«Das ist tragisch, ich finde keine Worte»

Nach den Terror-Anschlägen gibt Radprofi Stefan Küng sein Comeback heute ausgerechnet in Belgien. Das Drüsenfieber hatte seine Welt auf den Kopf gestellt.

«Ausgelaugt, physisch und mental»: Stefan Küng litt unter dem Pfeifferschen Drüsenfieber.

«Ausgelaugt, physisch und mental»: Stefan Küng litt unter dem Pfeifferschen Drüsenfieber. Bild: Keystone

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Stefan Küng war am Dienstagvormittag kurz davor, für ein kurzes Training aufs Rad zu steigen, ehe er zu seinem Team BMC geflogen wäre, von Zürich nach Brüssel. In diesem Moment erreichte ihn der Anruf der Equipe, der 22-Jährige wurde über die Terroranschläge in Belgien informiert.

Er flog dann zusammen mit seinen Schweizer Teamkollegen nach Paris, wurde dort mit dem Auto ins Teamhotel in Roeselare transportiert. Heute gibt er sein Comeback bei «Quer durch Flandern». Die Veranstalter des Eintagesrennens liessen im Laufe des Tages verlauten, vorerst an der Durchführung des Rennens festzuhalten.

Mit welchem Gefühl reisten Sie nach den Terroranschlägen nach Belgien? Das ist nur verrückt, tragisch, ich finde keine Worte dafür. Aber das Leben geht grundsätzlich weiter, für uns, für alle.

Haben Sie hinsichtlich des Rennens vom Mittwoch ein mulmiges Gefühl? Wir sollten uns nicht Angst machen lassen. Das Rennen ist eher ein Zeichen, dass wir uns nicht beeindrucken lassen.

Sie kehren nach dem pfeifferschen Drüsenfieber zurück. Sind Sie bereit? Ich habe in den vergangenen Wochen so viel Grundlagen trainiert wie noch nie in meinem Leben. Warum also länger warten? Ob ich nun daheim hinter dem Töff fahre, bis ich nicht mehr kann, oder im Rennen, ist einerlei. Ich fühle mich bereit, um zumindest mitfahren zu können. Zudem kann ich jedes dieser belgischen Rennen brauchen, um weitere Erfahrungen zu sammeln für die Zukunft.

Das pfeiffersche Drüsenfieber wurde bei Ihnen Anfang Dezember diagnostiziert. Wie gingen Sie mit der Diagnose um? Sie kam für mich nicht so überraschend. Ich hatte mich zuvor beim Bahnweltcup in Neuseeland schlecht gefühlt, fuhr unter meinem Wert. Vor der Reise hatte ich Fieber gehabt, mir kam der Gedanke: «Pfeiffer fängt so an.» Die Bestätigung kam dann vom Arzt. Es war dann sehr wertvoll, dass ich mit Patrick Noack einen Arzt habe, der schon viele Athleten während dieser Erkrankung begleitet hat. Er sagte mir genau, wie viel und was ich machen kann.

Was anfänglich nicht viel war. Wie beschäftigten Sie sich? Das war nicht einfach. Vier Wochen durfte ich keinen Sport machen. Die Zeit vertrieb ich vor allem mit Bücherlesen, 200 bis 300 Seiten pro Tag. Zudem besuchte ich all die Leute, die ich schon lange nicht mehr gesehen hatte. Und ich las alles, was es an Literatur zu dieser Krankheit gibt. Ich bin nun ein wenig Experte. (lacht)

Ein Beispiel? Bis zum Alter von 40 infizieren sich 95 Prozent aller Männer mit dem Virus. Ob ich es mit 12, 16 oder 22 Jahren aufgelesen habe, weiss ich nicht. Sicher ist: Es bricht aus, wenn man am Limit ist.

War die Erkrankung die Quittung für eine zu intensive erste Profisaison? Ihre dauerte von Februar bis Dezember, mit dem Bahn-WM-Titel in der Einzelverfolgung, dem schweren Sturz am Giro, dem Comeback an der Bahn-EM in Grenchen... Ich war ausgelaugt. Nicht nur physisch, auch mental. Ich war mental müde, hatte im Herbst keine Lust mehr aufs Training. Vielleicht waren das schon erste Vorboten. Aber unser Ziel mit dem Bahnvierer war die Qualifikation für Rio, darum bin ich Ende Jahr noch die Weltcups gefahren. Und es hat ja auch geklappt mit der Qualifikation.

Wie starteten Sie wieder ins Training? Du verlierst etwas das Vertrauen in den Körper. Zudem sagen dir alle: Mach nicht zu viel! Das machte mir Angst. Das Training war deshalb immer mit Noack abgesprochen. Zuerst war der Puls die Begrenzung: Bis Anfang Februar durfte ich 140 Pulsschläge pro Minute nicht überschreiten, Mitte Februar dann am Berg bis 150 gehen. Seit drei Wochen konnte ich den ganzen Ausdauerbereich ausreizen, bis Puls 164. Zuletzt fing ich mit kleinen Intervallübungen an, um den Heilungsverlauf zu beschleunigen: Wenn der Körper keinen Reiz erhält, hat er auch keinen Grund, sich weiter zu erholen.

Wie genau kennen Sie Ihr Programm nach dem Comebackrennen? Ich fahre am Freitag den E3 Harelbeke und kommende Woche die 3 Tage von De Panne, danach schauen wir Schritt für Schritt. Grundsätzlich bleibt mein Ziel, Paris–Roubaix zu fahren. Dafür habe ich zuletzt bei 3 Grad während 7 Stunden trainiert.

Bereits nach Ihrer Rückenverletzung am Giro motivierten Sie sich mit einem grossen Ziel, damals der Heim-EM. Ich brauche Ziele. Nach der Diagnose fiel ich zwei Wochen in ein Loch. Dann sagte ich mir: Nun nützt du die Gelegenheit, um dir jene gute Grundlage zu erarbeiten, die du zuletzt wegen der Doppelbelastung Bahn/Strasse nie hattest. Zudem fragte ich mich: Was ist das erste kurzfristige Ziel? Paris–Roubaix. Letztes Jahr habe ich mich in das Rennen verliebt. Dafür lohnte es sich, 30 Stunden Grundlagen pro Woche zu trainieren.

Sie konnten Ihren Titel nicht verteidigen, die Kollegen vom Bahnvierer patzten. Wie verfolgten Sie die WM in London? Ich habe drei Monate lang keine Velorennen geschaut. Erst wieder, seit ich von meinem Comeback weiss.

Aber Sie standen in Kontakt mit den Bahnkollegen? Wir trainierten teilweise gemeinsam auf Mallorca und im WK in Magglingen. Aber ich begleitete sie mit Abstand: Ich arbeitete ja an meinem Comeback, sie am Ziel WM-Medaille. Viel mehr als Glück wünschen konnte ich ihnen nicht.

Und danach? Ich meldete mich erst zwei, drei Tage später bei ihnen, telefonierte auch mit Nationaltrainer Gisiger. Ich bin auf dem aktuellen Stand, weiss, was alles schiefgelaufen ist. Die Hauptprobe ging in die Hose – ich sehe das als gutes Omen für die Premiere in Rio. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.03.2016, 08:44 Uhr

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