettels Glanz bröckelt

Zum GP von Monza startet der Deutsche nicht mehr als klare Nummer 1 Ferraris.

Auch in Mailand am Ferrari-Jubiläum: Vettel (links) reiht sich hinter Leclerc ein.

Auch in Mailand am Ferrari-Jubiläum: Vettel (links) reiht sich hinter Leclerc ein. Bild: Jerry Andre (LAT Images)

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Niemand bewegt wie Ferrari. Leiden und feiern. Grenzenlose Enttäuschung und überbordender Siegestaumel – keiner zelebriert die Emotionen in der ­Formel 1 so wie die Italiener.

Am Mittwoch hüllen Zehntausende den Domplatz von Mailand in Rot, 90 Jahre Scuderia Ferrari, Grande Festa vor dem Heim-Grand-Prix in Monza. Jean Todt ist da, Alain Prost, Jean Alesi, Gerhard Berger, Eddie Irvine, Kimi Räikkönen, Sebastian Vettel, Charles Leclerc. In der ersten Reihe weinen Teenager, als hauchte Justin Bieber ins Mikrofon, die Menge skandiert die Namen der Protagonisten auf der Bühne, ein Meer aus Konfetti rieselt auf die ergriffene Masse nieder. Es geht nicht anders, wenn Ferrari zum Fest lädt, dann ist alles ziemlich überhöht, leicht fiebrig.

Er ist noch motiviert

Vettel sagt: «An Tagen wie diesen wird mir bewusst, welch absoluten Sonderstatus das Team in Italien hat. Es ist schon fast so etwas, woran die Leute glauben. Wie eine Religion.» Eine Religion also – und er, der Deutsche, war der Heilsbringer der Tifosi, als er im November 2014 bekannt gab: «Ich verbringe die nächste Phase meiner Karriere mit Ferrari.» Und sagte: «Für mich ist das die Erfüllung eines Lebenstraums. Als ich ein Kind war, war Michael Schumacher in seinem roten Auto mein grösstes Idol. Ich bin extrem motiviert, dem Team ­dabei zu helfen, wieder an die Spitze zu gelangen. Ich werde Herz und Hirn dafür investieren.»

Fast fünf Jahre ist das nun her und Vettel 32. Herz und Hirn haben oft gelitten, und Schumacher ist noch immer unvergessen. 93 Rennen ist der Hesse mit Wohnsitz im thurgauischen Ellig­hausen für die Scuderia bislang gefahren. 13 davon hat er gewonnen, das letzte vor über einem Jahr in Belgien. In der WM liegt er 99 Punkte hinter Lewis Hamilton. Allmählich bröckelt der Glanz, den Vettel ausstrahlte, als er mit grossen Worten von Red Bull kam. Es wird am teaminternen Selbstverständnis gekratzt, dass er die unbestrittene Nummer 1 ist.

Der Teamkollege ist nicht mehr Räikkönen

Oft liess Vettel in entscheidenden Momenten die Souveränität vermissen, die für Hamilton selbstverständlich ist, machte folgenreiche Fehler. Das hatte keine Auswirkung auf seinen Status, als sein Teamkollege noch Räikkönen hiess, der sich bei Ferrari mit einem angenehmen Leben in seinem Schatten begnügte.

Doch der willkommene Zu­diener aus dem hohen Norden ist nicht mehr da. Bei Sauber, nun Alfa Romeo, hat er den Sitz von Leclerc übernommen, einem wunderbar filigranen Lenker aus Monaco, der nun das einstige Auto des Finnen über die Strecken steuert. Er tut das nicht, als wäre er 21 und das seine zweite Saison. Er tut es abgeklärt, angriffig.

Vor einer Woche fand der Grand Prix von Belgien statt. Und seither ist klar: Leclerc rüttelt an der Hierarchie bei Ferrari. Zu Beginn des Jahres hatten die Italiener den Monegassen vor allem dazu benutzt, dem vierfachen Weltmeister das Geleit zu geben.

Die ungewohnte Rolle behagt ihm nicht

In Spa lief die 26. Runde. ­Vettel hatte Leclerc mit einem frühen Stopp und anschliessend schnellen Runden überholt. Dann hörte er über Funk: «Lass Charles vorbei. Lass Charles vorbei.» Eine Ohrfeige, in doppelter Ausgabe. Vettel gehorchte und hielt in der Folge Hamilton fern von Leclerc, der zu seinem ­ersten Sieg in der Formel 1 fuhr.

Es ist eine Rolle, die Vettel nicht kennt. Und die er nicht mag. Vor dem Rennen in Monza sagt er: «Aus Teamsicht war das wichtig. Als klar war, dass mein Rennen nicht wie gewünscht verläuft, versuchte ich alles, um dem Team zu helfen. Aber aus Fahrersicht hoffe ich, dass ich den Spiess wieder umdrehen kann. An meinem Anspruch hat sich nichts geändert.» Der lautet: die Nummer 1 im Team, bald wieder die Nummer 1 der WM. Doch dieser Weg scheint unendlich weit. Leclerc trägt seinen Teil dazu bei.

Am Mittwoch auf dem Domplatz von Mailand sind die Jubelstürme besonders ausgelassen, als der junge Monegasse die Bühne betritt. Es scheint, als hätten sie ihren neuen Heilsbringer gefunden in der Religion Ferrari.

Erstellt: 07.09.2019, 10:18 Uhr

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