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Russlands polemisches Leiden

Alternative Spiele, wenige Medaillen, eine angebliche Dopingverschwörung: Das Wintersportland zelebriert sein Anderssein.

Christian Brüngger
Holte das erste Gold für Russland: Alina Sagitowa, 15. Foto: Eric Gaillard (Reuters)
Holte das erste Gold für Russland: Alina Sagitowa, 15. Foto: Eric Gaillard (Reuters)

Nach den Spielen ist für viele russische Spitzenathleten vor den Spielen. Heute startet Russland nämlich in sein alternatives Olympiaprojekt, um den Ausgeschlossenen des regulären Grossevents eine Plattform zu bieten. Rund 900 ­Athleten werden in Ski alpin, Bob, Eisschnelllauf, Biathlon und Shorttrack in fünf Regionen um diese Alternativ­medaillen an den «offenen Gesamtrussland-Wettkämpfen» teilnehmen. Dieser Spezialevent belegt einmal mehr: Russland tut sich weiter schwer, dass es für sein systematisches Dopen rund um die Heimspiele von 2014 bestraft wurde.

Wobei sich die IOK-Funktionäre schon heute als Russen-Ver­steher präsentieren können. Die Exekutive entscheidet heute Morgen europäischer Zeit, ob das Team statt unter ­neutraler Flagge als sogenannte Olympische ­Athleten aus Russland wieder mit allen Insignien einer offiziellen ­Delegation die Schlussfeier bestreiten darf.

Die offizielle Ausrüstung haben die Russen auf jeden Fall schon einmal ­bereitgelegt, wie Delegationsleiter ­Stanislaw Posdnajkow erklärte. Dass ausgerechnet ein russischer Curler an diesen Spielen als Erster positiv getestet wurde, erschwert diese möglicherweise rasante Rückkehr in die olympische ­Familie. Das Comeback erschwerte gestern ein weiterer Dopingfall. Er betrifft die Bobpilotin Nadeschda ­Sergejewa, die Rang 12 belegte. Ihre A-Probe wies gemäss einer auf olympische ­Themen spezialisierten Seite ein verbotenes Herzmittel (Trimetazidin) auf.

Selbstversuch mit Dopingmittel

Symptomatisch für die Dopingcausa um Russland ist, wie sich das Land im Fall des Curlers Alexander Kruschelnizki verhält. So spekulierte die Sportzeitung «Sport-Express» beispielsweise, man habe dem Curler die Substanz allenfalls ins Essen ­gemischt, um der Welt zu ­beweisen, dass «die Russen nicht von der Nadel loskommen» würden.

Flugs nahm eine andere Redaktion einen Selbstversuch mit dem Mittel (Meldonium) vor. Sie kam zum Schluss: Man schmecke nicht, wenn einem Meldonium ins Essen gemischt werde. Auf Initiative des Russischen Olympischen Komitees begann die russische Polizei zu ermitteln – ohne die ­Panscherthese bestätigen zu können.

Damit bleibt primär das russische ­Gefühl, von der Restsportwelt auch an diesen Spielen im Minimum kritisch ­beäugt zu werden. «Man hat Russland zum Hauptfeind der olympischen Bewegung gemacht», schrieb das Online­portal «Lenta.ru» passend. Dass sich das Land nach dem grössten Dopingskandal der jüngeren Geschichte weiterhin als schlechter Verlierer aufführt, will es partout nicht einsehen.

Handfestes Interesse an der Klage

In dieses Bild passt, was die «New York Times» jüngst öffentlich machte: Der russische Oligarch und Milliardär Michail Prochorow, Besitzer des NBA-Teams Brooklyn Nets, finanziert eine Verleumdungsklage in den USA gegen den zentralen Whistleblower des Skandals. Denn Grigori Rodschenkow, der ­medizinische Mastermind des Russland-Betrugs, flüchtete in die USA. ­Prochorow, der das Anliegen dreier ­Biathletinnen unterstützt, hat handfestes ­Interesse an der Klage: Er präsidierte in den Dopingjahren den russischen ­Biathlonverband und wurde von Rodschenkow als Mitwisser des Betrugs ­bezeichnet.

Dieses doch eher polemische Leiden der Russen vermag die dürftige Bilanz an diesen Olympischen Spielen jedoch nicht zu ­kaschieren. Erst in der Nacht auf gestern konnte das Team dank der 15 Jahre jungen Eiskunstläuferin Alina Sagitowa das erste Gold feiern – nachdem Russland vor vier Jahren in Sotschi noch elf Titel geholt hatte. Vor dem Auffliegen des Betrugs und zwei Sperren waren es sogar 13 gewesen.

Die jungen Langläufer liefern

Statt wie in Sotschi den Medaillenspiegel zu dominieren, nimmt das Team mit 14 Medaillen nun Platz 15 ein und verfügt nur noch im Eishockey der Männer über eine realistische Gold-Chance. Hatten 2014 noch Athleten aus neun Sportarten für Top-3-Ränge ­gesorgt, sind es diesmal ein Drittel weniger. Zudem trugen die Langläufer gleich sechs Podestplätze bei. Wenigstens diese jungen Athleten konnten den aufgezwungenen Generationenwechsel also nutzen. Dass sie ­offiziell die Abwesenheit ihrer vermeintlich stärkeren Teamkollegen beklagen, ist wohl primär Selbstschutz.

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