Cancellara vor grossen Entscheidungen

Heute will der Berner Radprofi Fabian Cancellara den Klassiker Paris–Roubaix gewinnen, bald danach seine Zukunft richten.

Auch heute wieder der Favorit: Fabian Cancellara.

Auch heute wieder der Favorit: Fabian Cancellara. Bild: Keystone

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Wo wird er angreifen und allen davonfahren? 50 Kilometer vor dem Ziel, wie bei seinem letzten Sieg 2010? Oder gar noch früher, um so rasch als möglich sicherzustellen, dass kein Gegner von seinem Effort profitieren kann?

Fabian Cancellara ist der überdeutliche Favorit, im Starterfeld von Paris–Roubaix gibt es keinen Fahrer, der ihm unter normalen Umständen Paroli bieten kann. Doch normal sind die Umstände heute nicht, beim archaischsten Rennen des ganzen Jahres. Wo mit einem Defekt zur falschen Zeit das Rennen von einem auf den anderen Moment vorüber sein kann.

Das wurde Cancellara diese Woche zweimal bewusst. Am Mittwoch und Donnerstag stürzte er, fasste sich jeweils ans Schlüsselbein, um sich zu vergewissern, dass alles noch ganz ist. Schmerzen? Tut nur die linke Hüfte. Auch darum gab sich Cancellara am Freitag zurückhaltend, als er zum letzten Mal vor die Medien trat; wurde nicht müde, die anderen grossen Teams zu erwähnen, die bei den Frühjahrsklassikern noch nichts gewonnen haben: BMC, Sky, Lotto Belisol, Omega-Pharma-Quick-Step.

Cancellara kämpft heute weniger gegen einzelne Konkurrenten als gegen ganze Equipen, die bereit sind, sich gegen ihn zu verbünden. Trotzdem gibt er sich gelassen, weil er weiss, dass er eine Equipe an seiner Seite hat, die dagegenhalten kann.

Anders als 2011. Nach seinem Abgang bei Saxo Bank und Bjarne Riis lief beim neugegründeten Team Leopard wenig bis gar nichts rund. Es fehlten die starken Teamkollegen, es fehlte das Wissen, die Akribie, wie eine Frühjahrskampagne erfolgreich gestaltet wird - für Cancellara war es ein verlorenes Jahr. Dasselbe 2012, wenn auch aus anderen Gründen: seinen Stürzen in Flandern und bei Olympia. Das lässt seinen Manager Armin Meier sagen: «Nach dem Teamwechsel folgten zwei verlorene Jahre. Auch wenn er in der Zeit viel Geld verdient hat.»

Nun steht er im letzten Vertragsjahr mit dem luxemburgischen Team Radioshack-Trek und hat mit seinen Siegen und Spitzenklassierungen in den vergangenen Wochen beste Verhandlungsargumente gesammelt. Es dürften für ihn spezielle werden, geht es doch um den letzten Vertrag seiner Profikarriere.

Er und sein Umfeld glauben gerade wegen der Turbulenzen in den vergangenen zwei Jahren herausgefunden zu haben, was der 32-Jährige braucht, um erfolgreich zu sein: Geborgenheit und Akribie. Die Lösung für seinen Karriereherbst scheint darum auf der Hand zu liegen: den Vertrag mit den Luxemburgern um drei Jahre verlängern und dann nach der dritten Olympiateilnahme in Rio de Janeiro zurücktreten.

Entscheid über den Fortbestand von Leopard erst Ende Juni

In der Praxis gestaltet sich das komplizierter. Die Zukunft des Teams Radioshack-Leopard ist ungewiss. Niemand weiss, wie viel Spass Financier Flavio Becca noch an seiner Equipe hat, zumal ihm seine zwei Lieblinge wenig Freude bereiten: Andy Schleck schaut bereits Richtung 2014, so weit ist er nach Verletzungen und Krankheit von einer anständigen Form entfernt. Bruder Fränk ist bis Mitte Juli gesperrt, ob er ins Team zurückkehrt, offen.

Zudem meldete vor einigen Wochen «L'Equipe», Radioshack steige als Sponsor aus, was die Equipe sogleich dementierte. Teamchef Luca Guercilena mag die Situation nicht im Detail kommentieren, sagt einzig: «Wir werden Ende Juni schauen, wo wir stehen.» Natürlich ist das Team Cancellaras erster Ansprechpartner. Hier hat er sich in drei Jahren gut eingerichtet, Vertrauenspersonen um sich geschart: Das geht von Teamchef Guercilena über den Mechaniker und den Masseur bis zu ausgewählten Teamkollegen, etwa den Zuger Gregory Rast.

Bis Mitte Sommer nur zuwarten, ist für Cancellara jedoch keine Option. Der Fahrer wird in den nächsten zwei Wochen mit Manager Meier zusammenkommen und im Rahmen von ein, zwei Workshops gemeinsam mit seiner Frau Stefanie definieren, welche Punkte für seine letzten Profijahre erfüllt sein müssen. Da wird über Teams diskutiert werden, aber auch über ganz grundsätzliche Rahmenbedingungen - es sind die grossen Entscheidungen, die nun anstehen. Ob dieser Aussichten erscheint eine Aussage Cancellaras («Wir denken jetzt nur an Sonntag, und nicht daran, was am Montag sein wird.») in ganz anderem Licht.

Drei Teams kämen wohl für einen Wechsel infrage

Bei einem Wechsel wäre das Ziel, die Personen seines Vertrauens zusammenzuhalten. «Diese acht bis zehn Leute, das sind die Puzzleteile, die passen müssen», sagt Meier, der auch daran arbeitet, durch einen Sponsor die Finanzierung eines solchen Gruppentransfers zu unterstützen.

Entsprechend klein ist die Zahl von Teams, zu denen ein solcher Wechsel überhaupt möglich erschiene. Am ehesten würde das bei einem noch jungen Team funktionieren, wo die Strukturen, die durch so einen Transfer zweifellos verändert würden, noch nicht so starr sind.

An erster Stelle steht das neue Schweizer Team IAM Cycling, mit dem man bereits im Herbst sprach, ehe man realisierte, dass der gültige Vertrag nicht aufgelöst werden konnte. IAM-Chef Michel Thétaz macht kein Geheimnis aus seiner Bewunderung für Cancellara. Daneben wären die Australier von Green Edge eine Option, auch sie bestreiten erst ihre zweite Saison - sollen sich aber in der Zwischensaison mit finanziellen Problemen herumgeschlagen haben. Sowie Saxo Bank, weil man sich bereits kennt - und seit der Trennung mit Nebengeräuschen wieder versöhnt hat.

Priorität behält aber das Team Radioshack-Leopard. «Sagen wir so: Der Wunsch ist es, eine gemeinsame Zukunft zu haben in diesem Team. Aber wie immer entscheidet das nicht er allein», sagt Radioshack-Teamchef Guercilena.

Was auch dafür spricht: die Verbindung zu Radsponsor Trek, der auf Cancellara als Aushängeschild setzt. Denn es gilt, auch sein Leben nach der Profikarriere zu skizzieren. Manager Meier sieht ihn als «Markenbotschafter, in einem Teamauto wird man ihn nie sehen». Der Familienmensch will nach dem Rücktritt nicht mehr so viel weg sein. Und Meier hat mit ihm Pläne: Ab 2015 organisiert er mit Infront-Ringier die Tour de Suisse, vermarktet Swiss Cycling. Darin ist Cancellara als zentraler Pfeiler vorgesehen, ob als Tourdirektor oder in repräsentativer Rolle. Klar ist aber laut Meier: «Er wird eine ganz wichtige Person sein, auch in der Förderung des Nachwuchses.»

Was er diesem einst erzählen wird? Vielleicht auch von einem Sieg an jenem Sonntag im April 2013 auf den Feldwegen im Norden Frankreichs.

Erstellt: 07.04.2013, 01:24 Uhr

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