Von den Bremsen ausgebremst

Nach seinem Ausfall zuletzt in Brünn ist Tom Lüthi im WM-Titelkampf vor dem GP Österreich in Rücklage geraten.

In Rücklage: Tom Lüthi. Bild: Keystone

In Rücklage: Tom Lüthi. Bild: Keystone

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Halb voll? Halb leer? Oder: Randvoll? Vielleicht: Leer?

Tom Lüthi sagt, es gehe nach seinem Ausfall am letzten Sonntag in Brünn nicht darum, wie weit das Glas für ihn gefüllt sei. Das sei einfach ein grober Rückschlag gewesen, das Wochen­ende sei «sch...» gelaufen. Es ist ein klares Statement, insbesondere für Lüthi, der meistens sachlich analysiert, ruhig bleibt, Gefühlsausbrüche unterlässt.

Halb voll ist das Glas ganz bestimmt. Weil Lüthi bei Halbzeit der Saison auf Rang 2 in der Moto2-WM liegt. Nach seinem deprimierenden Null-Punkte-Jahr in der MotoGP 2018 ist das ein Erfolg. Der Routinier, mit 32 fast ein Veteran im Rennzirkus, hat bewiesen, mit den oft jungen und sehr oft wilden Konkurrenten nicht nur mithalten zu können. Sondern auch wieder ein Siegfahrer zu sein. «Konstanz, Konstanz, Konstanz», sagt er, wenn es darum geht, wie er am Ende ganz oben landen könnte. Mit Rang 2 stieg er im März in Katar in die Saison, nach dem Ausfall in Argentinien folgten die Plätze 1, 4, 6, 3, 2, 4. Bemerkenswert konstant verfolgte er seinen Plan.

Und er war Anfang Juli mit 8 Punkten Vorsprung auf Alex Marquez WM-Leader. Lüthi fuhr schnell, die Rennen gewannen meistens die anderen, die Jungen und die Wilden, er aber setzte sein Konzept konsequent um.

Probleme mit den Reifen

Im Prinzip passte auch Platz 5 vor fünf Wochen auf dem Sachsenring in Lüthis Reihe an Spitzenplatzierungen. Aber bereits dort lief es dem Berner nicht nach Wunsch, er war bloss aus Position 12 gestartet. Wie dann auch nach der Sommerpause in Brünn. «Das waren sehr enttäuschende Trainings», sagt Lüthi, «weil es dann in dieser sehr ausgeglichenen Kategorie schwierig wird.»

Und weil Marquez in den beiden letzten Rennen triumphierte, liegt Lüthi auf einmal 33 Zähler hinter dem Spanier zurück. So gesehen ist das Glas natürlich halb leer. Und wenn man mit Lüthi in diesen Tagen spricht, könnte man sogar eine gewisse Leere bei ihm konstatieren. «Es ist bitter, weil wir derzeit nicht genug Speed hinbekommen», sagt er. Aus Lüthi, dem stabilen WM-Topfavoriten, ist innerhalb von zwei Grands Prix ein zweifelnder Herausforderer geworden.

Es gibt einen Grund, warum Lüthi aus der Balance geworfen wurde. Seit dem GP von Jerez wird auf neuen Reifen gefahren, die Dimensionen sind anders, das hat allerlei Auswirkungen, es gehe um «technische Details», sagt Lüthi, die hochkomplex seien. Sein Team Dynavolt Intact tut sich schwer mit den veränderten Reifenbedingungen, was sich vor allem in einem anderen Bremsverhalten niederschlägt. «Da geht es um Zehntelsekunden», sagt Lüthi, «ich finde den perfekten Moment nicht mehr, das Gefühl passt noch nicht.»

Das soll keine Ausrede sein, es sei einfach die Erklärung für die schwächeren Auftritte zuletzt. «Andere Teams haben das sofort in den Griff bekommen. Wir haben Probleme, die wir lösen müssen.» Nächste Woche seien Tests, da erwarte er Fortschritte. Vorher jedoch, morgen, findet der GP von Österreich in Spielberg statt, und für Lüthi geht es vermutlich darum, den Schaden in Grenzen zu halten. «Ich denke jetzt nicht an den WM-Titel, sondern daran, dass wir einen Weg finden, wieder konkurrenzfähig zu sein.» Er sei ein Kämpfer, verloren sei noch überhaupt nichts, es kämen noch viele Rennen.

«Es macht wieder Spass»

Das mag nach Durchhalteparolen klingen, zumal Alex Marquez zuletzt einen unwiderstehlichen Eindruck hinterliess. Doch Lüthi ist erfahren genug, um zu wissen, wie schnell sich die Dinge manchmal ändern. WM-Zweiter in der Moto2 war er 2016 und 2017 vor seinem Aufstieg in die Königsklasse, er träumt vom zweiten Titel nach jenem 2005 in der 125er-Kategorie.

Das kann auch 2020 oder später sein. Gemessen am desaströsen MotoGP-Jahr ist das Glas für Tom Lüthi sowieso randvoll. Er hatte das demütigende Hinterherfahren in der Winterpause verarbeitet und war danach erstaunlich früh wieder einer der dominanten Piloten in der zweithöchsten Klasse. Das Echo in den letzten Monaten sei erfreulich gewesen, sein Status in der Öffentlichkeit sei wieder gestiegen, er spüre grosse Unterstützung. «Es macht wieder Spass.» Hätte man ihm vor der Saison die aktuelle Ausgangslage angeboten, hätte er sofort unterschrieben. «Doch nach den zwei letzten Rennen kann ich ja nicht zufrieden sein.»

Im Training am Freitag in Spielberg zeigte Lüthi mit Rang 3 eine Reaktion auf einem Kurs mit vielen «heiklen Bremsmomenten». Und auf seinen ersten Ausfall in dieser Saison hatte er in Austin (USA) mit seinem 17. GP-Sieg reagiert.

Erstellt: 10.08.2019, 14:25 Uhr

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