So nah an Gold, und doch so fern

Rios/Perret geben im Final des Mixed-Curling gegen Kanada bei 3:10 auf – heute werden sie für Silber gefeiert.

Der Stunde der grossen Enttäuschung wird heute der Tag des Stolzes folgen: Martin Rios und Jenny Perret nach der Finalaufgabe

Der Stunde der grossen Enttäuschung wird heute der Tag des Stolzes folgen: Martin Rios und Jenny Perret nach der Finalaufgabe Bild: Keystone

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Eine gute Stunde nach dem wohl bittersten Moment seiner Curlingkarriere fand Martin Rios sein Lachen wieder. Zumindest für einen kurzen Moment. Er war in der Medienkonferenz nach der vernichtenden Niederlage im Final gefragt worden, wie er die Aussichten des Mixed-Curling einschätze. Und hatte geant­wortet, für kleinere Nationen sei diese ­Disziplin eine Chance, weil man nur zwei Spieler auf gutem Niveau brauche und nicht vier. Als die Frage auch an seine Partnerin Jenny Perret ging, sagte sie: «Ich bin mit Martin einverstanden.» Er klatschte in die Hände und strahlte, rundherum wurde gelacht.

Fünf Tage lang hatten Rios und Perret, die bis 2015 ein Paar waren, auf dem Eis herzhaft miteinander gestritten. Und gewonnen. Am sechsten herrschte unter ihnen Harmonie. Und sie verloren. ­«Jennys Leistung war top, wie immer», sagte Rios sogar. Die seine war es nicht – an diesem Tag, an dem er sich den Traum vom Olympiagold erfüllen wollte.

Rios völlig von der Rolle

Der 36-Jährige reihte einen Fehlstein an den anderen, im dritten End ging ein Raunen durch die Ränge, als sein wuchtig abgegebener Stein ohne den angestrebten Feindeskontakt durchglitt – ein erstaunlicher und kapitaler Patzer. Die Kanadier Morris/Lawes konnten vier Steine schreiben, zogen auf 6:2 davon. Bei 10:3 für die Favoriten nach sechs Ends gaben die Schweizer auf.

Eine gute Stunde dauerte der Spuk. Dann trösteten sich Rios und Perret mit einer Umarmung und überliessen den ersten Olympiasiegern im Mixed-Curling die Bühne. «Ich bin enttäuscht von mir», sagte Rios später. «Es war Jenny gegen alle. Hätten wir gut gespielt und die ­anderen noch besser, wäre es einfacher, die Niederlage zu akzeptieren.» Vielleicht war es die Spannung, die das Duo Rios/Perret eben auch ausmacht, die im Final fehlte. Er habe sich den ganzen Tag gut gefühlt, auch beim Einspielen, sagte der Glarner mit spanischen Wurzeln. «Aber dann kriegte ich es einfach nicht auf die Reihe.»

So solide, wie die Kanadier curlten, hätte es aber auch eine absolute Topleistung gebraucht, um sie zu schlagen. John Morris triumphierte im «normalen» Curling schon in Vancouver 2010, Kaitlyn ­Lawes in Sotschi 2014. Die 29-Jährige, die mit dem Eishockeyprofi Stephan Vigier liiert ist, dem Cousin des früheren SCB-Captains Jean-Pierre, konnte ihren Curlingpartner nicht genug loben. Und Morris nützte die Bühne, um die gemischte Spielart des Eisschachs anzupreisen. «Die beste Strategie ist hier Offensive», sagte er. «Das macht es so aufregend. Im normalen Curling kannst du, wenn du einmal in Führung liegst, diese verwalten. Das geht hier kaum.»

Zusätzlichen Reiz bezieht das Mixed-Curling aus dem Zusammenspiel von Mann und Frau. In die Schweizer Wohnstuben wurde am Fernsehen übertragen, wie sich Rios und Perret munter zankten. Ob sie das weiter tun werden, wissen sie noch nicht. «Unsere Reise in den letzten drei Jahren ist für mich wertvoller als eine Goldmedaille», sagte er. «Aber wir brauchen nun beide etwas Abstand. Wir haben schon so viel erreicht im Mixed-Curling, waren Weltmeister und haben nun Olympiasilber. Das einzige Ziel, das wir noch anpeilen könnten, wäre Olympiagold. Und ich weiss noch nicht, ob ich bereit bin, nochmals vier Jahre die Opfer zu bringen, die es dafür braucht.»

Fürs Erste möchte Rios noch etwas die Olympia-Atmosphäre geniessen. Er besucht ein Spiel der Eishockeyfrauen, an denen er besonderen Gefallen gefunden hat. Für Perret gehen die Wettkämpfe noch weiter, sie ist Ersatzspielerin im Team von Silvana Tirinzoni. Die Medaillen bekommen Rios und ­Perret erst heute, danach werden sie im House of Switzerland gefeiert. Und dann dürfte bei ihnen der Stolz über das Erreichte die Enttäuschung über den verpatzten Final in den Hintergrund drängen.

Noch keine Schweizer Spiele

Schweizer also am vierten Wettkampftag nach der Eröffnungsfeier endlich ihre erste Medaille. Pyeongchang waren noch nicht die Spiele der Schweizer. Die Snowboarder Iouri Podladtchikov und David Hablützel mussten Forfait geben. Auf der Normalschanze ging Simon ­Ammanns Goldserie (alle acht Jahre) zu Ende. Im Skiathlon wurde Favorit Dario Cologna bei garstigen Bedingungen im Finish ­abgehängt. Kombinations-Weltmeister Luca Aerni verpasste in seiner Spezialdisziplin ­Slalom die grosse Chance auf olympische Ehren. Andere wie die Schlittlerin Martina Kocher konnten nicht über sich hinauswachsen.

Doch was nicht ist, kann noch ­werden. Erst 26 von 102 Medaillensätzen ­waren bis Dienstag verteilt. Und vielleicht war die Silbermedaille der Mixed-Curler ja die Schweizer Initialzündung. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.02.2018, 22:08 Uhr

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