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Orange Glückseligkeit

Nach den Zweifeln die Wende: Die Kadetten holen gegen Pfadi den 10. Titel. Besonders glücklich ist ihr Präsident.

Die Kadetten feiern ihren Meistertitel.
Die Kadetten feiern ihren Meistertitel.
Urs Jaudas
Trainer Peter Kukucka lässt sich von den Emotionen treiben.
Trainer Peter Kukucka lässt sich von den Emotionen treiben.
Urs Jaudas
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Die Spieler streifen sich orange T-Shirts über die orangen Trikots, und der Schriftzug darauf ist eine Botschaft voller Selbstvertrauen: «Ich bin zum Schweizer Meister geboren.» Der Speaker verkündet: «Freibier!» Maskottchen Kadscha tanzt. Präsident Giorgio Behr ruft ins Mikrofon: «Die Kadetten haben für Schaffhausen Geschichte geschrieben. Jetzt wird gefeiert!»

Die Kadetten sind eben Handballmeister geworden, zum vierten Mal in Serie, zum zehnten Mal insgesamt, das 30:28 ist der dritte und entscheidende Sieg in der Playoff-Finalserie gegen Pfadi Winterthur. Aber in dieser Partie haben sie gelitten und gezweifelt, geschwitzt und geschimpft. Am Ende sagt Giorgio Behr mit leuchtenden Augen: «Handball ist einfach ein grandioser Sport.»

Vier Stunden vorher. Behr (68) sitzt in einer ruhigen Ecke der BBC-Arena. Seit 2011 ist sie die Heimat der Kadetten, und sie ist auch so etwas wie ein zweites Wohnzimmer von Behr, der den Club seit 1992 führt, ihm ein Gesicht und viel Geld gegeben hat. Leisten kann er sich das, die «Bilanz» schätzt sein Vermögen auf 425 Millionen Franken. Und doch will er nicht jedes finanzielle Loch stopfen, «nein, nein», sagt er, «ganz so einfach geht das nicht». Er wünscht sich grösseres Engagement lokaler Unternehmen, spürt aber auch, wie überschaubar die Bereitschaft ist. Also braucht es neue Ideen, und Behr hat eine: Zehn Leute möchte er überzeugen, über fünf Jahre je 100'000 Franken zu bezahlen. Es wäre ein substanzieller ­Beitrag an das Jahresbudget von zwei Millionen Franken.

Schelte für die Schiedsrichter

Solche Gedanken lässt Behr beiseite, je näher das Spiel rückt. Es geht um den ­Titel gegen Pfadi, es geht um den krönenden Abschluss einer Saison, in der es auch heikle Momente gab. Im Februar wurde Trainer Lars Walther entlassen, «er hat unsere Jungen oft nur aufs Bänkli gesetzt», sagt Behr. Er setzt Peter Ku­kucka ein, den 34-jährigen Slowaken und früheren Kadetten-Spielmacher – und findet wieder Freude an seiner Mannschaft. Sie zieht in den Final gegen Pfadi ein, geht in der Serie 2:0 in Führung, und die überwältigende Mehrheit der 2310 Zuschauer erwartet, dass der letzte Schritt in der eigenen Halle gemacht wird.

Behr verteilt auf der Tribüne eigenhändig Papierratschen, es soll laut ­werden. Als der Gegner vorgestellt wird, gibt es keine Pfiffe, sondern Applaus. Sogar die Schiedsrichter werden so begrüsst. Ein Transparent ist Simon Kindle gewidmet, dem 2,02 m grossen Goalie: «Il muro!» steht darauf, und die Mauer bekommt viel Arbeit. Verhindern kann er nicht, dass es zur Pause 11:14 steht. Es läuft nicht gut für die Kadetten gegen die Winterthurer, die es in Sachen Aggressivität zeitweise klar übertreiben. Behr sagt: «Wir haben kein Glück.» Und meint auch: kein Glück mit Entscheiden der Spielleiter. Für das Duo klatscht in­zwischen kein Schaffhauser mehr, und wenn, dann nur noch hämisch. Nach 40 Minuten sieht Kadetten-Kreisläufer Johan Koch die Rote Karte, 13:19, die Zweifel mehren sich. «Schiri!», schreit einer, «Verstehen die zwei überhaupt ­etwas von Handball?» Kopfschütteln.

Aber das Drehbuch sieht eine Wende vor, Emotionen, Spannung. Die Besucher erheben sich, nach 54 Minuten steht es 21:21. Im Schaffhauser Tor steht inzwischen Nikola Marinovic, der 40-jährige Altmeister aus Österreich. Er pariert Wurf um Wurf, die Kadetten führen 24:22, zwei Minuten noch. Aber Pfadi gleicht noch einmal aus, bevor sich ­Gabor Csaszar die Chance zum Siegtreffer bietet. Der ungarische Topskorer scheitert, darum: Verlängerung. Der Lautsprecher verbreitet gute Laune mit Wencke Myhres «Knallrotem Gummiboot».

Kadscha leidet

Für die Uhr an der Anzeigetafel ist das alles zu viel. Sie gibt den Geist auf. Das gilt allerdings nicht für die Kadetten. Ihre Nerven halten, auf dem zehnminütigen Umweg gelingt es ihnen, die hartnäckigen Pfader 30:28 zu bezwingen, das orange gekleidete Publikum ist glückselig. Giorgio Behr fällt seiner Frau um den Hals, später sagt er: «Wir sind eindeutig die Nummer 1 der Sportclubs in der Stadt.»

Als der Pokal überreicht wird, braucht es keine breitschultrigen Aufpasser, die für Ordnung sorgen, ein Absperrband reicht. Papierschnitzel wirbeln durch die Luft, und jetzt atmet auch Maskottchen Kadscha durch. Die Frau, die sich unter dem Kostüm verbirgt und ihre Identität nicht preisgeben will, hat mitgelitten. Sie sagt, Handball sei quasi ihr Leben, «und solange die Kadetten mich brauchen, werde ich da sein». Dann geht Kadscha. Feierabend. Freinacht. In Zivil. Und Behr strahlt weiter.

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