Neue Horizonte im geteilten Land

In sechs Wochen beginnen in Südkorea die Winterspiele. Es sind Spiele der Stadtbevölkerung, die in der Provinz stattfinden, wo kein Geld für Tickets vorhanden ist.

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Sieben Zuschauer mussten von einem Testkonzert im Olympiastadion für die Winterspiele 2018 ins Krankenhaus ­gebracht werden: Sie litten an Erfrierungen. Und das im November. Während der Eröffnungsfeier im Februar wird es viel kälter sein. Die Veranstalter bauen nun in aller Eile Gasöfen in das Freiluftstadion ein. Dazu transparente Zwischenwände gegen den Wind. Den 55'000 Zuschauern sollen Wolldecken ausgehändigt werden, den 160 VIP-Gästen besonders dicke.

«Sind das nicht Winterspiele?», fragt ein Mann lachend im «Bau» an der ­Olympia-Plaza vor dem Stadion, einem im September eröffneten Bioladen mit Café und Kochschule. War es in Vancouver und Sotschi nicht zu warm? Das kleine Dorf Daegwallyeong in der Provinz Gangwon, in dem das Stadion steht, ist Südkoreas Kältepol.

Kälte bedeutet hier freilich nicht unbedingt Schnee. Die Biathlon-WM 2009 fand im Grünen statt, nur die Loipe war ein weisses Band. Am Montag vor Weihnachten treibt ein scharfer Wind tiefe Wolken vor sich her, der Turm der Skisprungschanze verschwindet in den Schwaden. Aber es schneit nur ganz fein; der Wind wirbelt den Pulverschnee wieder auf und trägt ihn ­davon. Auf die Parkplätze, wo er weggeschippert wird. Als das Wetter gegen Abend aufklart, dröhnt von der Langlaufanlage her Lärm wie von Flugzeugen: Schneekanonen.

Kompakt und kurze Distanzen

Olympische Spiele sollen kompakt sein. Das Olympische Komitee (IOK) verlangt kurze Wege. Pyeongchang wird so kompakt wie seit Sarajevo 1984 keine Winterspiele mehr. Und damals waren sie noch halb so gross. Alle Wettkampfstätten liegen in einem Umkreis von 35 Kilo­metern vom Olympiastadion. Alpensia und Yongpyong, die beiden Ferienorte, wo die nordischen Wettbewerbe, Biathlon, Bob, Skeleton, Schlitteln und die alpinen Skirennen (ausser den Speed-Disziplinen) ausgetragen werden, wirken sogar zu kompakt. Und fast zu perfekt. Wie eine Modelleisenbahn, auf der alles zu dicht beieinander liegt.

Die Bobbahn von Alpensia ist eng wie eine Passstrasse in den steilen Hang ­gefaltet, die Sprungschanzen ragen etwas weiter nördlich aus dem Berg. Ihr Auslauf ist ein Fussballstadion, der Golfplatz daneben die Biathlon- und Langlaufanlage. In der nächsten Schlaufe des Seongcheong-Flusses stehen sieben neue Wohntürme: das olympische Dorf. Im Drachental im Rücken des Bobhangs, auch nur ein Spaziergang entfernt, liegt Yongpyong mit den Hängen für Riesenslalom und Slalom. Die Pisten sind eingezäunt, der Auslauf von Hochhäusern gesäumt. Die unwegsamen Wälder des Taebaek, wie das Gebirge hier heisst, gehören zu einer anderen Welt: Man darf die Pisten nicht verlassen.

Die Kompaktheit ergibt sich, weil ­Alpensia und Yongpyong Retorten-Orte sind, die in unbewohnten Tälern aus dem Boden gestampft wurden. Ausser Köchen, Kellnern, Zimmermädchen und den weiteren Servicepersonen wohnt hier niemand. Nur Gäste. Yongpyong wurde 1975 als erste Skistation Koreas gebaut, Alpensia 2003. Die Namen von Restaurants – Mont Blanc und Edelweiss – verraten ihr Vorbild. Auf einem ­Parkplatz steht ein gelbes Wanderschild: «Schweiz 8956 km».

Von den Spielen ist einzig die Schnellbahn­linie nach Seoul nachhaltig. 

Bis heute fahren nur die wenigsten Südkoreaner Ski. Yongpyong kennen sie von der «Wintersonata», einer populären Seifenoper, die hier gedreht wurde. Daegwallyeong ist fürs Eisfischen ­bekannt. Unter winzigen Zelten, die sie vor Wind schützen, angeln hier Männer aus Eislöchern Forellen. Stundenlang.

Einmalig und viele Anfänger

Auf Yongpyongs Pisten tummeln sich im Dezember Studentengruppen, meist ­Anfänger, die in der Früh mit ihrer Uni in Bussen aus Seoul für einen Skitag her­gereist sind. Dazu einige Touristen, vor allem aus Hongkong. Sie kämen jedes Jahr, erzählt Familie Wang, während die zwei Kinder sich auf Gimbap stürzen, die koreanischen Sushi. Die beiden ­gehen in die Skischule, die Eltern fahren für sich, das philippinische Kindermädchen wartet unten am Hang mit warmen Jacken. «Aber viele Hongkonger probieren Skifahren nur einmal, dann haken sie es ab», so Vater Wang.

Das Motto der Spiele lautet «Neue ­Horizonte». Es könnte auch «Neue Märkte» heissen. Das Hyundai-Forschungsinstitut sagte der Gegend in den nächsten zehn Jahren 57 Milliarden Franken zusätzliche Tourismus-Einnahmen voraus. Im Umkreis von zwei Flugstunden lebt eine Milliarde Menschen, die zum Wintersport animiert werden sollen. Aber die Prognose gilt inzwischen als viel zu optimistisch.

Das Café Bau beim Olympiastadion verdankt seine Existenz Geldern, die für die Spiele in die Gegend fliessen. Dennoch lachen die zwei Frauen, die aus Grossstädten hierher geheiratet haben und nun das Café führen, nein, die Spiele interessierten sie nicht.

Der Nordosten Südkoreas ist arm und überaltert, die Jungen wandern ab. In abgelegenen Seitentälern gibt es keine Kinder mehr, die Schulen wurden geschlossen. Daegwallyeong, das Zentrum der Spiele, war ein Strassendorf am gleichnamigen Pass zur Küste hinunter. Seine 6000 Einwohner leben von Schafzucht, Kohl, Kartoffeln, von Windenergie und vom Tourismus. Olympia soll ­ihnen helfen, Bioprodukte – Maulbeer- und Shisandra-Wein aus Spaltkörbchen-Beeren, Ginseng, Heilkräuter und Hwangtae, luftgetrockneter Seelachs – unter der Marke Pyeongchang zu verkaufen. In der Kreisstadt Pyeongchang 40 Kilometer südlich, die den Spielen ihren Namen gegeben hat, finden keine Olympiaveranstaltungen statt.

Teuer in bäuerlicher Provinz

Korea ist ein geteiltes Land; nicht nur in Nord und Süd, auch Südkorea selbst: in arm und wohlhabend, nach Dialekten und Regionen, politisch und vor allem in Stadt und Land. Die Hälfte der 50 Millionen Südkoreaner leben im Grossraum Seoul, trinken Caffè Latte und zahlen mit Karte. Dieses urbane, weltgewandte Korea dringt mit Olympia in die bäuerliche Provinz. Neben dem Café Bau sind Sportboutiquen entstanden. Dahinter jedoch wohnen die Menschen weiter in schäbigen Hagwon, wie die ­traditionellen eingeschossigen Häuser genannt werden. Eine ältere Frau zum Beispiel, die – wie die meisten ­Koreaner – kein Englisch kann, aber ein Samsung-Handy hat. Ich stelle meine Fragen dem Handy, es übersetzt. Sie antwortet via Handy, und man versteht sich: Für Olympia habe sie keine Zeit, sagt sie. Und später: Sie könnte sich ein Ticket gar nicht leisten, die seien fürchterlich teuer.

Der Kartenverkauf für die Spiele läuft zäh, bisher wurde kaum die Hälfte der für Korea reservierten Tickets abgesetzt. Eine amerikanische Agentur erklärte das mit der Angst der Leute vor Nord­korea. Das ist absurd; der internationale Ticketverkauf läuft besser als jener in Korea. Nordkorea ist für die Südkoreaner im Zusammenhang mit Pyeongchang kein Thema. Präsident Moon Jae-in, der die USA aufgefordert hat, Manöver bis nach den Spielen zu verschieben, hofft, Pyongyang schicke auch eine Mannschaft. Seine Landsleute hat der Präsident aufgefordert, Tickets zu kaufen. Und weil das nicht reicht, die Stadien zu füllen, zahlen nun Schulen und Firmen für ganze Blöcke.

Für das geringe Interesse gebe es viele Gründe, weiss die Studentin Park Jiwon. Die Jungen sähen die Spiele kritisch. Nicht nur, weil ein heiliger Wald am Gariwang-Berg für die Abfahrt ab­geholzt wurde, mehr noch wegen der Kosten von 13 Milliarden Franken. «Die Vorstellung, die Spiele würden der Provinz Gangwon Wohlstand bringen, ist eine Illusion. Wir leben nicht mehr im Jahr 1988.» Für die Sommerspiele von Seoul wurden neue U-Bahn-Linien gebaut, die Wohnungen im olympischen Dorf waren begehrt.

Korrupt und ein Beigeschmack

Da es im Korruptionsskandal um die ­geschasste Präsidentin Park Geun-hye auch um Geld für Pyeongchang ging, «haben die Spiele einen schlechten Beigeschmack», sagt Park. «Aber da wir die Spiele nun einmal haben, müssen wir ­alles unternehmen, dass sie zum Erfolg werden.»

Wintersport interessiere die Koreaner schon, so die Studentin weiter. «Jedenfalls Eislaufen, wo wir gut sind». Doch selbst Medaillen-Erwartungen werden sie nicht vor den Fernseher ­locken. «Ich sehe mir die Clips an, wenn ich weiss, dass wir gewonnen haben.»

Für Südkoreas Superstar, die Eiskunstläuferin Kim Yu-na, die Eislaufen in Korea bekannt gemacht hat, 2010 Gold gewann und in Sotschi von den Preisrichtern zugunsten einer Russin um den Sieg geprellt wurde, wie viele glauben, kommt Pyeongchang zu spät. Sie hat aufgehört, eine Nachfolgerin ist nicht in Sicht. Auch im Eisschnelllaufen ist Korea eine Grossmacht; vor allem im Short-Track werden Medaillen erwartet. Doch auch diese Sportarten haben keine Breite. Für Koreas Eishockeymannschaft rekrutierte der Verband sogar koreanischstämmige Nordamerikaner.

In der Küstenstadt Gangneung sind für die Spiele auf einem Hügel drei ­glitzernde Eishallen gebaut worden. Im Hang dahinter kräht vor einem Hagwon ein Hahn, Hühner staksen durch den Kohl. Zwei Welten, die sich kaum berühren. Im Stadtzentrum wird an diesem Tag die Schnellbahnlinie nach Seoul eingeweiht, das einzige nachhaltige ­Infrastrukturprojekt der Spiele. Ohne sie hätte Gangneung lange auf eine Netzanbindung gewartet.

Windig und deshalb Rückbau

Bereits jetzt streiten die Provinz Gangwon und Seoul um die Kosten nach den Spielen, etwa den Unterhalt der Wettkampfstätten. Für die Provinz sind die Spiele ein Projekt der Zentralregierung. Also des urbanen Korea. Es soll zahlen. Aber die Regierung hat dafür kein Geld.

Nur die Zukunft des Olympia­stadions, das jedem Dorfbewohner von Daeg­wallyeong acht Plätze bieten würde, ist bereits entschieden. Die 72 Millionen Franken teure Arena, gebaut einzig für Eröffnungs-, Schlussfeier und Sieger­ehrungen, wird wieder abgerissen. Der Wind wäre für Winterveranstaltungen ohnehin zu kalt.

Erstellt: 27.12.2017, 21:48 Uhr

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