Schneiderlein reisst sich zusammen

Vreni Schneider musste schon jung viel durchmachen – und wurde doch zur grössten Skifahrerin des Landes. Die 53-Jährige bereut nur ihre Versuche als Sängerin.

Elmer Citro oder Ovomaltine? Vreni Schneider im Entweder/Oder-Spiel. Video: Fabian Sangines

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Vreni Schneiders vielleicht grösste Niederlage liegt in einem CD-Gestell in ihrem Büro. Schön drapiert, 25 Franken das Stück: «Ä Gruess us dä Bergä». Die erfolgreichste Skirennfahrerin, die das Land je sah, hat sich als Sängerin versucht, ein ganzes Album aufgenommen. Der Hit: «Ä Kafi am Pischtärand». Da kann nichts schiefgehen, zu perfekt ist die Mischung aus Liebling der Nation und Schunkellied. Sagten die Produzenten. Glaubte sie. Es ging schief.

Es reicht ein Auftritt im Fernsehen, grüne Steppjacke, ungelenke Bewegungen, alles eher skurril als gelungen. Es stört sie nicht gross, sie hat sich noch nie allzu ernst genommen. Doch als es anfängt mit Beleidigungen gegen ihre Familie, als die Kinder ihrer Geschwister «angepöbelt» werden im Ausgang, da mag sie nicht mehr. Schneider sagt Auftritte ab. Sie sagt: «Mit der Musik gibt es keinen zweiten Lauf.» Schade eigentlich, auf den Ski war sie die Frau der zweiten Läufe, die Frau der unmöglichen Aufholjagden.

Es ist ein schöner Wintertag in Elm, die Sonne scheint, der Schnee liegt in Massen. Vreni Schneider sitzt im Büro ihrer Skischule. Es schaut eine Kundin vorbei, die sie mit einem lauten Hallo begrüsst. «Super Verhältnisse, um Ski zu fahren. Machts gut. Einen schönen Tag.»

Der Knorpel im Knie ist weg

Das Geschäft läuft gut, im Februar, in den Sportwochen, da «räblets» besonders. 150 Kinder sind dann jeweils hier, Schneider spricht von «usinnig» schönen Erlebnissen. Von Kindern, «denen das Fieber weitergegeben wurde». Das Fieber, das sie damals bei deren Eltern entfacht hatte, die am Mittag nach Hause pressierten, um am Fernseher Vreni Schneider zu sehen, wie sie sich zu ihrem nächsten Sieg schwingt. Mit ­Buckel und weissem Helm, immer und immer wieder, zu 55 Siegen im Weltcup. «Ich bin doch alt», sagt sie zu den Kleinen. Die Antwort: «Aber Mami und Papi sagen, dass du die Beste bist.»

Solche Begegnungen sind auch ein bisschen Lohn für all die Mühen, die sie auf sich genommen hat. Schneider fasst sich ans Knie, «in jeder Kurve tut es weh». Sie muss schmunzeln, wenn sie an ihre Privatkunden denkt, denen ein Tag mit Vreni auf der Skipiste geschenkt wurdeund die dann nervös vor ihr stehen: «Frau Schneider, ich kann doch gar nicht gut Ski fahren.» Dabei fahre sie ja längst nicht mehr so wie im Weltcup. Der Knorpel ums Knie ist ganz weg, «es reibt kräftig». Die Schulter schmerzt «wie verrückt». Im letzten Frühling, da konnte sie plötzlich die Hände nicht mehr bewegen. Die Ärzte rätselten: Sind es die Nerven? Oder ist es Gicht? «Es ist Abnützung», sagt Schneider.

Doch sie mag nicht klagen. Was ist das schon, das bisschen Schmerz. «Es gibt doch viel, viel Schlimmeres», sagt sie, «wenn ich etwa sehe, wie junge Mütter an Krebs erkranken, dann nimmt mich das so richtig mit.»

Die Mutter konnte nicht mehr Zuhören

Für einen kurzen Moment ist es still. Schneider denkt an das Frühjahr 1981. Vreni, der 16-jährige Teenager, hatte ­gerade aufregende Tage hinter sich. In einer Gruppe von sieben Skirennfahrerinnen war sie losgefahren nach Italien. FIS-Rennen standen an, auf Kunstschnee, erstmals, «es war blankes Eis», erinnert sich Schneider. Zwei Rennen, keine Schweizerin im Ziel. Sie entschuldigten sich beim Trainer. Der fragte: «Habt ihr schon einmal das Meer gesehen?» Natürlich hatten sie das nicht. Sie fuhren viele Kilometer runter, Richtung Rom, zum Strand. Das war ein Erlebnis.

Wieder zu Hause, stürmte Vreni ins Zimmer ihrer Mutter. Diese lag im Bett. Vreni wollte erzählen, von den Ausfällen, vom Meer. Doch die Mutter sagte: «Vreni, kannst du mir das ein andermal erzählen? Ich mag dir nicht zuhören.» Wenige Wochen später war sie tot: Krebs. «Es war letztlich eine Erlösung für sie», sagt Schneider, «aber für uns wars schlimm, ganz schlimm.» Tag und Nacht war sie im Spital am Bett gestanden, manchmal mit ihrem Vater, manchmal mit der Schwester oder den zwei Brüdern, alle älter als sie.

Nun plötzlich verstand sie, wieso ihre Mutter ihr erklären wollte, wie sie waschen muss, wie kochen. «Das muss ich noch nicht wissen», sagte Vreni jeweils. «Vielleicht bist du einmal froh drum», sagte die Mutter. Schneider sagt: «Sie wusste, worauf sie mich vorbereitete.»

Nun kochte sie für die Männer, schmiss den Haushalt, die Schwester war unter der Woche in der Lehre in St. Gallen. Das Skifahren gab Vreni den nötigen Halt. «Willst du Skifahrerin werden», hatte ihre Mutter noch kurz vor dem Tod gesagt, «dann musst du alles unternehmen, damit es auch klappt.»

«Denen zeige ich es schon»

Vreni Schneider tut das. Kaum zu Hause von der Schule, stemmt sie Gewichte, macht Kniebeugen, geht auf die Piste. Der Durchbruch lässt auf sich warten, «drei Jahre bin ich im C-Kader rum­gegurkt», sagt Schneider, einmal fehlt ein Punkt, ein andermal ein halber zum Aufstieg. «Vielleicht habe ich das gebraucht», sagt sie. Denn das war Ansporn. Sie rief noch den Trainer an, sagte, sie höre auf mit Skifahren, legte den ­Hörer auf und ging trainieren. «Wie eine Verrückte» – «denen zeige ich es schon».

Vreni Schneider zeigt es allen. In ihrem dritten Weltcuprennen, einem Riesenslalom in Santa Caterina, siegt sie bereits. Es folgen 54 Triumphe, beinahe jedes dritte Rennen ihrer Karriere ­gewinnt sie – auch ihr letztes, einen Slalom in Bormio, womit sie zum dritten Mal den Gesamtweltcup gewinnt. Hätte sie das nicht geschafft, sagt sie, hätte sie danach nicht aufgehört. Die grosse ­Kugel oder eine Goldmedaille, das musste es schon sein zum Abgang.

1995 beendet Schneider mit 31 und als dreifache Weltmeisterin und dreifache Olympiasiegerin ihre Karriere, «ich war total durch, Körper und Kopf waren verbraucht». Sie hat sich gefordert bis zum Letzten, nur der Sieg war gut ­genug. Sie war nervös vor jedem Rennen, suchte Abstand von den anderen Fahrerinnen, versuchte, sich in den Wäldern neben den Starthäuschen zu beruhigen, und musste doch fast immer kurz vor dem Start ein Loch graben, um sich zu übergeben. «Jetzt bist du frei», sagte ihr Physiotherapeut. Dann raste sie zu ihren Triumphen.

Ihre Mutter wäre stolz gewesen, sagt sie, auch deshalb schuftete sie bis über die Schmerzgrenze, wollte sie siegen, fast um jeden Preis. Manchmal blickte sie vor ihren Siegesfahrten noch kurz in den Himmel, dachte an sie, wusste, es gibt Wichtigeres, als zu gewinnen, «aber erst einmal kämpfe ich, bis einen Meter nach der Ziellinie». Wie an den Olympischen Spielen 1994 in Lillehammer. Den zweiten Slalomlauf könnte sie heute noch ausstecken, Tor für Tor, sagt sie.

Der Tod von Freundin Ulli Maier

Nach dem ersten Durchgang ist sie Fünfte, telefoniert mit dem Vater, mit dem Bruder, sie sagt sich selber: «Schneiderlein, reiss dich zusammen. Schneiderlein, jetzt zeigst du den Lauf deines Lebens.» Er wird es. Das dritte Olympiagold ist das wertvollste für Vreni Schneider. Auch wegen der emotionalen Vorgeschichte. Kurz zuvor war Ulli Maier auf der Abfahrtspiste von Garmisch tödlich verunglückt, eine Freundin, sie bewunderte die Österreicherin dafür, dass sie als Mutter durch den Weltcup tingelte. «Und dann kommt sie um, brutal.»

Schneider hat Mühe, sich auf den Sport zu konzentrieren, darf sie überhaupt noch weiterkämpfen, weiterfahren? «Ja, ich darf», sagt sie sich vor dem Start in Lillehammer, «irgendwer muss ja gewinnen.» Sie ist es, wie so oft.

Es ist bald Mittag in Elm. Schneider ist ins Plaudern gekommen. «Jetzt muss ich aber weidli in den Volg», sagt sie, ihre Söhne Florian (13) und Flavio (11) erwarten ein warmes Zmittag. «Selber Mami zu sein, ist das Grösste für mich», sagt Schneider, «auch wenn es zwei Schlingel sind, vor allem der jüngere.» Beide Buben fahren Ski. Florian, der ältere, besucht die Sportschule Glarnerland. Er sei ein begnadeter Techniker, sagt Vreni Schneider, der jüngere eher Typ Kamikaze.

Im Winter ist Vreni Schneider mit der Skischule beschäftigt, «im Sommer bin ich vor allem Mutter, Hausfrau und Gärtnerin im eigenen Garten».

So, jetzt muss sie aber los, in den Volg fürs Zmittag. Etwas aber muss sie noch loswerden. «Übrigens: Es gibt auch viele Leute, die meine Musik mögen. Mein Lied «Gueti Besserig» läuft immer noch auf der Musikwelle.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.02.2018, 21:28 Uhr

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