St. Galler Wunderwachs sorgt an Olympia für Aufregung

Dario Cologna dürfte mit dem Toko-Präparat zum Olympiasieg gelaufen sein. Was ist dran an diesem Gleitmittel?

Ein grosser Sieg mit einem schnellen Ski: Hier läuft Dario Cologna im 15-km-Rennen zum Sieg.
Video: SRF

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Für gewöhnlich sind die Wintersportler ziemlich gesellige Leute. Mit einer Ausnahme: Wenn es um die Präparierung der Ski geht, werden sie schweigsam. Nirgendwo ist diese so entscheidend wie bei den Langläufern, entsprechend gross ist hier die Geheimniskrämerei. Schwarzgrau sind die unzähligen Wachscontainer, die hinter der Langlaufanlage aufgestellt sind. Die Ecke schreit geradezu: Achtung, geheim! ­«Zutritt nur für Berechtigte», heisst es dann auch wenig überraschend vor dem Eingang zu den Containern. Jede Nation hat ihre eigenen Kabinen, in denen die besten Setups für die jeweiligen Verhältnisse ausgetüftelt werden.

Einige Container sind aber für alle Wachser zugänglich, in einem von diesen sitzt Andrej Neff. Der Appenzeller vertritt den Rennservice des Ostschweizer Wachsunternehmens Toko. Der 36-Jährige hat ein offenes Ohr für alle Teams und verkauft ihnen Material.

Das Wachsen, eine Wissenschaft

Das bringt Neff in eine spezielle Situation. Er soll Umsatz machen, sein ­Antrieb ist es, dass so viele Teams wie möglich Toko wachsen. Darum gibt es auch keine Vorzugsbehandlung. Oder sagen wir: fast keine.

Zugleich kann der Appenzeller seine Herkunft nicht verleugnen, sprich: Im Rennen fiebert er schon mit seinen Landsleuten mit. Er arbeitet den zweiten Winter für Toko, ein KMU aus dem St. Galler Rheintal, das zur norwegischen Swix-Gruppe gehört. Zuvor war er während elf Wintern für das Serviceteam der Schweizer Langläufer tätig.

Ski präpariert Neff auch heute noch in Serie. Einfach mit einer anderen ­Absicht: Täglich macht er morgens Gleittests mit Toko-Wachskombinationen, anschliessend verfasst er einen Report, den er allen Teams zukommen lässt – auf dass diese vor ihren Tests einen Anhaltspunkt haben, was an diesem Tag funktionieren könnte.

Die Moleküle gehen eine engere Bindung mit dem Belag ein. Kurz: Der Ski läuft länger schnell – ein Wunderwachs.

Die Suche nach dem schnellsten Ski gleicht der Suche nach der Nadel im Heuhaufen, so viele Komponenten gilt es zu beachten. Denn kein Paar Ski, das aus der Fabrik kommt, ist genau gleich. Mitentscheidend ist auch die Struktur, die mit einer Schleifmaschine und von Hand in den Belag hineingearbeitet wird und die je nach Schneebeschaffenheit den Ski besser oder weniger gut gleiten lässt. Und schliesslich das Gleitwachs, wobei mehrere Produkte nacheinander aufgetragen werden.

Am Gesamterfolg hat das Wachs ­materialmässig den geringsten Anteil: 80 Prozent kommen dem Ski zu, 15 Prozent der Struktur und nur 5 Prozent dem Wachs. Nur: Einzelne Prozente können die Differenz zwischen einer Medaille und den Plätzen dahinter ausmachen.

Die Entwicklung schreitet stetig ­voran, auch Toko hat gleich mehrere Produkte im Programm, die in Südkorea benützt werden, aber noch nicht auf dem Markt erhältlich sind. Da wäre zum Beispiel ein neues Flüssigwachs. Die Präparation mit dem Bügeleisen fällt weg, man reibt es mit einem Tuch in den Belag – auch die Zeitersparnis ist ein wichtiger Faktor für die Serviceleute, deren Tage so schon lang sind.

Unzählige Bestellungen nach Social-Media-Post

Das Wachs ist die Basis, darauf kommt der Topfinish, der den Ski wirklich schnell macht. Dieses Produkt leisten sich im Breitensport nur ambitionierte Lang­läufer. Ein Döschen «Jetstream», wie das ­Toko-Pulver heisst, das in den Ski eingebügelt wird, kostet 120 Franken. Die 30 Gramm reichen für acht Paar Ski.

Auch bei diesem Pulver entwickelte Toko neben den drei im Handel erhält­lichen eine neue Variante für Pyeongchang, eine mit dem Farbcode «White». Am Weltcup in Finnland fotografierte ein Händler ein Döschen im Container von Neff und publizierte das Bild in den sozialen Medien. Sogleich gingen bei den Altstättern unzählige Bestellungen ein. Dabei ist noch nicht einmal sicher, ob das Produkt überhaupt auf den Markt kommt, so klein ist die Nische.

«Wenn eineinhalb Stunden vor dem Rennen Serviceleute plötzlich mehrere Dosen eines Produkts verlangen, kann ich davon ausgehen, dass es im Rennen eingesetzt wird.»Andrej Neff

Neff erzählt und erklärt gerne die Welt des Skiwachses. Doch je konkreter die Fragen werden, desto verschwiegener wird er. Wer setzt seine Produkte ­besonders intensiv ein? Er schweigt. Das ist eine Voraussetzung in seiner Position. Nur wenn die Teams sicher sein können, dass er ihre Erkenntnisse für sich behält, erhält er echte Feedbacks. Manche geben trotzdem keine. Doch Neff merkt auch so, ob ein Produkt zum Zug kommt: «Wenn eineinhalb Stunden vor dem Rennen Serviceleute plötzlich mehrere Dosen eines Produkts verlangen, kann ich davon ausgehen, dass es im Rennen eingesetzt wird.»

In Pyeongchang hat er dieses Wissen noch bei einem anderen Mittel. Eigentlich wollte Toko auch diese Geschichte in den Wachscontainern versteckt halten. Doch ein Partner war sich dieser ­Geheimniskrämerei nicht bewusst. So versandte die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) kurz vor den Spielen eine Meldung, die für Wirbel sorgte unter den Langläufern. Und bei Neff für viele Diskussionen.

Der Coup ist schon patentiert

Zusammen mit der ZHAW hat Toko ein neuartiges Skiwachs entwickelt. Dieses wird normal eingebügelt, anschliessend wird der Skibelag aber mit einer Quecksilberdampflampe bestrahlt. Dadurch kommt es zu einer chemischen Reaktion, die Moleküle gehen eine engere Bindung mit dem Belag ein. Kurz: Der Ski läuft länger schnell – ein Wunderwachs. Das zeigten auch die Gleittests der ZHAW-Wissenschaftler. «Bis zu 1,5 Prozent Performanceverbesserung» massen sie da. Die Lichtbehandlung der Skibeläge ist für Toko ein Coup, das Verfahren bereits patentiert und damit die Konkurrenz zurückgebunden.

Video: Ein Südkoreaner gratuliert Cologna

Natürlich kam sofort die Frage an Neff: Wer benützt dieses Wachs und die Lampe? Er lächelt und schweigt. Dann ­erzählt er von «vereinzelten Teams, mit denen wir schon länger kooperieren», nennt aber keine Namen. «Wir müssen das diskret handhaben, sonst gibt es Stress unter den Teams.» Dass die Schweizer dazugehören, scheint bei einem Schweizer Unternehmen logisch – doch Neff schweigt auch hier. Gewannen Toko-Ski bereits Gold an diesen Spielen? Neff: «Ich gehe schwer davon aus.»

Während dieses Gesprächs läuft am Samstag gerade Dario Cologna los, im 15-Kilometer-Rennen distanziert er alle. Auch Neff freut sich.

Bilder: Cologna gewinnt Gold

Erstellt: 20.02.2018, 10:04 Uhr

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