Die eine Pedalumdrehung

Nach einem heftigen Trainingssturz startet Fabian Cancellara mit gemischten Gefühlen zur Tour de Suisse.

Sorgenvoll? Niedergeschlagen? Ganz und gar nicht: Fabian Cancellara ist trotz Blessuren vor der Heimrundfahrt entspannt. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Sorgenvoll? Niedergeschlagen? Ganz und gar nicht: Fabian Cancellara ist trotz Blessuren vor der Heimrundfahrt entspannt. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

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Manchmal ist eine einzige Pedalumdrehung zu viel. Nicht einmal der erfahrenste Radprofi ist gefeit davor: Jeder Radfahrer weiss um das Sturzrisiko, vom Moment, in dem er sich aufs Rad setzt, bis er wieder absteigt. Fabian Cancellara geht es nicht anders. Im Frühjahr wurde er von einer Automobilistin in einem Kreisel «abgeschossen», als er sich in der Vorbereitung für die Klassiker befand.

Diese Woche traf es ihn erneut, womit wir wieder bei der einen Pedalumdrehung zu viel wären. So ist das zumindest, wenn man auf dem Zeitfahrvelo mit 55 km/h durch die Gegend blocht. Im Windschatten seines Trainingsbegleiters auf dem Motorrad, wohlverstanden. Jedenfalls suchte er den Windschatten dieses eine Mal etwas zu sehr, touchierte das Motorrad und kam zu Fall. Schürfwunden an den ganzen Beinen waren die Folge, die er bis jetzt spürt: ganz konkret bei jeder Bewegung, insbesondere im Bett. Und auch bezüglich seiner Form.

Am Tag vor dem Prolog der Tour de Suisse in Bellinzona sagt er: «Nun, ich bin am Start, und dann gebe ich mein Bestes. Aber klar ist da ein Handicap.» Am Donnerstag fuhr er den GP Gippingen, stieg zwei Runden vor Schluss aus. Das Körpergefühl war so, wie es der 33-Jährige befürchtet hatte. «Mir fehlen einige Trainings, dieses letzte bisschen, das für die Tour de Suisse nötig gewesen wäre», sagt er.

Das Zeitfahren hätte ihn gereizt

Man merkt: Er hätte sich etwas ausgerechnet bei der 78. Tour de Suisse, die mitten durch sein Trainingsgebiet führt: mit der Etappenankunft in Büren an der Aare, mit dem Zeitfahren in Worb, besonders mit diesem. Er nennt es ein «5-Sterne-Zeitfahren». Selbst er musste einige Strässchen mithilfe der Streckenkarte suchen gehen, obwohl er jede Woche durch diese Gegend fährt.

Diese Prüfung hätte ihn gereizt, zumal die Konkurrenz mit Weltmeister Tony Martin und dem WM-Dritten Bradley Wiggins die grösstmögliche Herausforderung darstellt. Und auch deshalb: Sein letzter Sieg bei der Landesrundfahrt ist schon eine Weile her, 2011 war das. Der nächste Versuch wird nun wohl auf 2015 vertagt, denn Cancellara sagt: «Ich bin ein Fragezeichen, für die ganze Woche.»

Wirkt der Berner deswegen sorgenvoll oder niedergeschlagen? Ganz und gar nicht. Vielleicht ist es der Druck, der nun von ihm abgefallen ist, jedenfalls wirkt er sehr entspannt, fast beiläufig bestätigt er etwa seinen Start bei der Tour de France. Später hat er die Musse, über die Tour de Suisse zu philosophieren, zu der er zum zwölften Mal in Folge antritt.

Er erzählt vom Wandel und von den Konstanten dieses Rennens. Zu Letzteren gehört Cancellaras Kenntnisse der Schweizer Geografie. «Wenn die Etappenorte jeweils bekannt gegeben werden, weiss ich genau, wo wir durchfahren könnten, welche Variante anstrengender wäre – und welche länger», sagt er.

Cancellara, der Velopolitiker

Dann erzählt er vom Wandel, den die Schweizer Strassen in den vergangenen Jahren durchgemacht haben. «Es ist heute viel anstrengender, hier ein Velorennen zu bestreiten», sagt er. Nicht weil er schlechter die Berge hochkommt als früher, nein. «Mittlerweile steht fast überall eine Verkehrsinsel oder sonst ein Hindernis in der Strasse, um die Autos zu bremsen. Die sind wohl gut für Autoverkehr und die Fussgänger, aber nicht für uns Velofahrer – oder die Motorradfahrer. Da müssen in Zukunft neue Lösungen gefunden werden», sagt Cancellara und hört sich dabei schon ein wenig an wie ein Velopolitiker.

Vorerst versucht er aber noch eine Weile, den Hindernissen ganz konkret auf der Strasse auszuweichen. Auf dass ihn die entscheidende Pedalumdrehung aufs Siegerpodest steigen lässt – statt vom Boden auf.

Erstellt: 14.06.2014, 10:03 Uhr

78. Tour de Suisse
Des Weltmeisters grosse Prüfung

Es wäre die Schweizer Krönung für den Strassenweltmeister. In den vergangenen zwei Jahren war Rui Costa mehr ein geduldeter als ein geliebter Sieger der Tour de Suisse. 2012 war er Leader wider Willen, der einfach nicht einbrach. 2013 war er der Spielverderber, der dem Einheimischen Mathias Frank den Sieg noch entriss. 2014 kann der Portugiese als Erster die Rundfahrt dreimal in Serie gewinnen. Er muss dafür aber mehr leisten als die zwei Jahre zuvor. Die Schar von Herausforderern ist gross, angeführt wird sie von Contador-Edelhelfer Roman Kreuziger und Bradley Wiggins, dem Tour-de-France-Sieger 2012. Das deutlich bergigere Profil spricht aber nicht gegen Costa: Vergangenen Juli gewann er bei der Tour de France zwei Bergetappen. (ebi)

Martin Elmiger
Wieder Babystress bai IAM

Vor einem Jahr war es beim Tour-de-Suisse- Debüt von IAM Cycling Martin Elmiger, der unter besonderen Umständen zum Prolog in Ambri antrat. Seine Frau wartete zu Hause hochschwanger, nach seinem Einsatz liess sich der Zuger durch den Gotthard chauffieren, erlebte die Geburt – und startete am nächsten Tag normal zur 1. Etappe. Man kennt die spezielle Situation bei IAM also, auch wenn sie heuer bei Teamleader Mathias Frank nicht ganz so locker ist. Seine schwangere Frau musste am Mittwoch wegen Bauchschmerzen ins Spital, der Geburtstermin ist aber erst in rund einem Monat. Frank reiste gestern später ins Tessin als die Teamkollegen und meldete: Die Form sei gut, fraglich sei allerdings, wie gut er es schaffen werde, auch mit dem Kopf bei der Sache zu sein. (ebi)

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