Zürich im Tempo-Rausch

Über 100'000 kommen ins Engequartier und erleben ein unerwartetes Feuerwerk. Für die Formel E klettern sie auf Bäume, Verkehrstafeln und Dächer.

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Es ist die Ruhe vor dem Sturm. Nur scheint das noch keiner zu wissen an der Alfred-Escher-Strasse. Sie sind gekommen, um zu sehen, weshalb eine solche Aufregung herrschte in den letzten ­Wochen auf den Strassen mitten im ­Engequartier. Das alles für ein Rennen mit Elektrowagen? Wirklich?

Ein Mann erklärt seiner Frau noch schnell das Rudimentärste: «Nein, das ist nicht die Formel 1, diese Autos fahren mit Strom.» Die meisten Blicke sind leer, kurz vor 18 Uhr, kurz vor dem historischen Moment für den Schweizer Motorsport, vor dem ersten Rundstrecken­rennen seit 64 Jahren. Allzu viel erwarten sie nicht. 18.04 Uhr, Start unten am See, verhaltener Applaus. Doch es dauert nur kurz, dann rauschen die Autos an ihnen vorbei. Das Zischen ist von weitem zu hören auf dieser Tempobolzgeraden. 225 km/h erreichen die Renner hier, ihre Spitzengeschwindigkeit. Viele wussten von dieser Zahl. Doch was das wirklich heisst, das spüren sie jetzt.

Bolide um Bolide saust vorbei, es knallt heftig auf der teils unebenen Strasse, es geht so schnell, dass erst einmal kaum einer versteht, was da jetzt passiert ist vor seinen Augen. Es war ein Feuerwerk, das sie nicht hatten kommen sehen. «Wow», «ah», «cool», «was war denn das?» Eine Frau sagt: «Wie ­Raketen auf der Strasse.»

Video: Die Pokalübergabe

Stadtpräsidentin Corine Mauch überreicht di Grassi den Siegerpokal.Video: Sabina Bobst/Keystone

Ein Mann Mitte vierzig, Stadtzürcher, dreht sich um, er sagt: «Also, das Tempo hat mich jetzt überrascht.» Und: «Echt schön, haben wir in Zürich einen solchen Anlass. Immer wird alles abgelehnt, jetzt auch noch die Olympischen Spiele in der Schweiz.» Es wirkt, als wären die Kritiker schon nach einer Runde verstummt, als hätten die Zürcher doch ziemlichen Spass an diesem Rennspektakel vor der Haustür.

Das Rennen als Entschädigung

An der Start- und Zielgeraden, unten am See, sitzen auf einem Fenstersims Männer mit Bierdosen. Draussen wendet der Mieter Cervelats auf seinem Kugelgrill. 35 Kollegen hat er eingeladen zum Formel-E-Rennen, das ihn bislang vor allem genervt hat. «Zwei Wochen lang 24-Stunden-Betrieb», sagt er. Das ist zwar mächtig übertrieben, im Haus hätten sich aber doch einige gefragt, was das Ganze soll.

Und nun? Da es so weit ist mit diesem ungewohnten Schauspiel? Da ist «das Rennen abgefahren. Das ist eine Art ­Entschädigung für alles», sagt er und wendet den nächsten Cervelat.

Diese Zone ist an diesem Tag der ­Innenbereich eines Autorennens. Nur Anwohner und Leute mit speziellen ­Ausweisen gelangen hierhin. Es ist übersichtlich.

Video: Di Grassi siegt in Zürich

Die Zieleinfahrt des Brasilianers. Video: Tamedia Webvideo mit Material von SRF

Ganz anders weiter hinten, bei der Spitzkehre vor der Start-/Zielgeraden. Dort ellbögeln schon eine Stunde vor dem Rennen Hunderte um die besten Plätze. Am Gitter fehlt die Werbeaufschrift, ein kleines Guckloch gibt es deshalb. Auch auf den Bäumen sitzen sie, auf Verkehrstafeln, auf Dächern von Unterständen, zwei haben eine Sitzbank abmontiert und auf einen Hügel des Belvoirparks geschleppt, ein Bub läuft mit einer Leiter umher. Einfach ist es nicht, von den kostenlosen Stehplätzen einen Blick zu erhaschen von der Strecke.

Irgendwann wird es den Sicherheitsmännern zu bunt, sie machen dicht, «zu viele Leute», heisst es. Die Abgewiesenen strömen zurück, kommen am Strandbad Mythenquai vorbei. 100 Meter liegt dieses weg von der Spitzkehre. Doch von den quietschenden Reifen ist kaum etwas zu hören, die Vögel zwitschern, die Badehungrigen machen sich auf den Heimweg. Ob sie denn mit ihren zwei Kindern nicht auch das Rennen schauen wolle, wird eine Frau gefragt. «Welches Rennen?», fragt sie zurück. «Ach so, diese Formel 1. Mich interessiert nur, dass ich mit dem Auto nicht bis zur Badi fahren konnte.»

Der Kampf im Bobbycar

Abgesperrt ist auch der Eingang auf der Seeseite Richtung Arboretum. Denn: Zehntausende stehen mittlerweile dort, wo die Veranstalter das so genannte ­E-Village errichtet haben, einen grossen Platz, ausgelegt mit hellen Plastikplatten. Von Gummi-Rutschbahnen hüpfen Kinder, oder sie kämpfen im Bobbycar um die beste Position auf einer Mini-Rennstrecke. Bei der ETH steht ein Elektrorennwagen der Formula Student, in einem Fanshop decken sich einige noch schnell mit Utensilien ein.

Video: Hier geht es lang!

Der Rundkurs der Formel E im Engequartier gefilmt mit der Drohne. Video: Lea Koch, Aline Bavier, Adrian Panholzer

Die Musik der Live-Band auf der Bühne ist verstummt. Auf zwei Grossleinwänden läuft das Rennen, dicht an dicht stehen sie beieinander, wie an den Gittern daneben, wo sie in Achterreihe aufgestellt sind. Und als es kurz nach 19 Uhr noch einmal heftig knallt, blaue und weisse Papierschnipsel in die Menge fliegen und Lucas di Grassi als Sieger der Premiere in die Zuschauer winkt, da endet ein langer Tag im Engequartier.

Am Vormittag sind die Festbänke beim Bürkliplatz noch leer, an den Ständen werden die peruanischen Burger, ­tibetischen Teigtaschen, Fackelspiesse, Würste und Racletteburger erst all­mählich auf die Grille gelegt und ins kochende Wasser geschüttet. Von Sprungtürmen, drei und fünf Meter hoch, ­fliegen Kinder auf eine Riesenmatte. Porsche, Mercedes, BMW stehen quer über die sonst stark befahrene Strasse. Alles E-Mobile, selbstredend.

Etagenweise Zuschauer: Die Formel E förderte den Einfallsreichtum des Schweizer Publikums. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Bei der ABB stehen Ladestationen für Elektrofahrzeuge, Leistung 50 Kilowatt. Daneben steht das neueste Modell, siebenmal stärker. Vier Minuten reichen, um 100 Kilometer weit zu kommen. Ein futuristisches Gefährt ist aufgebahrt, das Sea Bubble, ein Elektrowasserfahrzeug, das auf dem Genfersee getestet wird. Roboter Yumi verteilt nebenan Autogramme, in einem Fernsehspot ist zu sehen, wie er ein Orchester dirigiert. An Büschen vorbei geht es ins E-Village, ein Dutzend Leute fläzen auf Liegestühlen vor einer der Grossleinwände, an acht Simulatoren mühen sich Hobbypiloten auf dem Zürcher Stadtkurs ab. Bis das Treiben allmählich zunimmt, die Warteschlangen länger und länger werden und für Liegestühle kein Platz mehr ist.

Über 100'000 sind gekommen zum rauschenden Rennen. Es gibt schlechtere Argumente für ein zweites Mal.

Erstellt: 11.06.2018, 06:40 Uhr

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