«Da bist du nur sprachlos, das ist nur bitter»

Im Tagebuch schildert Stefan Küng (25) seine Eindrücke von der Tour de France. Der Thurgauer bestreitet die Rundfahrt zum dritten Mal.

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26. Juli 2019, 19. Etappe

Wie war Ihr Tag?
Sehr frustrierend, sehr enttäuschend. Als ich heute Morgen Thibaut traf, sah er gar nicht gut aus. Ich dachte, das würde dann schon wieder gehen im Rennen. Er ist ein Kämpfer. Doch dann hörten wir, dass er aufgegeben hatte. Da bist du sprachlos, das ist nur bitter. Zweieinhalb Wochen bringst du ihn durch die Tour, ohne Sturz, ohne Defekt. Er wäre wirklich in der Lage gewesen, ganz grosse Dinge zu erreichen. Wenn man so ausscheidet: Wie gross ist die Chance auf so eine Verletzung, als Velofahrer?

Noch zwei Etappen: Wie müde sind Sie, von 1 bis 10?
Heute Morgen spürte jeder die müden Beine. Am Anfang ist der Körper jeweils wie blockiert, die Turbine muss erst wieder starten. Du fährst auch immer einen Gang dicker als sonst.

Wie motiviert – auch 1 bis 10?
Vielleicht eine 3. Ich fahre so, dass ich gut durchkomme. Es gibt für mich nichts mehr zu gewinnen. Aber eben: Vive le tour!

25. Juli 2019, 18. Etappe

Wie war Ihr Tag?
Stefan Küng: Ein hartes Stück Arbeit. Ich musste schmunzeln über die gestrige Frage nach dem Lieblingspass. An der Tour sind sie nicht deine Freunde. Vor allem der Izoard war ein Sauhund.

Welche französische Formulierung mögen Sie besonders?
Wenn es einem nicht läuft, sagt man: «Je suis collé» – Ich klebe an der Strasse. Zum Teil wird hier der Asphalt bei der Hitze weich. Dann fühlt es sich tatsächlich so an.

Was mögen Sie an der Sprache?
Es öffnet einem – wie jede neue Sprache – die Tür zu einer neuen Kultur. Ich mag, dass es für alles ein Wort oder eine Formulierung gibt. Wenn ich jeweils auf Deutsch übersetze, merke ich, dass ein Wort für bis zu drei Sachen stehen kann.

Französisch oder Englisch?
Das spielt mir keine Rolle, auch das Hin-und-her-Wechseln. Kürzlich passierte mir aber ein Fauxpas, als ich mit jemandem im Feld Englisch sprach und dann an den Teamfunk ging und dort gleich weiterfuhr. Ups! (ebi.)

24. Juli 2019, 17. Etappe

Wie war Ihr Tag?
Am Anfang heiss, dann gab es eine Abkühlung von oben, kurz nachdem die Fluchtgruppe davongefahren war. Es ist oft so: Wenn du nicht in diese mitgehen darfst, wärst du genau an der richtigen Position. Aber wir haben noch grössere Ziele in dieser Tour und blieben alle bei Thibaut. Es war dann ein relativ entspannter Tag, abgesehen von der Hitze. Man merkt, dass diese dem Körper einiges abverlangt.

Welches ist Ihr Lieblingspass in den französischen Alpen?
Alpe d’Huez ist zwar kein Pass, aber der schönste Anstieg der Alpen. Von denen, die wir nun fahren … Den Galibier kenne ich von der Pässe-Tour, die ich vor zehn Jahren machte. Aber ehrlich gesagt bin ich kein Riesenfan von den französischen Alpen. Meine Erinnerung ist geprägt von der Hitze, vor allem in den Tälern. Es hat so wenig Grün, ist sehr trocken.

Nach sieben Monaten unter den Franzosen: Welches französische Stereotyp ist wahr?
Abgesehen davon, dass sie immer ein Croissant essen zum Frühstück und der Kaffee schlecht ist? Hm. Sie sind schon sehr stolz auf ihr Land. Und sie können keine Fremdsprachen, das kann ich definitiv bestätigen.

23. Juli 2019, 16. Etappe

Wie war Ihr Tag?
Gut. Wir brachten Thibaut ohne Probleme ins Ziel. Eine sehr schöne Region. Wir fuhren über die Pont du Gard. Im Mai waren wir in der Ardèche in den Ferien und hatten – ohne es zu wissen – eine Reko dieser Etappe gemacht.

Stimmt es, dass Sie sich auch unter den Trikots eincrèmen müssen, weil die so dünn sind?
Man wird zwar ein bisschen braun durchs Trikot durch, aber nicht so, dass man sich eincrèmen müsste. Aber auch so braucht es viel Sonnencrème: Ich bin schon bei der zweiten Flasche.

Was ist das heisseste Rennen, das Sie bestritten haben?
An der WM in Katar, wie in einem Backofen. Im Vergleich dazu war es heute komfortabel, wir hatten überall Helfer mit Eissocken und Bidons am Strassenrand.

Wonach gelüstete es Sie in dieser Hitze am meisten?
Nach einem Bad im Pool. Das nahm ich dann auch gleich, als wir im Hotel ankamen. Morgen soll es noch heisser werden. Dann haben wir die Alpen erreicht und es sollte zumindest bezüglich Temperaturen etwas besser werden.

22. Juli 2019, 2. Ruhetag

Wie war Ihr Tag?
Der Ruhetag geht immer schneller vorbei als jeder andere. Ich dachte fast ein wenig wehmütig an den ersten zurück, weil der so cool gewesen war.

Sie werden vom Teamkoch verköstigt. Wie französisch ist das Essen?
Unser Teamkoch ist Amerikaner. Darum nicht so. Er kocht oft ­glutenfrei, viel Reis, was mir gut bekommt, besser als Pasta. Am Donnerstag brachte Teamkollege Ladagnous, er kommt aus Pau, Gänseleber mit – ich verzichtete, gab meine Portion an Marc Madiot weiter. Wie auch das Glas Wein, der sagt mir generell noch nichts. Unser Koch bäckt auch selber Brot, das ist wichtig für mich, weil ich das liebe. Das ist sonst schwierig in Frankreich, weil es nur Weissbrot gibt.

Lesen Ihre Teamkollegen am Morgen alle «L’Equipe»?
Ja, schon. Die meisten auf dem iPad. Ich lese die Zeitung meist im Village vor dem Start, damit ich up to date bin über alle Gerüchte, die ich sonst nur auf Twitter lese.

Wie viel Geld würden Sie jetzt auf einen Tour-Sieger Pinot setzen?
Ich habe ein gutes Gefühl. Mehr will ich dazu bis am Samstagabend nicht sagen, dann sehen wir, wo wir stehen. Wir wollen es ja nicht verschreien.

21. Juli 2019, 15. Etappe

Wie war Ihr Wochenende?
Super. Es hätte nicht besser ­laufen können für uns. Jetzt ist Thibaut wieder in Reichweite fürs Podium. Und wenn Alaphilippe weiter ­eingeht, ist alles möglich.

Beschreiben Sie, was Sie am Samstag am Col du Tourmalet erlebten.
Es war eine Hammerstimmung. Ich hatte am Anfang der Etappe gearbeitet und mich dann etwas zurückfallen lassen, um die Stimmung voll aufsaugen zu können. Alle riefen: «Thibaut a gagné!» Ich genoss es, machte die Welle mit den Fans. Wenn man diese Freude und Begeisterung sieht, das ist schon eindrücklich. Und der Anstieg geht erst noch schneller vorüber. Nun haben die Franzosen Blut geleckt. Das wird ein Riesenspektakel in den Alpen.

Wie sachte wurde Pinots ­Etappensieg gefeiert?
Gar nicht. Wir hatten am Samstag einen langen Transfer, erreichten erst um 21 Uhr das Hotel. Dann noch Massage und Nachtessen. Im Bus konnten wir so aber ­immerhin noch etwas den Tag ­Revue passieren lassen. Am Sonntag auf dem Weg zum Ruhetag in Nîmes haben wir uns aber ein Bierchen gegönnt – für das ganze Wochenende.

19. Juli 2019, 13. Etappe

Wie war Ihr Tag?
Eigentlich freue ich mich ja auf die Zeitfahrtage. Aber nachdem die vergangenen Zeitfahren nicht so gut gelaufen waren, hatte ich gemischte Gefühle. Es war ein megaheikles Zeitfahren. Dann der Sturz – danach galt Safety first. Angesichts dessen war es von der Leistung her nicht so schlecht. Ich möchte fast schon sagen: ein Schritt in die richtige Richtung. Wir haben auch bei meiner Sitzposition noch zwei Sachen erkannt, die wir ändern werden. Das gibt mir sogar ein bisschen Vertrauen, dass es ­wieder gut kommt.

Gibt es nun noch eine Etappe, auf die Sie sich besonders freuen?
(lacht) Paris. Es wird schwierig, noch eigene Ambitionen zu hegen. Auf der flacheren Etappe rund um Nîmes könnte es wieder mit dem Wind heikel werden, also werde ich da eingespannt sein. Ehrlich gesagt freue ich mich auf die Bergankunft am Samstag!

18. Juli 2019, 12. Etappe

Wie war Ihr Tag?
Sehr gut. Mein Ziel war es, durchzukommen, ohne gross Kraft zu verschwenden. Das gelang mir.

Beginnt die Vorbereitung aufs Zeitfahren bereits am Vorabend?
Eher schon ein paar Tage früher. Der Osteopath behandelt mich speziell, lockert jene Körperpartien, die in der Zeitfahrposition besonders beansprucht werden. Am Vorabend passiert das dann noch einmal. Die Ernährung bleibt genau gleich, obwohl die Renndistanz viel kürzer ist.

Was trauen Sie sich zu?
Schwierig zu sagen. An der Tour ist das Niveau immer brutal hoch. Es kann sehr weit nach vorne reichen. Die Top 5 sind sicher in Reichweite, mein Ziel. Und wenn man erst einmal dort vorne ist, ist gegen oben alles offen.

Vermissen Sie manchmal das Schweizerdeutsch?
Nein. Ich habe mit Mathias Frank und Michi Schär Schweizer Freunde im Feld, mit denen ich täglich ein paar Worte wechsle – wie auch mit meiner Freundin am Telefon. Aber es stimmt schon: Man denkt und lebt im Französischen – was aber nicht so schlecht ist.

17. Juli 2019, 11. Etappe

Wie war Ihr Tag?
Ganz gut. Wir setzten das um, was wir am Montagabend besprochen hatten. Konkret: Ich kümmerte mich im Finale um Thibaut Pinot. Wir kamen gut durch, derweil es hinten einige Stürze gab – was auch zeigt, dass unsere Arbeit nicht vergebens ist.

Toulouse ist die erste Grossstadt dieser Tour. Welches ist Ihre liebste in Frankreich – ­abgesehen von Paris?
Paris kenne ich gut. Ansonsten, da muss ich ehrlich sein, bin ich kein Spezialist. Ich habe gehört, Colmar sei schön, und Annecy.

Haben französische Radprofis besondere Tics?
Thibaut isst Gummibärchen direkt im Ziel – wie Sagan. Das ist nicht so schlecht – schneller Zucker. Und: Unsere Kleider sind weiss. Die Handschuhe und ­Socken aber recht schnell nicht mehr. Darum gibt es alle fünf bis sieben Tage je ein neues Paar.

Welche Abläufe sind anders bei Groupama-FDJ?
Bei BMC war im Ziel immer ein Riesenstress, wir Fahrer wurden mit Autos ins Hotel transportiert. In diesem Team sind wir beim Duschen alle so schnell, dass der Teambus immer als einer der ersten losfahren kann. Das ist praktisch.

16. Juli 2019, Ruhetag

Wie war Ihr Tag?
Sehr gut, zum Glück. Eine lockere Runde auf dem Zeitfahrvelo. Ein paar Medienverpflichtungen. Mittagessen. Etwas Zeit am Pool. Massage auf der Terrasse. Das tönt ja fast wie Ferien! Aber es ist eben nur ein Tag – morgen geht es wieder mit dem Ernst des Lebens weiter.

Sie logierten an der besten Adresse von Albi. Vergisst man da die Tour-Strapazen?
Wir erwischten ein sehr gutes Hotel, das war schon sehr schön. So kann man den Tour-Tross etwas vergessen. Wir machten darum auch keine klassische Kaffeeausfahrt: Dann sitzt man wieder irgendwo in der Stadt, sieht andere Velofahrer. Bei diesem Hotel hatte ich gar nicht das Bedürfnis, es zu verlassen.

Wie überstehen Sie als Kaffeeliebhaber die drei Wochen?
Das Team hat einen Kaffeesponsor. Die Bohnen sind eigentlich ganz okay. Zudem haben wir unsere eigene Maschine dabei, damit lässt es sich gut leben.

Worauf freuen Sie sich in der zweiten Tour-Woche?
Natürlich auf das Zeitfahren in Pau am Freitag, aus persönlicher Sicht. Und generell auf die Pyrenäen, weil da unser Leader Thibaut Pinot zeigen kann, was er draufhat.

15. Juli 2019, 10. Etappe

Wie war Ihr Tag?
Bitter, einfach bitter. Wir hatten die erste Woche perfekt gemeistert – bis heute. Enorm ärgerlich.

Wie wurde Ihr Team in der Windstaffel erwischt?
Wenn du für einen Leader fährst, musst du vertrauen können, dass er an deinem Rad bleibt. Doch wir verloren uns im Getümmel. Dann waren wir fünf Positionen zu weit hinten, als es riss. Ich machte noch einen Effort, weil ich glaubte, Thibaut sei an meinem Rad. War er aber nicht.

Was passierte mit Ihnen?
Ich hatte schon die ganze Etappe viel gearbeitet. Irgendwann gehen dir die Reserven aus. Ich mache mir auch Vorwürfe, bin schliesslich für diese Situationen da. Ich hatte befürchtet, dass dies unser Schwachpunkt wäre. Aber ich bin 25, die meisten über 30. Da machst du nicht die grossen Ansagen.

Wie war die Stimmung im Bus?
Als wäre jemand gestorben. Eiszeit. Es geht um so viel. Und dann wegen so etwas Blödem. Wenn 45 Mann vorne sind, musst du einfach dabei sein. Da gibt es keine Entschuldigung.

Worauf freuen Sie sich am Ruhetag besonders?
Man sollte ihn ja geniessen können, etwas abschalten. Das wird jetzt schwierig.

14. Juli 2019, 9. Etappe

14 Juillet am Sonntag – wie war Ihr Wochenende?
Der Start war am Sonntag fast der härteste Moment, als ich ein Loch zu einer Gruppe mit Ala­philippe schliessen musste. Dann rollten wir dahin, ehe zuletzt der Angriff von Bardet kam – aber der war ja nur für die Show. Ich nahm es so gemütlich wie möglich. Thibaut ist super in Form. Wir machten am Samstag Witze, dass er angreifen solle wie bei seinem Sieg an der Lombardei-Rundfahrt – und er machte es. Das zeigt seine Topform.

Der erste Ruhetag kommt einen Tag später. Macht das einen Unterschied?
Man merkt, dass das Feld müde ist. Es war heute nicht sehr schnell, und doch wurden Leute schon früh abgehängt.

Wie viel verrückter reagierten die Franzosen am Nationalfeiertag auf Sie als Fahrer in Rot-Weiss-Blau?
Sie fieberten definitiv viel mehr mit einem mit.

Nach der Etappe: Proteinshake oder echte Nahrung?
Beides: Erst ein Winforce-­Shake, weil die guten Proteine und ­Aminosäuren wichtig sind. Dann echte Nahrung, heute Haferflocken-Pancakes.

12. Juli 2019, 7. Etappe

Wie war Ihr Tag?
Wie ein langer Ruhetag –nur dass es kein Ruhetag war, sondern 240 Kilometer mit dem fiktiven Start, sechseinhalb Stunden im Sattel. Ich versuchte, mit neuen Fahrern ins Gespräch zu kommen, etwas über sie zu erfahren. Es waren dann alle froh, als wir endlich im Ziel waren.

Es gibt Arbeitstage, die wollen nicht zu Ende gehen. Der Büromensch holt sich dann einen Kaffee. Was tut der Radprofi?
Nicht viel, ausser auf den Velocomputer zu schauen, mit den anderen Fahrern zu schwatzen und entspannt zu bleiben.

Ist Ihr Teamchef Marc Madiot immer so emotional, wie er in TV-Aufnahmen regelmässig gezeigt wird?
Er ist sehr emotional, voll dabei. Er macht alles für uns. Das ist schon speziell, wenn du einen Manager hast, der mit dem Ersatzvelo am Strassenrand steht oder mit Bidons. Eindrücklich.

Froschschenkel oder Taubenbrust?
Keines von beidem. Die Franzosen haben einige spezielle Spezialitäten. Wie etwa Ente. In der Schweiz esse ich das nie. An der Tour hatten wir das nun schon zwei Mal. Da bevorzuge ich Mostbröckli.

11. Juli 2019, 6. Etappe

Wie war Ihr Tag?
Eigentlich relativ gut – es entwickelte sich für uns das ideale Szenario. Die Fluchtgruppe fuhr schon vor dem ersten Berg davon. Wenn sie nicht schon da weggefahren wäre, hätte es einen grossen Fight gegeben. Danach wurde den ganzen Tag ein Tempo gefahren, das schon sportlich ist, bei dem du aber nicht ans absolute Limit gehen musst.

Erklären Sie einem Nicht-Velofahrer, wie es sich anfühlte, sich diesen unglaublich steilen Schlusskilometer hochzukämpfen.
Stellen Sie sich vor, Sie müssten in einem Hochhaus ins 20. Stockwerk – und der Lift fährt nicht. Und es gibt keine andere Möglichkeit, als die Treppe zu nehmen. Ungefähr so. Wir wissen: Egal, wie steil es ist, wir müssen einfach irgendwie hoch ins Ziel.

Was geht einem durch den Kopf, wenn man fast stillsteht, weil die Strasse so ansteigt?
Nicht mehr viel: Man schaut nur noch auf die Schilder am Streckenrand: 200 Meter, 150 Meter ...

Ihre Wahl bei den Elsässer Spezialitäten: Lieber Sauerkraut oder Flammkuchen?
Keine Frage: Flammkuchen. Gab es für uns Fahrer aber leider keinen.

10. Juli 2019, 5. Etappe

Wie war Ihr Tag?
Nicht mega top, ich hatte nicht die besten Beine heute. Dazu kam, dass es ein hartes Finale war. Aber in einer schönen ­Region. Müsste ich eine Tageswertung abgeben, würde ich ­sagen, 6 von 10 Punkten, weil: Unser Leader Thibaut Pinot kam gut durch –und das ist die Hauptsache.

Welches französische Wort haben Sie zuletzt gelernt?
Calcaire, das heisst Kalk. Wir kamen darauf, weil wir über das Entkalken der Kaffeemaschine sprachen.

Diskutieren die französischen Profis über andere Dinge als die englischsprachigen?
Es geht halt mehr um Frankreich –so, wie jeder über sein Leben spricht. Aber im allgemeinen sind die Themen ähnlich. Wir diskutieren viel übers Rennen, das ist in jedem Team gleich.

Jacques Anquetil oder Bernard Hinault?
Ich kenne beide nicht so gut. Heute Morgen las ich gerade noch einen Artikel über Laurent Jalabert. Aber ich wähle Anquetil – Hinault hat nicht den besten Ruf. Sein Übername ist Blaireau. Und wenn man Französisch spricht, weiss man, dass das nicht gerade ein Kompliment ist (Anm.: Die präzise Übersetzung wäre «Dachs», es ist aber auch ein Schimpfwort im Stile von «Idiot»).

9. Juli 2019, 4. Etappe

Wie war Ihr Tag?
Ein typischer Tour-Tag. Eigentlich passiert gar nichts. Aber es braucht nur ein bisschen Wind – und schon werden alle nervös. Unser Leader Thibaut Pinot hatte 40 ­Kilometer vor dem Ziel einen Plattfuss. Krass: Wir hatten danach keine Chance mehr, ihn im Feld wieder nach vorne zu fahren, so dicht war dieses. Das ist schon sehr speziell – typisch Tour.

Ihr Ex-Teamkollege Michael Schär fuhr fast 200 Kilometer voraus. Neidisch? Nein, gar nicht! An einem Tag wie heute, nur zu dritt auf diesen ­langen, geraden Strassen. Da war ich froh, konnte ich mich im Feld verstecken. Ausser TV-Präsenz kannst du da vorne nichts abholen. Michi sagte mir danach: «Ob ich für meinen Leader im Feld zuvorderst fahre oder in der ­Spitzengruppe, kommt auf das Gleiche heraus.» Recht hat er, dass er sich zeigt – und Spass hat.

Die Tour in einem französischen Team. Was ist anders? Die Erwartungen der Fans sind viel grösser. Ich merke, dass mein Name am Strassenrand viel öfter gerufen wird. Und: «Wir glauben an euch!», «Passt gut auf Thibaut auf!» Und wenn wir im Hotel ankommen: Da sind 50 Leute, die auf Autogramme warten.

Baguette oder Croissant? Keines von beidem. Lieber dunkles Brot aus der Schweiz – das Beste, was es gibt.

8. Juli 2019, 3. Etappe

Wie war Ihr Tag?
«Fast and Furious» war heute das Motto. Wir hatten mehrheitlich Rückenwind, entsprechend schnell wurde gefahren. Ich hatte vor dieser Etappe recht Respekt. An der Tour de Romandie hatte mir ein Teamkollege ein ­Video von der Strecke gezeigt, ich dachte: Boah, an dem Tag wird es ein richtiges Massaker geben. Zum Glück gab es keine grossen Stürze. Ich musste zwei-, dreimal hinter kleinen Stürzen abbremsen. Ansonsten kam ich aber gut durch.

Es ging durchs Champagnerland. Wie haben Sie es mit Schaumwein?
An diese Region habe ich Erinnerungen aus meiner U-23-Zeit, am Chrono Champenois fuhr ich aufs Podest. Dafür erhält man eine riesige Champagnerflasche. Ich suchte danach einen Anlass, an dem ich diese mit Familie und Freunden teilen konnte. Denn ich bin gar kein Freund von Champagner. Andererseits: Wenn man einen Grund zum Feiern hat, muss es fast eine Flasche Champagner sein.

Nach dem Auftakt in Belgien: Fühlt sich die Tour anders an auf Frankreichs Strassen?
Nicht unbedingt. Am Grand Départ hat es immer extrem viele Leute – heute aber doch auch. Denn die Strassen sind anders: In Frankreich hat es keine Betonplatten-Strassen wie in Belgien – dafür viel mehr Verkehrsinseln und so.

7. Juli 2019, 2. Etappe

Wie haben Sie den Tour-Start in Brüssel erlebt mit der ­Auftaktetappe am Samstag und dem Mannschaftszeitfahren am Sonntag?
Der Auftakt war gut. Unser Ziel war es, ohne Probleme durch­zukommen, nicht zu viel Zeit zu verlieren – oder sogar Zeit zu gewinnen auf die grössten Kon­kurrenten. Das klappte ganz gut. Die erste Etappe ist immer meganervös, weil das Maillot jaune auf dem Spiel steht und der erste Etappensieg – es ist halt die Tour de France. Man sah es, als das Team Bora-Hansgrohe von Peter Sagan auf einem Pavé-Sektor richtig schnell fuhr: Sofort zerriss es das ganze Feld. Genau deshalb müssen wir immer sehr aufmerksam sein.

Wie belgisch war denn nun dieser Grand Départ?
Sehr belgisch. Die Tour erwies Eddy Merckx damit eine riesige Ehre. Und ich konnte erstmals die Stadt Brüssel entdecken. Ich war zwar schon gefühlte fünfzig Mal hier am Flughafen ange­kommen. Aber in der Innenstadt war ich noch nie gewesen. Jetzt konnte ich sie auf dem Velo entdecken – sie gefiel mir sehr gut.

Welche Belohnung erhielten Sie für Ihre Arbeit als «Lokomotive» im Teamzeitfahren?
Die gleiche wie alle Fahrer des Teams: eine Mousse au Chocolat, die mir sehr geschmeckt hat. Unsere Teamköche verwöhnen uns bestens.

Erstellt: 26.07.2019, 22:02 Uhr

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Radprofi Stefan Küng. (Bild: Keystone/Urs Flüeler)

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