Cancellara und die Inspiration der schönen Vergangenheit

Für Fabian Cancellara ist der Tour-de-France-Prolog von morgen Samstag in Lüttich der wichtigste Test auf dem Weg nach London.

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Die grossen Siege sind in Fabian Cancellaras Kopf eingebrannt. Und mit ihnen die Städte, an denen er sie sich erkämpfte. Der Berner kehrt gerne an die Tatorte zurück. Denn da tauchen Erinnerungen auf, die ihn motivieren und die ein wichtiger Stein sein können im Puzzle, das er zusammensetzt, um für ein grosses Ereignis bereit zu sein. In seiner langen Karriere hat Cancellara gelernt: Die Beine sind wichtig, doch die Entscheidung fällt im Kopf. Dort braucht er diese Mischung aus absoluter Gelassenheit und totaler Bereitschaft.

Lüttich und London sind Städte, die ihn besonders inspirieren müssten. In Lüttich gewann er 2004 erstmals einen Prolog der Tour de France. Er liess Lance Armstrong um zwei Sekunden hinter sich und wurde danach ins Maillot jaune eingekleidet. Cancellara sprach vom «schönsten Tag in meinem Leben». Am 7. 7. 2007, an diesem «Schnapstag», gelang ihm im Tour-Prolog von London das perfekte Rennen. Da fühlte er sich als «Einheit mit der Maschine», spürte den Flow, machte alles richtig, und nach 7,9 km lag Andreas Klöden als Zweiter 13 Sekunden zurück. Eine Weltreise.

Die beiden Olympiarennen, vor allem das Zeitfahren am 1. August, sind die Saisonziele, die bei Cancellara über allem stehen – oder wenigstens fast allem, weil die Geburt des zweiten Kindes noch viel wichtiger ist, wie er betont. In der zweiten Julihälfte wird es so weit sein, wann genau, sagt er nicht, doch immerhin das: Er würde die Tour verlassen, «sicher nicht in irgendeinem Hotel warten».

«Habe alles richtig gemacht»

Lüttich ist die wohl wichtigste Station auf dem Weg nach London. Der Tour-deFrance-Prolog morgen ist der erste wahre Test nach seinem Schlüsselbeinbruch bei der Flandern-Rundfahrt, nach der Zwangspause, den Komplikationen in der Schulter, dem schwierigen Wiederbeginn, dem intensiven (Töff-) Training mit National- und RadioShackTrainer Luca Guercilena, den Belastungen der Tour de Suisse, den erfreulichen Trainingswerten, der endlich gefundenen inneren Ruhe. Er fühlt sich wieder dort, wo er sein will, «weil ich weiss, dass ich alles richtig gemacht habe. Jetzt muss ich nur noch fahren. Ich gehe an den Start, um zu gewinnen, ich will meine beste Leitung zeigen, und wenn mir das gelingt, bin ich auch dann zufrieden, wenn ich geschlagen werde.» Es gibt drei Fahrer, denen dies gelingen könnte: Tony Martin, der Nachfolger Cancellaras als Weltmeister im Zeitfahren, Bradley Wiggins, der Tour-Favorit und Peter Sagan, der ihn beim Tourde-Suisse-Prolog in Lugano schlug.

Ein Sieg auf der praktisch gleichen Prologstrecke wie vor acht Jahren hätte Folgen. Cancellara würde zum 22. Mal in seiner Karriere in Gelb vom Siegerpodest winken (fast ein Rekord für einen Fahrer, der die Tour nie gewonnen hat – nur René Vietto schaffte mehr). Und weil es erneut keine Bonifikationen gibt, könnte er die Führung fast eine Woche verteidigen, bis zur Bergankunft im Ort mit dem schönen Namen La Planche des Belles Filles, am Samstag, wieder einem 7. 7., wie damals in London.

Wäre das nicht zu viel Stress? Würde er es vielleicht sogar freiwillig abgeben? Cancellara lacht. Er will nicht vorausdenken, die Tage nehmen, wie sie kommen. «Das Richtige tun», wie er sagt, was vor allem auch heisst: keine grossen Risiken eingehen, versuchen, Stürze zu vermeiden, gesund bleiben. Spricht man ihn auf das 41,5 km lange Zeitfahren von Besançon an, das zu einer Olympia-Hauptprobe werden könnte, schüttelt er den Kopf. «Das findet am übernächsten Montag statt und ist noch viel zu weit weg.»

Aufgabe nicht ausgeschlossen

So viel macht Cancellara klar: Es ist keine Tour de France wie jede andere. Er will nicht nur Teil der Mannschaft sein, sondern auch an sich denken, auf seinen Körper hören und, warum nicht, ein paar Tage früher nach Hause kehren (nicht nur, um Vater zu werden). Möglich, dass er 2004 auch so dachte. Doch da kam alles anders: Er musste bis zuletzt alles geben, um Carlos Sastre zum Tour-Sieg zu verhelfen. Schlecht kam es nicht heraus. In Peking gewann Cancellara Gold und Silber. Mit RadioShack wird er nun kaum um den Sieg kämpfen. Andy Schleck, der Sieger von 2010 und Vorjahreszweite, fällt mit gebrochenem Kreuzbein, aus und dessen Bruder Fränk befürchtet, dass er nach Giro und Tour de Suisse zu viele harte Rennen in den Beinen hat, um in der dritten Woche noch frisch genug zu sein.

Erstellt: 29.06.2012, 15:39 Uhr

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