Boarder, Künstler und Medaillenhoffnung

Pat Burgener ist ein Künstler und galt als grösstes Talent seiner Generation. Er soll für die Schweiz in der Halfpipe die Lücke schliessen, die Iouri Podladtchikov hinterlässt.

In der Schule sagten sie Pat Burgener, er sei hyperaktiv. Der 23-Jährige sagt, er sitze einfach nicht gern still.

In der Schule sagten sie Pat Burgener, er sei hyperaktiv. Der 23-Jährige sagt, er sitze einfach nicht gern still.

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Pat Burgener ist kein Zauberer, doch er will in diesen Tagen Tricks in Medaillen verwandeln. Klar, im Satz ist eine Prise Vorsicht drin – ein «ich will» und kein «ich werde». Doch der Plan ist klar, Burgener verspricht sich grosse Taten. Auch im Wissen, dass er selbst ein Versprechen war. Der Beste seiner Generation vielleicht, der Talentierteste bestimmt. Doch Burgener kam vom Weg ab, weil er sich verletzte, weil er Umwege suchte. Er sagt: «Everything happens for a reason», alles hat seine Gründe.

Wenn Burgener solche Sätze spricht, dann klingt das immer ein bisschen spirituell, dann umweht ihn ein Hauch Pathos. Er kann minutenlang über «Happiness» sprechen, über das Glück und das Glücklichsein: Der Moment ist wichtig, die eigene Balance auch. Je länger man ihm zuhört, desto mehr kommt man zum Schluss: Da hat einer auch schon weniger Glück gehabt, da hat einer seine Mitte gefunden.

Gitarre macht mehr Freude

Seine Karriere geht fulminant los: Als 13-Jähriger nimmt er an internationalen Wettkämpfen teil, Podestplätze werden zu seinen Freunden, Experten schreiben ihn bereits zu künftigen Olympiamedaillen. Einzig in welchen Disziplinen ist noch unklar, Burgener glänzt überall: in der Halfpipe, im Slopestyle, im Big Air. Dann verletzt er sich. Er verpasst Olympia 2010, kommt zurück, bricht sich vor Olympia 2014 die Hand, dann reisst auch noch das Kreuzband – das Versprechen Burgener verblasst. Er nimmt Gitarrenstunden und merkt: Das macht ihm richtig Freude, mehr als das Snowboarden, in der Halfpipe fährt er nicht mehr.

In der Schule sagen sie ihm, er sei hyperaktiv. Er sagt, er sitze einfach nicht gerne still. Mit 18 bricht er das Gymnasium ab, der Geist muss frei sein. Ja, Freigeist Burgener braucht die Freiheit: im Sport, in der Musik. Ende März erscheint sein erstes Album, darauf ist auch der Song «Korea». Er ist eine Kurzversion von Burgeners Leben: Im Video liegt er auf dem Rücken im Schnee, gestürzt, dann steht er auf und verschwindet barfuss im Wald. Er singt: «Hab keine Angst vor dem Klang des Fallens. Fürchte das Fallen nicht.» Und: «Eines Tages siehst du den Pfad, um zurückzukommen.»

Pat Burgeners Auftritt bei den Credit Suisse Sports Awards. Quelle: YouTube.

Burgener hat den Pfad gefunden, 2015 entscheidet er, sich wieder in der Halfpipe zu versuchen. Von überall hört er: «Zu schwierig, mach das nicht.» Doch Burgener will und schafft über mies besuchte Nachwuchswettkämpfe in den USA den Anschluss an die Spitze.

Typen wie Burgener werden gerne unterschätzt. Der Romand hat auf den ersten Blick etwas Verpeiltes und Verträumtes an sich, er kann mit einer Gitarre durch Seoul spazieren und spontan an einer Ecke ein Ständchen geben. Doch sobald der 23-Jährige sich ein Brett anschnallt, verwandelt er sich. Er wird zum Ehrgeizling, zum Perfektionisten. Zu einem auch, der alles etwas ­anders macht.

Hadern mit sich selbst

Wie ehrgeizig er ist, zeigt sich auch im Januar am Laax Open. Burgener gelingt ein Prachtlauf, doch dann setzt es ihn in den Schnee. Der Snowboarder liegt sekundenlang am Boden, mitten in der Halfpipe. Auch eine Stunde später bei der Talstation hadert er noch mit der missglückten Landung – im Training konnte er sie ja.

Was Burgener kann, weiss auch sein Trainer Pepe Regazzi. Er sieht Burgener für den Wettkampf am Mittwoch als Medaillenkandidaten. Seine Trickkiste ist nicht so spektakulär wie jene der Favoriten, doch Burgener hat Style. Diesen Faktor, der so schwer zu beschreiben ist. Er kann beim Zuschauer ein Gefühl der Beschwingtheit auslösen. Er fliegt Linien durch die Luft, die formschön sind und so einfach wirken. Es ist wohl seine grösste Gabe: Schwieriges einfach aussehen zu lassen.

Als Iouri stürzte

Gemäss dieser Trickkiste steht Burgener mit kleinem Abstand hinter Halfpipe-Legende Shaun White und dem Japaner Ayumu Hirano, von dem Burgener sagt, dieser habe an den X-Games den besten Lauf der Snowboardgeschichte gezeigt: «Da kannst du nur gratulieren.»

Er müsse darum auf sich schauen. Seine Leistung bringen. Selbst den Ausfall von Teamleader Iouri Podladtchikov verdrängt er. Er wacht Anfang Monat in Laax auf, als Zimmerkollege Jan Scherrer zu ihm sagt: «Du, der Iouri ist in Amerika schwer gestürzt.» Solche Nachrichten nimmt er nur noch zur Kenntnis, sie sind mittlerweile normal geworden: «Wir machen einen gefährlichen Sport, der immer extremer wird.»

Burgener hat in Laax dann doch noch die Gründe für seine unbefriedigende Landung gefunden. Am Abend vor dem Final hatte er ein Konzert gegeben. Am Ende fehlte die Energie für den Ausreisser nach oben. Dieser Fehler wird ihm nicht mehr unterlaufen. Seine drei Konzerte im House of Switzerland folgen erst nach dem Halfpipe-Final.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 13.02.2018, 17:26 Uhr

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