Siebzehn Jahr, unschlagbar

Chloe Kim gewinnt Gold in der Halfpipe. Der Teenager deklassiert die Konkurrenz und bestätigt den Hype um sie. In ihrer Entwicklung spielte die Schweiz eine spezielle Rolle.

Sie wirkt locker und entspannt, ist aber ein Arbeitstier: Olympiasiegerin Chloe Kim.

Sie wirkt locker und entspannt, ist aber ein Arbeitstier: Olympiasiegerin Chloe Kim. Bild: Keystone

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Sie haben es damals schon gewusst in Zermatt, als eine Achtjährige in der Halfpipe faszinierende Linien zog. «Chloe» haben sie ihr zugerufen und «künftige Olympiasiegerin» zueinander gesagt. Die Eltern hatten damals das Mädchen zwei Jahre nach Genf zur Tante geschickt. Die Sprache sollte sie lernen, sie machte noch viel mehr: Sie begann hier das Snowboarden so richtig zu lieben.

Neun Jahre später ist das Mädchen immer noch ein Mädchen – und die Zermatter Prophezeiung wahr. Chloe Kim ist Olympiasiegerin. Vier Jahre zu spät, sagen manche. Bereits in Sotschi hätte sie gewinnen können, doch war sie mit 13 Jahren zu jung, 15 hätte die heute 17-Jährige sein müssen, um starten zu dürfen.

Als sie stürzt, macht alles «Ah»

Der Goldweg in Bokwang über drei Läufe ist eine Demonstration, die Gegnerschaft Staffage – das ist nicht einmal respektlos gemeint. Kims erster Run ist ein Sicherheitslauf, er hätte bereits zu Gold gereicht, im zweiten stürzt sie, das ganze Stadion macht «ahhh.»

Als sie nach dem Sturz Richtung ­Sessellift fährt, stoppt sie plötzlich und umarmt einen Mann hinter den Absperrnetzen. Der Mann flüstert ihr etwas ins Ohr, sie nickt. Bevor sie weiterfährt, hält sie noch kurz den Kopf hin und überlässt den 40 Selfie-Willigen ein Lächeln.

Der Einflüsterer ist Chloes Vater Jong Jin. Jener Mann, der 1982 mit seiner Frau von Südkorea in die USA auswanderte; der am Tag Ingenieur studierte und nachts zu Minimallöhnen in der Fabrik an der Maschine arbeitete. «Bildung ist alles», sagt Jong Jin Kim heute.

Im Jahr 2000 kommt Chloe zur Welt, mit vier kauft ihr der Vater auf Ebay für 25 Dollar ein Snowboard. Nicht um die Tochter auf Erfolg zu drillen, sondern um seine Frau auf die Piste zu locken. Bald entdeckt der Vater Chloes immenses Talent und hört auf zu arbeiten. Er will sie fördern. Er sagt: «Ich bin ein ziemlich strenger Vater. Wenn wir etwas machen, dann richtig.» Sie seien gefahren und gefahren, ohne zu wissen, wohin sie ihr Weg führe.

Sie ist die Beste

Während Kim im Sessellift nach oben fährt, schreibt sie auf Twitter, sie sei «hangry» – so hungrig, dass sie langsam wütend werde. Ihre Konkurrenten sind weniger locker drauf, eine nach der anderen scheitert an ihrer Marke. Als die Chinesin Jiayu Liu im Schnee landet, ist die Goldmedaille fix, obwohl Kim noch oben steht. Der Vater reckt seine Arme in den Himmel, ein verhaltenes «Yes» entfährt ihm. Sieht so Freude aus?

Oben schnallt sich die Tochter das Brett an, sticht in die Pipe und zeigt der Welt etwas nicht von dieser Welt. Sie springt zwei 1080s nacheinander, zwei aufeinanderfolgende Dreifachdrehungen. Keine Frau kann das ausser ihr. 98,25 Punkte leuchten auf, knapp unter dem Maximum von 100. Nun gibt es auch für den Vater kein Halten mehr, er jubelt, er trifft auf seine Tochter und weint. Sie fragt ihn: «Was machst du da?»

Der Erfolg von Kim hat etwas Logisches – sie ist die Beste – und doch ist ihr Sieg erstaunlich. Vier Jahre lang wird von einem Teenager nichts weniger als der Olympiasieg erwartet. Die Erwartungen werden zusätzlich aufgeladen mit millionenschweren Werbeverträgen und einem einzigartigen Medieninteresse.

Kim ist so gross geworden, dass sie von den normalen Menschen abgeschirmt werden muss. In Südkorea ist der Hype wegen ihrer Wurzeln noch einmal gewachsen, die Zahl der Follower ihrer sozialen Medien explodieren. Selbst die amerikanische Botschaft in Seoul hat ein Riesenbanner an seine Fassade gebunden, darauf gross: Chloe Kim.

Shaun Whites Lob

Wie sie mit dem Druck umgeht, wie sie ihn kanalisiert, ist beeindruckend. Wie sie das Frauen-Snowboarden auf eine neue Ebene hievt, ebenso. Das führt dazu, dass Shaun White, Legende ihres Sports, sagt: «Sie erinnert mich an mich.»

In den Momenten ihrer Brillanz wirkt Kim wie eine 30-Jährige. Sobald sie aber den Mund öffnet, wird sie wieder zur 13-Jährigen. Auf dem Podium der Pressekonferenz streckt sie die Zunge raus, sie macht ein Selfie, sagt, sie habe nun Lust auf einen Hamburger. Sie macht sich lustig über die Übersetzerin, singt «Paparazzi» von Lady Gaga und erzählt in der Euphorie, dass ihr Siegeslauf neben den beiden 1080s-Tricks «quite mellow», ziemlich locker war. Die Gegnerinnen werden ihr den Übermut verzeihen.

So entspannt Kim nun wirkt, so viel Arbeit steckt dahinter. Die Viertplatzierte und doppelt so alte Teamkollegin Kelly Clark sagt: «Klar, sie hat Talent, aber auch den Willen zum Extra-Effort. Sie macht mehr Fahrten als jede andere.» In Genf bei ihrer Tante ist Kim jeweils morgens um vier Uhr aufgestanden, um rechtzeitig im Skigebiet zu sein.
(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.02.2018, 15:47 Uhr

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