Backen rot, Trikot gelb

Stefan Küng verteidigt beim Heimspiel sein Leadertrikot an der Tour de Suisse, muss dafür aber investieren.

Mit Spezialschuhen ganz an der Spitze: Stefan Küng. Fotos: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Mit Spezialschuhen ganz an der Spitze: Stefan Küng. Fotos: Gian Ehrenzeller (Keystone)

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24 Jahre alt ist Stefan Küng mittlerweile. Aus dem Jüngling, der mit 21 zum Bahn-WM-Titel fuhr, ist ein Mann ­geworden, dazu haben die dreieinhalb Profijahre einiges beigetragen. Und doch gibt es immer noch diese Momente, in denen seine Jugendlichkeit durchschimmert. Es ist passend, dass dies stets dann ­passiert, wenn er ganz bei sich ist, wenn er einfach Rad fährt – so, wie er das wohl schon als kleiner Junge tat. Die Leidenschaft, durchaus mit Betonung auf dem ersten Teil des Wortes, ist ihm dann ins Gesicht geschrieben. Und wenn die ­Anstrengung vorüber ist, sind seine ­Backen so rot, wie man das sonst vor ­allem von Kindern kennt.

Am späten Samstagnachmittag könnten sie kaum röter sein. Dazu strahlt er einen Moment lang übers ganze Gesicht. Es ist ein kurzer Augenblick; er lächelt, als er zur Ziellinie zurückkehrt, dort viele ihm bekannte Gesichter sieht. Dann schaltet er wieder um in den ­Profimodus. Feiern ohne Ende ist nicht drin. Auftritt Podium, Lächeln, Winken, Ehrendamenküsse, Abgang. Das Prozedere wiederholt sich mehrfach, weil er in den verschiedenen Wertungen der erste Leader ist.

Dass er an diesem Tag wiederholt ­beklatscht wird, hat durchaus seine Richtigkeit: Küng ist der Motor von BMC, er ist der Hauptverantwortliche, dass seine Equipe das Teamzeitfahren überdeutlich ­gewinnt. Küng sei gefahren für zehn, lobte Teamkollege Greg Van Avermaet.

Das gelbe Unikat in Grösse 47

Auf das nach einem Sieg obligate Glas Champagner verzichtete Küng dann am Abend: «Ich trinke Alkohol nur, wenn ich ihn auch geniessen kann.» Er tat das mit Blick auf die folgenden Tage, die ihm weitere Herausforderungen bringen.

Die erste kommt dann sehr bald, nämlich am Sonntag. Auf dem Rundkurs um Frauenfeld hat er eine Runde lang Zeit, das Volk zu begrüssen, das Peloton lässt es gemächlich angehen, fällt hinter die langsamste Zeitkalkulation zurück. Nur um dann im Finale umso heftiger aufs Tempo zu drücken.

Das gilt auch für Küng. Der trägt passend zu seinem Leadertrikot vom persönlichen Schuhsponsor eigens angefertigte gelbe Schuhe. Diese sind eine verspätete Überraschung für ihn: Man hatte das gelbe Unikat, Grösse 47, schon vor einem Jahr produziert, auf dass er im Falle eines Prolog-Sieges an der Tour de France das passende Schuhwerk gehabt hätte. Nun kriegt er das Geschenk halt mit einem Jahr Verspätung beim Thurgauer Heimspiel.

«Ich werde wieder mein Bestes geben.»Peter Sagan, dreifacher Strassenweltmeister

Bei diesem tritt er als perfekter Werbeträger auf; es wäre kein Wunder, wenn er bald zum Botschafter des Kantons erkoren würde – auch wenn er mittlerweile etwas zentraler in Winterthur wohnt. Vor der Presse schwärmt er wie ein PR-Verantwortlicher über seine ­Heimat – und die Tour de Suisse («die schönste Rundfahrt der Welt»). Auf den Einwand, das sei nun etwas gar dick aufgetragen, setzt er noch einen drauf: «Schauen Sie sich einmal um! Und da soll noch einer sagen, der Thurgau habe nichts zu bieten!»

Heute bietet sich dem Apfelkanton beim Start in Oberstammheim die letzte Gelegenheit zu glänzen – aber nur für 2018. Frauenfeld wird 2020 und 2022 ­erneut die Tour de Suisse empfangen.

Danach geht die Fahrt Richtung ­Westen, wo mit Silvan Dillier der nächste Schweizer Fahrer Heimvorteil hat. Die dritte Etappe kommt in seinem Aargauer Heimatort Gansingen an. Natürlich würde Dillier dort gerne brillieren. Dass seine Form gut ist, zeigte er schon bei einem späten Vorstoss gestern.

Doch er hat ein Problem: Die Charakteristik des Finales entspricht auch einem ­anderen Fahrer: Weltmeister Peter Sagan. Die beiden duellierten sich im Frühjahr bei Paris–Roubaix, auf Rücksicht sollte Dillier nicht hoffen – auch wenn Sagan seine Rekordetappensiegzahl gestern auf 16 erhöhte. «Ich werde wieder mein Bestes geben», sagte der Slowake an der Pressekonferenz – und lächelte.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.06.2018, 08:49 Uhr

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