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Feuchtfröhliche Österreicher und langweilige Schweizer

An Olympia geht es nicht nur um Medaillen, immer mehr Länder versuchen sich über ihre Nationenhäuser zu verwirklichen. Die Schweiz ist gut dabei, hat aber noch Potenzial.

Nicolas Bideau, Chef von Präsenz Schweiz, eröffnet das House of Switzerland in Pyeongchang.
Nicolas Bideau, Chef von Präsenz Schweiz, eröffnet das House of Switzerland in Pyeongchang.
Urs Jaudas
Die Eröffnung des House of Switzerland in Pyeongchang.
Die Eröffnung des House of Switzerland in Pyeongchang.
Urs Jaudas
Eine kleine Runde Mini-Ping-Pong: Im Tschechen Haus ist auch das möglich.
Eine kleine Runde Mini-Ping-Pong: Im Tschechen Haus ist auch das möglich.
Urs Jaudas
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Olympia ist ein Wettkampf um Goldmedaillen. Doch am Rande dieses Wettstreits kämpfen auch die Nationenhäuser um Anerkennung. Welches feiert am ausgelassenten? Wo isst man am besten? Welches bietet am meisten? Ein Rundgang durch die Länder.

Austria House

Die Festhütte

Kürzlich war im Österreich-Haus ein ehemaliger Skisprungweltmeister mit ordentlich Kurvenschuhen unterwegs, er hatte mächtig Atü im Kessel und verliess das Haus nicht alleine – Kollegen mussten ihn stützen. Drinnen tanzten sie weiter, auch SRF-Sportchef Roland Megerle war da, und irgendwann kamen die Medaillengewinner im Rodeln, Donnerwetter, war da was los.

Schlagergott Gabalier hulapalute herum, der Bass pumpte, und Fahnen wurden geschwenkt. Eben: Silber im Rodeln, eine Nation feiert. Das können sie, die Österreicher.

Der Speaker sprach vom «unglaublich erfolgreichen Österreich», von den «bereits nächsten Medaillengewinnern», und «lasst uns teilhaben an euren Gefühlen.» Die Rodler liessen teilhaben an ihren Gefühlen, ein Fass Bier haben sie dann auch noch angestochen und für Selfies hergehalten.

«Heute ist noch eher harmlos», sagte die Bardame aus dem Vorarlberg. Das Haus ist berüchtigt, bei den Spielen in Rio schenkten sie 10 000 Caipirinhas aus. Alles ist hier gratis, das Menü, die Jause, das Bier, der Obstler. Mit einer kleinen Einschränkung, es braucht eine Einladung oder 400 Euro.

Inmitten aller war auch eine Bernerin, Rodlerin Martina Kocher. Sie genoss ihren letzten Abend. Weshalb nicht im Schweizer Haus? Sie schaut umher und sagt: «Sieht man das nicht?»

Canada Olympic House

Das Stadion

Wer ins kanadische Haus geht, lernt, wie man Polarbären abknallt: mit einer Schrotflinte, aus sicherer Entfernung, in die Brust. Solche Weisheiten gehören freilich nicht zum offiziellen Programm, doch weil hier ganz Kanada zusammenfindet, kann es passieren, das man auf Leute wie Justin Hack trifft: Wildhüter, 31, aus dem hohen Norden. Er kämpft beruflich gegen Bären. Hack war gerade in der «Gegend», wie er sagt, in Thailand. Dort hörte er, dass im Kanadahaus der Bär steppt, für einmal lud er nicht seine Flinte, sondern kam ihm waffenlos und friedlich entgegen.

Tatsächlich, das Haus ist voll mit Athleten, Betreuern und Fans – jeden Abend. 25 Franken, und man ist dabei. Alle tragen irgendwo das Ahornblatt am Körper, es ist wie im Eishockeystadion, und als die Bobfahrer als Führende auf die Reise geschickt werden, explodiert das Haus im Zwischenzeittakt, am Ende sind die Kanadier Olympiasieger und die Gäste im Siegesrausch.

Video: Der Zweierbob sorgt für Jubel

Germany House

Das Wirtshaus

Wirkt das Austria House wie eine Après-Ski-Festhütte, dann ist das Germany House ein bayerisches Wirtshaus. Getäferte Wände, Holzstühle, auf den Tischen Brezeln und volle Weizengläser. Es ist nachmittags um zwei, Skispringer Richard Freitag betritt das Medienzimmer und sagt: «Guten Morgen.» Seine Augen erzählen die Geschichte des Vorabends.

Freitag hat am selben Ort seine Silbermedaille im Teamskispringen gefeiert, mit 500 anderen, bis um 5 Uhr morgens. Die Pullen waren voll, die Pullen waren rasch leer. Champagnerflaschen spritzten in die Menge: Die Deutschen werden hier zu Feierbiestern. Als wäre das nicht genug, kamen spontan auch noch die norwegischen Springer vorbei.

Weil die Deutschen so erfolgreich sind, wiederholt sich das Tag für Tag. Eine Journalistin sagt: «Das hältst du nicht durch.» Auch hier ist alles gratis, von der Leberkäsesemmel bis zum Schnaps. Wieder mit einem Aber: Es braucht eine Einladung oder 390 Euro im Sack.

Korea House

Der Messestand

Kennen Sie diese Stände an den Frühlings- und Herbstmessen? Diese Stände, an denen Duvets und Gemüsehobel angeboten werden. So darf man sich den Charme des Korea-Haus vorstellen, nur dass sich hier ein Land präsentiert. Hier tanzt der Besucher im Spielautomaten zum Lied «Gangnam Style», lässt sich in traditionelle Kleider stecken und schaut Handys von Samsung an. Schade. Chance vertan.

Holland House

Der Club

Grosse Scheinwerfer zerschneiden die Nacht und künden das Holländerhaus bereits Kilometerweit an. Drin wirktes erst steril: LED-Lampen, massive Boxen, riesige Bühne. Dieser Ort könnte auch in Amsterdam oder Zürich sein –wären da nicht die Menschen.

Es hat sich in der Stadt Gangneung rumgesprochen, dass hier Abend für Abend der Moment zum Tanz wird. Die Kanadier kommen, weil ihr Haus bereits um 23 Uhr schliesst. Sie schmeissen unter der Führung von Eistänzerin Piper Gilles einen Linedance.

Als der DJ K-Pop laufen lässt, wissen sie nicht mehr weiter. Nun übernehmen die Koreaner. Die Menschen bilden einen Kreis – wie im Klassenlager – eine Russin springt hinein und tollt sich am Boden wie ein Welpe. Jubel. Jubel. Jubel.

Czech House

Der Treffpunkt

Hyewon Park hat Bier, Wurst, Sauerkraut und Knödel vor sich liegen, irgendwie will das Zeug nicht so wirklich runter. «Ich kam hierher, um das Essen zu testen», sagt der Koreaner über seine kulinarische Bildungsreise und lässt die Esswaren auf dem Teller liegen.

Es ist wohl das internationalste Haus der Spiele. Einerseits, weil wenig Tschechen in Süd­korea sind, andererseits weil das Haus zentral liegt und Besucher keinen Eintritt zahlen müssen. Positiv daran: Es ist gut besucht. Negativ: kaum Stimmung. Sympathisch am Haus: Es lädt Medaillengewinner anderer Länder ein.

Sweden House

Das Möbelhaus

Räusche sind hier viele, viele Franken wert: Das kleine Bier kostet 10 Franken. Das Schweden-Haus hat den Charme der Wohnabteilung von Ikea. Unschön ist nur, hier wird man abgewiesen (wie auch bei den Amerikanern), Einlass nur für Schweden-Freunde.

Doch die Sicherheitskontrollen sind lasch, schnell ist man drin und sitzt auf einem dieser bequemen Sessel, schaut Eishockey und geniesst das Beste im Haus: das Essen. Es gibt Köttbullar mit Kartoffelstock und Konfitüre. Wie bei Ikea.

House of Switzerland

Das Strandhaus

Kürzlich traten im Schweizer Haus ein Goldmedaillen- und zwei Silbermedaillengewinner auf. Die Feier fand draussen in der fiesen Kälte statt. Ein bärtiger Jurassier schwenkte in Edelweisshemd die Fahne, der Teint seiner Arme wechselte von orange zu blau.

Video: Die Medaillenparty mit Cologna, Feuz und Holdener

Zehn Minuten dauerte das Fest, es gab Selfies und Jubel, aber keine Euphorie und Schlagerkönig Gabalier – dafür Kuhglocken. Bald waren die Leute verschwunden, ein paar wenige ­traten noch in die kleine Bar. Ein Koreaner würde zur Stimmung sagen: «Soso.»

Den Pathos anderer Häuser sucht man hier ­vergeblich, das Schweizer Holzhaus ist ein ruhiger Ort. Vielleicht auch darum, weil das Haus ursprünglich für Rio konzipiert wurde. Pyeongchang ist Rio ­minus 40 Grad. Eher blöd also.

Das Raclette gibt es für 12 Franken und die Rugenbräu-Dose für 8 Franken. Ein Emmentaler – nicht Beat Feuz – sagt: «Kleine Portionen, überrissene Preise. Da muss man sich als Schweizer ja schämen.» Die Gäste aus dem Ausland sind da grosszügiger. «Sehr schön»,«feines Essen», «toller Ort». Aber auch: «Feiern gehen wir anderswo.»

Video: Jodelnde Südkoreaner vor dem House of Switzerland

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