Zum Hauptinhalt springen

«Mach doch einen Rückwärtssalto!»

Aerials ist bei den Roths Familiensache. Papa Michel ist Nationaltrainer, Sohn Noé der Jüngste in der Schweizer Delegation. Und Mama Colette Olympiamedaillengewinnerin.

Jederzeit flugbereit: Noé Roth mit Vater und Trainer Michel. Foto: Urs Jaudas
Jederzeit flugbereit: Noé Roth mit Vater und Trainer Michel. Foto: Urs Jaudas

Michel Roth ist kein Biologe und auch kein Mathematiker, sondern Nationaltrainer des Aerials-Teams. Trotzdem ist sein Vergleich verständlich. «Plus und Plus muss nicht zwingend Plusplus ergeben», sagt der Schweizer National­trainer. Er spricht von seinem Sohn Noé respektive über die Vererbung von ­Talent, das nicht automatisch auf die nächste Generation übertragen wird. Bei den Roths ist das aber sehr wohl der Fall. Der 17-jährige Noé Roth ist diesen Winter im Weltcup angekommen. Nun gibt er sein Olympiadebüt, als jüngstes Mitglied der Schweizer Delegation. Vater Michel war einst selber Aerials-Athlet und ist seit 27 Jahren Nationaltrainer. Seine Frau Colette gewann unter ihrem Ledig­namen Brand 1998 Olympiabronze.

Vater und Sohn sitzen an diesem Vormittag in Südkorea im House of Switzerland vor einer Schar Journalisten und Kameras, und es ist ganz offensichtlich, dass der Sohn nicht genau weiss, wie er damit umgehen soll. Er spricht vom «Traum Olympiade» und seinem Ziel («einen guten Sprung zu zeigen und auch zu landen – dann bin ich eigentlich zufrieden»). Grössere Ziele kann einer mit der Erfahrung von sechs Weltcupstarts, alle in den vergangenen neun ­Wochen, auch noch nicht haben.

Während für jeden Athleten in seiner Situation die Olympischen Spiele der absolute Höhepunkt wären, zögert Noé Roth, als er diese Frage beantworten soll. Es gibt da noch eine andere Erfahrung, die er sich mit der Olympiaqualifikation ermöglicht hat, die er schon lange herbeigesehnt hat. Mit dem Vater hatte er ausgemacht, dass er seinen ersten Dreifachsalto springen dürfe, sobald die Qualifikation geschafft sei.

Nun erzählt Noé Roth bereits von zwei verschiedenen Dreifachsalti mit drei Schrauben, die er in der Qualifikation am Samstag vorführen will. Den Full-Full-Full hat er vor Pyeongchang erst viermal gemacht, im Olympia-Trainingslager in Japan. «Der dritte war unglaublich schön», schwärmt der Vater.

Laufgitter neben Wasserschanze

Zurück zum Vergleich mit dem vererbten «Plusplus». Was zeichnet den Filius aus, wenn es nicht die Gene sind? «Er springt einfach gerne», sagt Vater Roth. Als Noé noch ein Knirps war, die Mama aber bereits wieder halbtags arbeitete, nahm ihn der Vater im Sommer jeweils mit zur Wasserschanze im zürcherischen Mettmenstetten, wo die Aerials-Athleten trainieren. Michel Roth stand während der Trainings beim Jurystand, Noé spielte daneben im Laufgitter. Als ihm das zu langweilig wurde, entdeckte er das Trampolin.

Was fasziniert ihn am Fliegen, am kurzen Moment der Schwerelosigkeit? «Ich mache es einfach gerne», sagt er, immer noch etwas scheu. «Es fühlt sich einfach gut an», lautet ein zweiter Erklärungsversuch. Vielleicht lässt sich mit Taten besser erzählen, wie gerne Noé Roth fliegt, wie leicht ihm das fällt. Er ging noch in den Kindergarten, als der Vater in Meiringen neben der Trainingsschanze seiner Athleten ein kleines Schänzchen schaufelte, wo der Junge seinen ersten Vorwärtssalto sprang. 12 oder 13 war er, als er im Maggiatal in Ponte Brolla von der 20 Meter hohen Steinbrücke sprang – und für einmal auf einen Salto verzichtete. Beim Foto­termin soll er von einer Bank herunterspringen. «Mach doch einen Rückwärtssalto!», schlägt der Vater vor. Der Sohn reibt sich kurz die Knie und dreht.

Bis er zum Aerials-Athleten wurde, verging noch etwas Zeit. Die Roths wollten nicht zu jenen Eltern gehören, die ihr Kind auf Teufel komm raus auf die gleichen Wege lenken. Stattdessen schickten sie Noé zum Kunstturnen. Ganz frei von Hintergedanken war das allerdings nicht. Um es heute bei den ­Aerials zu etwas zu bringen, muss ein Athlet eine gute akrobatische Basis haben. Und die gibt es eben im Turnen. Sechs Jahre turnte Noé Roth im Aargauer Regionalkader, danach wechselte er zu seinen Wurzeln, zum Aerials.

Anfänglich wurde er im Europacup – den er im vergangenen Winter gewann – vom dortigen Trainer betreut, seit Mitte letzter Saison vom Vater. Das klappe gut, bestätigen beide. Im Training ist der Coach auch für den Sohn der «Misch», wenn sie unter sich sind, wieder der «Papi».

Die Roths wollten nicht zu jenen Eltern gehören, die ihr Kind auf Teufel komm raus auf die gleichen Wege lenken. Stattdessen schickten sie Noé zum Kunstturnen.

Mit der Doppelrolle scheint dieser keine Probleme zu haben. Angst um den Sohn? «Dafür kenne ich die Sportart zu gut. Meiner Frau geht es genau gleich.»

Dann kommt ihm doch ein Moment in den Sinn, jüngst in Japan, als Noé einen Absprung verpatzte. Er konnte sich retten, den Sturz vermeiden. Doch der Nationaltrainer realisierte: «Jetzt war ich kurz der Vater, der Angst um seinen Sohn hat.»

Dass es bis jetzt der einzige Moment war, liegt auch an Noé Roths Fähigkeit, sich in der Luft zu orientieren. «Es zeichnet die richtig guten Springer aus, in heiklen Momenten die richtige Entscheidung zu treffen. Das ist Talent», sagt der Nationaltrainer. Ebenfalls hilft dem Athleten da eine Fähigkeit, die er definitiv vom Vater hat: Er lässt sich durch nichts aus der Ruhe bringen.

USA, Südkorea, Weissrussland

Am Samstag ist die Aerials-Qualifikation, am Sonntag der Final. Doch die lange Reise der Roths ist dann noch nicht zu Ende. Seit Mitte Januar und den US-­Weltcups sind sie unterwegs. Auf dem Weg nach Asien schaltete das ­Nationalteam einen Zwischenhalt auf Hawaii ein, trainierte dann in Japan. Und nach Süd­korea reist Noé Roth direkt zur Junioren-WM in Weissrussland. Dort gelten wieder andere Massstäbe. Wer bei den Junioren drei Salti beherrscht, ist ein Titelanwärter.

Wie das wohl in vier Jahren sein wird? 2022 ist bald. Und Noé Roth dann 21, mit vier Jahren Erfahrung im Dreifachsalto.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch