Piaf statt Pep

Es gibt Tage wie diese, die müsste man gleich streichen können, im Kalender und in der Erinnerung sowieso.

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Es gibt Tage wie diese, die müsste man gleich streichen können, im Kalender und in der Erinnerung sowieso. Nur zehn Minuten lang hat man den Wagen falsch geparkt, gut: sehr, sehr falsch, und unter dem Scheibenwischer klemmt schon ein Papier, und liest man es, dann fühlt man sich mit einem Bein schon im Gefängnis, wenn man solches überhaupt fühlen kann. In der Apotheke holt man ein Medikament, man bringt die leere Packung als Beispiel mit, die freundliche Verkäuferin bietet an, diese gleich zu entsorgen, und zu Hause merkt man, in der Hand ist immer noch die gleiche leere Packung und in der Apotheke wird vermutlich die neue entsorgt. Und später dann, aus Erfahrung klug, stellt man den Wagen in einem Parkhaus ab und eine Stunde später fest, dass man den Parkschein verloren hat, irgendwo, irgendwie, einfach nicht mehr da, es wird kompliziert.

Es war so ein Tag, so erzählt es Bruno seinem Freund Luca im Bistro, und er ist jetzt gut gelaunt und lacht, denn der Tag, der, so schien es, so ein Tag war, der eigentlich kein Tag sein dürfte, lag einige Tage zurück. Bruno beschloss damals, den Abend in einem kleinen Theater hoch oben über Zürich zu verbringen, und jeder, der Bruno kennt, würde sogleich sagen, er musste krank sein oder sehr verliebt oder sonst auf irgendeinem besonderen Trip. Nichts von allem.

Bruno glaubte damals, dieser Tag, an dem abends seine Bayern gegen Juventus spielten, würde so himmeltraurig enden, wie er in der Früh begonnen hatte, anders wäre es gar nicht denkbar. Deshalb: Piaf statt Pep. Eine Hommage an die wunderbare und eigenwillige französische ­Chanteuse mit ihrem bewegten Leben anstatt dieser oft rätselhafte, ­eigenwillige katalanische Trainer. Zürcher Theater statt Münchner Allianz-Arena.

Es war so gegen 22 Uhr, eine grossartige Interpretin, die nicht nur eine wunderbare Stimme hatte, sang Edith Piafs «Non, je ne regrette rien», und als das Lied, in dem die schon todkranke Piaf ihr Leben beschreibt, zu Ende war und es in einer letzten Zeile «je repars à zéro» hiess, ich fange von vorne an, eine gute Idee an diesem Tag, griff Bruno erstmals zum Handy, Teletext Seite 261, und, oh Schreck, Bayern - Juventus 0:2. Ein SMS ­leuchtete auch auf, «Pep go home», die Häme eines Freundes, der kein Freund von Pep ist. Um weite-ren ­zynischen Bemerkungen vor­zubeugen, schaltete er das Handy aus, im Kopf schon all die bösen Abrechnungen mit Guardiola, dem vom Himmel Gefallenen, die anderntags in den Zeitungen zu lesen sein würden.

Zum Glück waren die Augenblicke im kleinen Theater hoch oben über Zürich bezaubernd, es gab mehrere Zugaben, und erst viel, viel später, schon gegen Mitternacht, wagte es Bruno, das Handy wieder einzu­stellen – und, Teletext, Seite 261, und, oh Wunder, Bayern - Juventus 4:2, diesmal kein SMS des Freundes. Pep muss ein Magier sein.

Luca hat sich im Bistro alles mit­angehört, diesen Tag von Bruno, der eigentlich hätte gestrichen werden müssen, er bestellt, weil die schönen und unerwarteten Augenblicke des Lebens gefeiert sein sollen, zwei Grappa zum dritten Espresso. Bruno sucht in der Vestontasche das Programm des Theaters, von dem man bei gutem Wetter bis zur Rigi blicken kann. Am 13. April, wenn die Bayern ihr Viertel­final-Rückspiel gegen Benfica spielen, gehe ich wieder hin, sagt er. Eine Hommage an Loriot wird dann aufgeführt. Humor statt Pep. Bruno sagt, es werde ein guter Tag.

Erstellt: 21.03.2016, 18:20 Uhr

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