Der Wind macht Gasparin Sorgen – und Hoffnung

Die Biathletin startet mit dem Sprint in die Winterspiele. In Südkorea käme eine Medaille noch jäher als in Sotschi.

Selina Gasparin gewann in Sotschi Silber. Jetzt macht ihr die Kälte schwer zu schaffen. Video: Fabian Sanginés

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Biathleten leiden. Das liegt in der Natur ihres Tuns. Langlaufen bis zur Belastungsgrenze, das Herz pocht, die Glieder schmerzen. Und dann soll der Körper auf einen Schlag all das vergessen, die Schmerzen, die Herzschläge, die ihn rhythmisch zucken lassen. Nicht bewegen, abdrücken. Millimeter entscheiden darüber, ob Strafrunden die Strecke verlängern, ob der Zuschlag von Minuten den Traum platzen lässt. Weiter gehts, Langlaufen bis zur Belastungsgrenze.

In diesen Tagen leiden die Biathleten im Alpensia Olympic Park von Pyeongchang – beim Testen des Formstands vor dem grossen Höhepunkt.

Vor allem aber leiden sie unter dem Wetter. Die Kälte lässt Füsse zu gefühl­losen Klumpen frieren, die Finger versteifen. Laufen? Schiessen? Unmöglich fast an diesen Abenden, an denen sie Runde für Runde drehen, weil sie das auch bei ihren insgesamt elf Rennen um diese Tageszeit tun werden. «Aber», sagt Selina Gasparin, «die Kälte ist nicht das, was mir am meisten Sorgen macht.» Die Winde sind es, die der 33-Jährigen die Falten auf die Stirn treiben. Unberechenbar sind sie, ständig wechselnd, selbst für sie eine Herausforderung, die Vorkämpferin im Schweizer Biathlon.

Selina Gasparin sitzt im House of Switzerland. Zum dritten Mal ist sie an eine Olympia-Stätte gereist. Diesmal tat sie das als Silber­medaillen-Gewinnerin der letzten Spiele von Sotschi.

Es hat sich seither Einiges getan im Leben der Frau, die viele Jahre alleine unterwegs war, weil es keine andere ­Biathletin gab im Land. Sie ist Mutter ­geworden, Leila wird Ende Monat drei. Zu Hause in Lantsch/Lenz kümmert sich ihr Mann, der ehemalige Langläufer Ilja Tschernoussow, um die Tochter.

Endlich ein Team

Doch auch so ist ein Teil ihrer Familie in Südkorea. Elisa (26) und Aita (23), ihre Schwestern, erleben ihre zweiten Winterspiele. Mit Elisa wird Selina Gasparin die Staffel bestreiten, Aita muss sich erst aufdrängen. «Die Staffel-Wettkämpfe sind für mich einiges spannender als früher», sagt die Älteste der Gasparins. «Erst musste ich jahrelang zuschauen. Dann freute ich mich, als wir erstmals antreten konnten. Und mittlerweile können wir mit den Besten mithalten.» In Hochfilzen hatte das Team das Podest als Fünftes nur knapp verpasst – nie zuvor war eine Frauenstaffel so gut. Lena ­Häcki und Irene Cadurisch, die beiden weiteren Teamkolleginnen, sind aufstrebende Biathletinnen.

Es tut sich etwas im Schweizer Biathlon. Ohne Selina Gasparin wäre es wohl nie soweit gekommen. Hätte sie nicht all die Widrigkeiten durchgestanden auf ihrem Weg, der 2004 mit dem Wechsel vom Langlaufen begonnen hatte; hätte sie nicht selber Schiessstände aufgebaut im Engadin, die Einsamkeit ausgehalten, das harte Training mit den Männern – vielleicht wäre nun keine Schweizerin am Start. Jetzt aber müssen sich Aita Gasparin und Cadurisch um den letzten Platz in der Staffel balgen. «Schon toll, dass wir jetzt ein Team sind», sagt Selina Gasparin. «Ich schätze extrem, dass wir zusammen trainieren und reden können.» Das tröstet sie darüber hinweg, dass sie getrennt ist von ihrer Tochter. Und wer weiss, vielleicht wird sie ja auch wieder mit einer Medaille belohnt.

Die lange Zeit im Schiessstand

Das wäre eine grössere Überraschung als 2014. Damals hatte Gasparin ihre ersten zwei Weltcuprennen gewonnen – nun wartet sie seit zwei Jahren auf einen Podestplatz. Allerdings war sie in diesem Winter Vierte, Fünfte und Sechste.

Aber eben: der Wind. Oder eben: gottlob der Wind? Denn vielleicht ist der ja gar nicht so schlecht für Gasparin, die im Schiessstand etwas länger braucht als die Schnellsten. Werden diese vom Wind gebremst, könnte sich ihr Rückstand verringern. «Das kann mir tatsächlich entgegenkommen», sagt sie. Und: «Mit null Schiessfehlern durchzukommen, ist für alle sehr schwierig.» Das muss diejenige aber wohl, die im heutigen Sprint eine Chance haben will auf Gold.

Fehlschüsse zu vermeiden, ist auch Gasparins erstes Ziel – deshalb nimmt sie sich oft mehr Zeit. «Ich bin in der Loipe schnell», und sie weiss: «Treffe ich gut, ist ein starkes Resultat möglich.»

Gasparin weiss seit Sotschi auch, dass sie bereit sein kann, wenn es drauf ­ankommt. Und: dass nach dem Gewinn von Silber alles nur noch Zugabe wäre.

Erstellt: 10.02.2018, 07:12 Uhr

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