Interview

«Contador wurde als mutmasslicher Fuentes-Kunde aufgeführt»

Der spanische Radprofi muss vor dem Internationalen Sportgerichtshof (CAS) auf ungewöhnliche Umstände hoffen, sagt Sportjurist Martin Kaiser gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

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Am Donnerstag endete die Anhörung von Alberto Contador vor dem CAS, ein Urteil ist Anfang 2012 zu erwarten. Der spanische Radsport-Profi kämpfte mit allen Mitteln gegen die Dopingvorwürfe. Zuletzt hat er sich einem Lügendetektortest unterzogen, um zu beweisen, dass der erhöhte Clenbuterol-Wert aufgrund von kontaminiertem Fleisch zustande gekommen war. Hierzu sagte auch der spanische Metzger aus, welcher dem Radprofi das angebliche kontaminierte Stück Fleisch, welches für die positive Dopingprobe verantwortlich sei, verkauft haben soll.

Daneben soll laut «Sportinformation» auch ein unabhängiges Gutachten beweisen, dass Contador keine verbotenen Bluttransfusionen vorgenommen hatte. Die Richter am Internationalen Sportgerichtshof müssen über diese Grauzone des Dopings entscheiden. Tagesanzeiger.ch/Newsnet sprach deshalb mit Sportjurist Martin Kaiser.

Herr Kaiser, wie kann zwischen Doping und unwissentlicher Einnahme von Clenbuterol unterschieden werden?
In potenziellen Dopingfällen ist die Beweislage besonders schwierig. Die Dopingbekämpfung ist reglementarisch dadurch gekennzeichnet, dass bereits der Nachweis einer verbotenen Substanz zu einem Dopingverstoss führt. Jeder Athlet ist letztlich dafür verantwortlich, dass keine verbotenen Substanzen in seinen Körper gelangen. Es kann aber von einer Sanktion abgesehen werden, wenn der Athlet darlegen kann – wie von Contador behauptet –, dass er trotz gebührender Sorgfalt ein Opfer eines kontaminierten Nahrungsmittels wurde, das ebenfalls aus einer Quelle stammt, die keinerlei Verbindung zu verbotenen Wirkstoffen aufweist, und insofern «ungewöhnliche Umstände» vorliegen, die er nicht zu verantworten hat. In der Folge läge eine unwissentliche Einnahme vor, was zu einem Freispruch führen würde.

Dem als Doping-Arzt bekannten Eufemiano Fuentes wird in Spanien nun auch der Prozess gemacht. Welche Bedeutung hat dieser Prozess und welchen Einfluss hat er auf den Fall Contador?
Bei Contador wurden neben Spuren von Clenbuterol auch Spuren von sogenannten Plasticizern gefunden. Diese Rückstände aus Kunststoff können auf eine unerlaubte Bluttransfusion hinweisen, da das Blut dafür in speziellen Plastikbehältern gelagert werden muss. Contador wurde in Akten der spanischen Guardia Civil und des UCI in Verbindung mit Blutdoping als mutmasslicher Fuentes-Kunde aufgeführt. Die Vermutung liegt somit nahe, dass ein Zusammenhang besteht. Fuentes wird unter anderem beschuldigt, Bluttransfusionen in Hotelzimmern unter unhygienischen Bedingungen durchgeführt zu haben, Blutbeutel ohne die erforderliche Kühlung transportiert zu haben und die Bluttransfusion in ihrer Ausführung fahrlässig vollzogen zu haben. Da dies eine ständige Gefahr für die Gesundheit der Sportler bedeutet habe, stelle dies in Spanien ein Verbrechen gegen die öffentliche Gesundheit dar. Inwiefern aber eine direkte Verbindung zum Fall Contador vorliegt, ist fraglich.

Contador wurde von seinem Landesverband freigesprochen. UCI und Wada rekurrierten vor dem CAS. Wieso gibt es das Spannungsfeld zwischen Landes- und Internationalem Verband?
Seit 2006 der Dopingskandal um den spanischen Arzt Fuentes (Operación Puerto) öffentlich wurde, steht die zuletzt so gross – und in der Wahrnehmung vieler aber auch in gewissem Sinn verdächtig – gewordene Sportnation Spanien unter einem Generalverdacht. Neben Radfahrern sollen insbesondere auch Leichtathleten und Fussballspieler gedopt worden sein. Einen weiteren Höhepunkt erreichte dies im Dezember 2010, als die spanische 3000-Meter-Hindernis-Weltmeisterin Marta Dominguez mit 13 weiteren Personen, darunter auch die Vizepräsidentin des spanischen Leichtathletikverbandes, verhaftet wurde. Beobachter bezeichnen den Fall Dominguez in vielfacher Hinsicht als exemplarisch für die Versäumnisse Spaniens in der Dopingbekämpfung. Spanischen Medienberichten zufolge soll diese Affäre offenbar auch ein offenes Geheimnis für den spanischen Leichtathletikverband RFEA gewesen sein. Es würde also nicht erstaunen, wenn der Freispruch von Contador durch den Landesverband ein politischer Entscheid war, da sich ebenfalls der ehemalige Regierungschef Spaniens, José Luis Zapatero, auf die Seite seines Landsmanns gestellt hatte und argumentierte, dass es keine rechtliche Legitimation für eine Bestrafung von Contador gebe. Der Verband könnte sich daher durchaus überlegt haben, sich nicht mit der spanischen Regierung anzulegen und das Urteil letztendlich dem CAS zu überlassen.

Wie sieht es mit den Vergleichsfällen aus? Welcher Handlungsbedarf könnte bestehen?
Bei der U-17-Fussball-WM in Mexiko diesen Sommer hat es 109 positive Proben auf Clenbuterol gegeben. Die Befunde waren auf verunreinigtes Fleisch in Mexiko zurückzuführen. Die Wada hatte aus diesem Grund auch ihren Rekurs beim CAS gegen den Freispruch dieser Spieler zurückgezogen. Die Fifa hat auf das Problem reagiert: Mitte November gab die Fifa den Abschluss der ersten Phase einer wissenschaftlichen Studie zur Verunreinigung von Nahrung mit Clenbuterol bekannt. Wie festgestellt wurde, sind mehrere Länder von einer solchen Verunreinigung betroffen, was zahlreiche praktische, verfahrenstechnische und rechtliche Probleme mit sich bringt. Die Wada wurde vorab über die Studie informiert und hat auch das verabschiedete Forschungsprotokoll erhalten.

Was war das Ergebnis dieser Studie?
Nun wird besser beurteilt werden können, ob die Behauptung eines Athleten, Opfer unbeabsichtigten Dopings nach der Einnahme von mit Clenbuterol verunreinigter Nahrung zu sein, stichhaltig ist. Die erste Phase der Studie konzentrierte sich auf die Pharmakokinetik von drei verschiedenen Dosen von Clenbuterol, wie sie bei der gelegentlichen Einnahme von mit unterschiedlichen Mengen von Clenbuterol verunreinigtem Fleisch vorkommen. In der zweiten Phase wird der mögliche kumulative Effekt der wiederholten Einnahme kleiner Dosen von Clenbuterol untersucht. Dies entspricht dem Fall eines Athleten, der über eine längere Zeit wiederholt mit Clenbuterol verunreinigte Nahrung isst. Die Resultate werden für Anfang 2012 erwartet. Auch andere Sportler wurden wegen Clenbuterol nicht bestraft, wie etwa der Tischtennis-Olympiazweite Dimitri Owtscharow, der in China mit Clenbuterol verseuchtes Fleisch gegessen hatte. Anders scheint aber der Fall von Contador zu liegen. In Europa ist kontaminiertes Fleisch gerade nicht bekannt.

Welche Rolle spielt der CAS?
In der Dopingbekämpfung sind weltweite Harmonisierungsbestrebungen vorherrschend. Einerseits ist die einheitliche Geltung einer Dopingliste für die Chancengleichheit existenziell. Zum anderen lässt sich im globalisierten Sport das Ziel einer effizienten Dopingbekämpfung nur mit international vereinten Kräften erreichen und durchsetzen. Der Wada-Code bezweckt, den Dopingmissbrauch weltweit und verbandsübergreifend mit den gleichen Verfahren und gleichen Regeln zu bekämpfen. Die Internationalität des Sports führt in der Folge ebenso zu einem Harmonisierungsbedürfnis im Bereich der allgemeinen Behandlung und Beilegung von Streitigkeiten im Sport, denn nicht nur die einheitliche Geltung der Sportregeln, sondern ebenso die einheitliche Sanktionierung von Regelverstössen sind notwendig, weshalb eine einheitliche Sportgerichtsbarkeit garantiert sein muss.

Durch den CAS lassen sich Sportregelstreitigkeiten ebenfalls auf internationaler Ebene harmonisieren. Der Sport als globales System ist zwingend an einem weltweit einheitlichen Regelungsmassstab zu messen. Folglich muss eine einheitliche Rechtsprechung gebildet werden, um Rechtsstreitigkeiten aus dem Bereich des Sports international einheitlich beilegen zu können und zu harmonisieren. Unlängst haben alle olympischen Verbände und die meisten internationalen Sportorganisationen den CAS als die (exklusive) Instanz für Streiterledigungen im Sport anerkannt, weshalb die Sportwelt mit dem CAS über eine einzigartige Institution zur Schlichtung sportbezogener Streitigkeiten verfügt.

…der unangreifbar ist?
Der Entscheid des CAS kann zwar an das Schweizerische Bundesgericht weitergezogen werden, aber von diesem nur noch in eng begrenztem Umfang überprüft werden, insbesondere ob der Grundsatz der Gleichbehandlung der Parteien oder ob der Grundsatz des rechtlichen Gehörs verletzt wurde. Aus diesem Grund hat sich auch das Contador-Verfahren vor dem CAS so in die Länge gezogen, da von beiden Seiten umfangreiches Beweismaterial vorgebracht wurde. Den involvierten Parteien wurde letztlich mehr Zeit eingeräumt, um ihre Beweise zu vervollständigen, speziell, was die wichtigen wissenschaftlichen Aspekte des Falles betreffen, die ausschlaggebend sein werden.

Welches Urteil ist im Fall von Contador wahrscheinlich?
Das Richtergremium besteht aus erstklassigen Sportrechtlern. Es ist davon auszugehen, dass es diesen Fall – auch aufgrund des grossen medialen Echos – äusserst sorgfältig behandeln und erledigen wird. Eine Prognose von aussen ist schwierig. Auf jeden Fall ist an den Nachweis eines Dopingvergehens ein strenger Massstab gesetzt. Der CAS muss also zur festen Überzeugung kommen, dass Contador gedopt hat. Problematisch könnte allenfalls sein, dass bei Clenbuterol aussagekräftige wissenschaftliche Studien – so wie sie die Fifa nun durchführt – zurzeit fehlen, namentlich was einen möglichen Grenzwert anbelangt, wie dies teilweise bei anderen Substanzen der Fall ist. Da bei Contador gerade eine geringe Menge der verbotenen Substanz gefunden wurde, ist es durchaus möglich, dass die Resultate der Fifa-Studie abgewartet werden.

Erstellt: 25.11.2011, 07:54 Uhr

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Dr. Martin Kaiser ist Sportjurist an der Universität Basel und promovierte zum Thema «Sportrecht – Berücksichtigung der Interessen des Sports in der Rechtsordnung».

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