Die kontrollierten Spiele

Olympia in Südkorea erfüllte die Erwartungen. Trotzdem ist es höchste Zeit für die Rückkehr der Winterspiele in ein Wintersportland – wie die Schweiz.

Freiwillige in Südkorea waren stolz darauf, dabei sein und helfen zu können – wie hier am Zielhang der Aerials-Springer beim Freestyle. Foto: Urs Jaudas

Freiwillige in Südkorea waren stolz darauf, dabei sein und helfen zu können – wie hier am Zielhang der Aerials-Springer beim Freestyle. Foto: Urs Jaudas

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Die Drohgebärden von Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un vor den Spielen, die frostigen Temperaturen und der orkanartige Wind, die halb leeren Stadien und das Norovirus – abgesehen vom üblichen sportlichen Geschehen wurde Pyeongchang 2018 lange von negativen Schlagzeilen geprägt. Doch als der Wind nachliess und fast nur noch die Sonne strahlte, war das Wetter kein Thema mehr. Und südkoreanische Begeisterung fand man auch, wenn man sie suchte. Etwa, wenn man die Wettkämpfe im Shorttrack besuchte, den rasanten Wettlauf auf Kufen.

Gegenüber Sotschi 2014, das ein riesengrosses Prestigeprojekt eines machthungrigen Präsidenten war und erst noch grossflächig manipuliert, war Pyeongchang ein Fortschritt. Auch finanziell. Waren die Winterspiele im russischen Ferienort mit Ausgaben von über 50 Milliarden Dollar die teuersten überhaupt gewesen, betragen die Gesamtkosten in Südkorea rund 13 Milliarden Dollar – aber damit auch fast doppelt so viel wie ursprünglich budgetiert. Für Peking 2022 werden die Ausgaben dann wieder enorm nach oben schnellen.

Ein Lächeln hier, eine Verbeugung da

In Pyeongchang spielten die Südkoreaner ihre erwarteten Stärken aus. Organisation und Transport verliefen reibungslos, das Internet funktionierte fast immer und überall. Zudem bekam man anders als in Sotschi das Gefühl, dass die Spiele in der Provinz Gangwon-do an der Ostküste Koreas eine Seele hatten, von einer breiteren Masse getragen wurden. Die zahlreichen freiwilligen Helfer sahen es als Privileg, an diesem globalen Event teilzuhaben, und zeigten sich von ihrer freundlichsten Seite – ein Lächeln hier, eine Verbeugung da.

Zudem bemühte man sich in Gangneung, den ausländischen Gästen die koreanische Kultur näherzubringen. Unten an der Küste fand eine regelrechte Kulturoffensive statt. Am Meer wurden Kunstwerke aufgestellt, die am Schluss verbrannt werden. Die Lust, sich der Welt zu zeigen, war gross. Die Spiele könnten etwas bewirken fürs Selbstverständnis der Koreaner, zumindest in der Provinz Gangwon-do. In der pulsierenden Metropole Seoul lief Olympia aber meist nebenher und waren kaum Bilder vom Schneesport in den Bergen zu sehen.

«Gegenüber Sotschi war Pyeongchang ein Fortschritt.»

Das Prestigeprojekt der Spiele war die 3,7 Milliarden Dollar teure Bahnlinie quer durchs Land, die einen innert zwei Stunden von Seoul in die Natur bringt. Die Idee, aus Gangneung einen Wintersport-Hub zu machen für die 20 Millionen Einwohner aus dem Grossraum Seoul, mag auf dem Reissbrett gut aussehen. Aber dass der Schnellzug am Wochenende künftig voll sein wird mit Wintersportlern, die an die Ostküste fahren wie in der Schweiz die Unterländer in den Kanton Graubünden, ist eine Illusion. Man kann den Wintersport mit Olympischen Spielen nach Asien bringen, aber nicht in die Herzen der Asiaten.

Das Yongpyong-Resort im Zentrum der Spiele funktioniert zwar schon länger, doch zu einer Massenbewegung wird Skifahren in Südkorea nicht werden. Wohlweislich wurde auch keine Bahnlinie in die Berge gebaut – der Transport fand nur mit Bussen statt. Punkto Nachhaltigkeit sind bei Pyeongchang denn auch grosse Fragezeichen angebracht. Viele Sportstätten werden wieder abgebaut werden oder künftig leer stehen. Die Bilder von solchen «weissen Elefanten» wie in Sotschi werden wir in ein paar Jahren auch von hier zu sehen bekommen. Immerhin ist zu hoffen, dass die Hochhäuser für Athleten und Journalisten in der 215'000-Einwohner-Stadt Gangneung dereinst bewohnt werden.

Sotschi, Pyeongchang und Peking – dreimal in Serie finden die Winterspiele an Standorten statt, wo der traditionelle Wintersport nicht verankert ist. Beim Internationalen Olympischen Komitee (IOK) ist die Erkenntnis gereift, dass eine Rückkehr in ein Wintersportland anzustreben ist. Und da rennt Sion 2026 offene Türen ein. Jürg Stahl, Präsident der Kandidatur und von Swiss Olympic, erhielt in Südkorea denn auch allenthalben positives Feedback. Klar ist aber auch: Nach dem Debakel um 2022, als nur noch Peking und Almaty zur Wahl standen, ist es für das IOK von grosser Bedeutung, für 2026 wieder einen Strauss an Bewerbungen zu haben, die dem Gigantismus Einhalt gebieten können und aus Ländern mit demokratischer Tradition stammen.

Sittens Trümpfe – und Handicap

Genau da liegt das Problem für Sitten. Anders als 2006, als man an Turin scheiterte, dürfte der Kampf um die Gunst der Bevölkerung zu Hause ein schwierigerer sein als gegen die anderen möglichen Kandidaturen. Auf die Abstimmung im Wallis vom 10. Juni dürften weitere Volksbefragungen folgen – in anderen Kantonen und vielleicht sogar noch national.

In Pyeongchang waren nebst den Vertretern von Sitten auch jene von Calgary, Sapporo und Stockholm im Rahmen des Observer-Programms anwesend. Was heisst, dass sie hinter die Kulissen blicken konnten, ihnen alle technischen und organisatorischen Aspekte aufgezeigt wurden. Der Kandidatur Sion 2026 wurde von den Fachleuten ein solides Fundament bescheinigt. Punkto Planung sind die Schweizer weiter als ihre Konkurrenten.

Stahl zeigte sich positiv angetan, dass man in Südkorea den Mut hatte, bei der Sicherheit erstmals seit 2002 (Salt Lake City) zurückzufahren. Musste man in Sotschi stets Kontrollen über sich ergehen lassen wie am Flughafen, wurde dies hier weniger strikte gehandhabt. Aber natürlich müsste man bereit sein, das Sicherheitsdispositiv hochzufahren, wenn die Bedrohungslage kritischer würde, so Stahl.

Zwischen Pyeongchang und Sitten gibt es zwei fundamentale Unterschiede: Zum einen könnte man in der Schweiz fast ausschliesslich auf bestehende Wettkampfstätten zurückgreifen. Zum anderen würde die Rückkehr in ein traditionelles Wintersportland im Herzen Europas viel mehr Begeisterung wecken. In Südkorea verlief auch deshalb alles in geordneten Bahnen, weil es kaum unvorhergesehene Ereignisse gab – wie den Ansturm von Zuschauern.

Erstellt: 23.02.2018, 21:29 Uhr

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