Flexibel, vielfältig, jugendlich

Das Schweizer Team egalisierte mit 15 Medaillen nicht nur seinen olympischen Bestwert; die Athleten spiegelten mit ihren Auftritten die moderne Schweiz.

Holte eine Bronze-Medaille für die Schweiz: Skicrosserin Fanny Smith. Bild: GEPA pictures/Christian Walgram

Holte eine Bronze-Medaille für die Schweiz: Skicrosserin Fanny Smith. Bild: GEPA pictures/Christian Walgram

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Als die Schweizer 1988 in Calgary schon einmal 15 Olympiamedaillen holten, waren erst fünf der Ausgezeichneten von Pyeongchang geboren: Dario Cologna, Beat Feuz, Nevin Galmarini und die Curler Claudio Pätz und Martin Rios. Es war noch eine ganz andere Welt – auch im Wintersport. Die ­Sowjetunion und die DDR beherrschten den Medaillenspiegel (Stichwort Staatsdoping), Norwegen war noch unbedeutend und die Schweiz das Mass aller Dinge im Ski alpin. Damals rannte man mittags noch von der Schule nach Hause, um nicht das Skirennen am Fernsehen zu verpassen. Vreni Schneider, Pirmin Zurbriggen, Peter Müller, Maria Walliser, Michela Figini oder Brigitte Oertli waren unsere Heroen auf den Pisten.

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Die Winterspiele haben sich seitdem massiv verändert. Im Bestreben, die Jungen und die Frauen besser einzubinden, kamen haufenweise neue Sportarten und Disziplinen dazu. Wurden in Calgary noch 46 Medaillensätze vergeben, waren es in Südkorea schon 102 – mehr als doppelt so viele.

8 der 15 Medaillen, welche die Schweizer in Südkorea holten, waren vor 30 Jahren noch gar nicht zu ­gewinnen: Jene im Slopestyle (Hoefflin, Gremaud), im Skicross /Bischofberger, Smith), im Snowboard-Parallelriesenslalom ­(Galmarini), im Ski-Teamwettbewerb und im Curling (Mixed, Männer).

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Daraus zu schliessen, das Abschneiden in Pyeongchang sei deutlich tiefer einzustufen als jenes in Calgary, wäre aber verfehlt. Denn auch die Zahl der Teilnehmernationen hat sich seitdem stark erhöht (von 57 auf 92). Und der Sport ist auf allen Ebenen viel professioneller geworden.

Inzwischen hat man auch ausserhalb von Osteuropa gemerkt, dass er ein gutes Vehikel ist, um sich international zu profilieren und zu positionieren. Es fliesst viel mehr Geld, es hat ein wahres Wettrüsten stattgefunden. Gerade die Asiaten drängen in immer mehr Sportarten nach vorne – das exzellente Abschneiden der Süd­koreaner an ihren Heimspielen mit 17 Medaillen ist ein ­eindrücklicher Beleg.

Auch auf Youtube ein Hit

Dass die Schweizer gerade in den jüngeren Sportarten und Disziplinen so erfolgreich sind, spricht für die breite Sportförderung. Und es steht symbolisch für ein flexibles, innovatives und nicht zuletzt föderalistisches Land, dessen Vielfalt es auch im Sport weiter zu pflegen gilt. Der Freestyle-Skifahrer Fabian Bösch, der mit dem Video, wie er sich am Geländer der Rolltreppe hochziehen liess, für den Youtube-Hit der Spiele sorgte, repräsentiert die Schweiz genauso wie der urige Beat Feuz.

Gerade Swiss Ski, das offen ist für neue Strömungen, Platz findet für Charaktere aus ganz unterschiedlichen Erfahrungswelten im so vielseitig gewordenen Schneesport, ist da zu loben. Dank dieser Flexibilität gelang es, Erzrivale Österreich erstmals seit Calgary 1988 nach Anzahl Medaillen (15 zu 14) zu überflügeln. Die Österreicher sind im Ski alpin weiter die Nummer 1, doch bei den neuen Sportarten haben sie den Anschluss verpasst.

Neuer Spitzenwert

Angesichts des Schweizer Medaillenregens geht leicht vergessen, dass es auch ausserhalb der Top 3 zahlreiche Spitzenleistungen gab wie die der Langlaufstaffel der Frauen oder der Biathleten. Auch die 26 Diplome sind ein neuer Schweizer Spitzenwert. Denkt man daran, dass dies die letzten Winterspiele waren für Simon Ammann und vielleicht auch für Dario Cologna, die beiden vierfachen Olympiasieger, könnte Wehmut aufkommen. Doch es darf zuversichtlich stimmen, dass in Südkorea viele junge Athleten brillierten und dabei eine Qualität offenbarten, die man sonst den Amerikanern zuschreibt – dann, wenn es zählt, die beste Leistung zu zeigen. Wie Ramon Zenhäusern, der vor seinem Silber in einem traditionellen Slalom noch nie aufs Podest gefahren war. Oder Michelle Gisin, die in der Kombination im entscheidenden Moment den besten Slalom des Winters zeigte.

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Viele dieser Jungen werden in Peking 2022 wieder dabei sein. Was aber nicht bedeutet, dass sich die Schweiz automatisch wieder an diesen 15 Medaillen orientieren kann. Die Sportwelt dreht sich weiter, und sie dreht sich immer schneller. Wie die Südkoreaner werden nun auch die Chinesen mobilmachen. Da gilt es für Swiss Olympic, Schritt zu halten und sich zu überlegen, wo man noch neue Quellen für Erfolge erschliessen könnte. Wie beispielsweise im ­Eis­schnelllauf, wo wir noch ­Entwicklungsland sind. Sion 2026 als Lokomotive?

Olympische Spiele in Sitten 2026 könnten eine Lokomotive für den Schweizer Sport werden, falls es den Initianten gelingt, national die Zweifler zu überzeugen und international sich gegen die starke Konkurrenz (Calgary, Stockholm, Sapporo) durchzusetzen. Nachdem die Athleten mit ihren ­Leistungen Rückenwind für die ­Kandidatur erzeugt haben, ist es nun an den Funktionären und Politikern, diesen zu nützen.

Eine humoristische Randnotiz zum Schluss: Vor allem für die ­gemischten Sportarten scheinen die Schweizer ein besonderes Flair zu haben, wie das Silber der Mixed-Curler zeigte und Gold im Ski-Teamwettbewerb. Man könnte diese Resultate so interpretieren: Auch in der geschlechterüber­greifenden Verständigung gehören die Schweizer zur Weltspitze.

Erstellt: 25.02.2018, 20:29 Uhr

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