Dunkle Wolken am Sky

Das britische Radteam und sein Leader Chris Froome stehen wegen unterschiedlicher Fälle im Brennpunkt. In beiden scheinen sie den Spielraum des Erlaubten ausgereizt zu haben.

Letzter Ernstkampf vor dem Giro: Das Team Sky fuhr gestern im Mannschaftszeitfahren des Tirreno–Adriatico die drittbeste Zeit. Foto: Dario Belingheri (EPA/Keystone)

Letzter Ernstkampf vor dem Giro: Das Team Sky fuhr gestern im Mannschaftszeitfahren des Tirreno–Adriatico die drittbeste Zeit. Foto: Dario Belingheri (EPA/Keystone)

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Unter dem Zeitfahrhelm muss man zweimal hinsehen, um ihn zu erkennen. Chris Froome dürfte das durchaus recht sein. Er tritt am Mittwochnachmittag gemeinsam mit seinen Kollegen vom Team Sky zum Mannschaftszeitfahren des Tirreno–Adriatico an, sie fahren die drittbeste Zeit, zehn Sekunden langsamer als die Tagesschnellsten. Ein guter Arbeitstag für Froome, der versuchen will, dieses Rennen zu gewinnen. Es ist sein letzter Ernstkampf vor dem Giro d’Italia im Mai.

Froome begegnet diese Woche Konkurrenten wie Tom Dumoulin, den Giro-Sieger 2017. Oder Romain Bardet, der zuletzt an der Tour de France zweimal neben dem Briten auf dem Podest stand. Es sind merkwürdige Aufeinandertreffen. Nicht weil sich die grossen Namen in einer Saison nur ganz selten begegnen. Sondern wegen der Sache, die seit vergangenem Herbst über Froomes Kopf schwebt. An der Vuelta wurde in einer seiner Urinproben das Asthmamittel Salbutamol in doppelt so hoher wie erlaubt Konzentration nachgewiesen. Der Fall war Froome im September kommuniziert worden, an die Öffentlichkeit kam er jedoch erst im Dezember.

Viele stört es, kaum einer sagt es

Weil Salbutamol nicht auf der Dopingliste steht, spricht man nicht von einer positiven Dopingprobe, sondern von einem «abnormalen Test». Es ist nun an Froome, zu beweisen, dass dieser sehr hohe Wert auf natürlichem Weg zustande gekommen ist.

Trotzdem bestreitet Froome Rennen. Im Februar die Ruta del Sol, nun den Tirreno. Viele Fahrer stören sich daran, dass er fährt, ehe sein Fall geklärt ist. Laut sagen das nur die wenigsten. Zu diesen gehört Bardet. «Die Saison beginnt ohne eine Entscheidung in der Sache. So verkommen wir zu Witzfiguren», sagte er in einem Interview mit «L’Equipe». Und: «Ich kann nicht nachvollziehen, wie Froome weiterfährt, als sei nichts gewesen.»

Er steht mit seinem unguten Gefühl nicht alleine da. So sagte Tour-Chef Christian Prudhomme diese Woche zu «RMC Sport», allerdings primär den Radweltverband kritisierend: «Es ist völlig grotesk. Wir brauchen eine Antwort von der UCI.»

«Die Saison beginnt ohne eine Entscheidung in der Sache. So verkommen wir zu Witzfiguren.»Romain Bardet, französischer Radprofi

Froome wiederum sagt am Tag vor dem Tirreno, als sei dies nur eine kleine Unannehmlichkeit: «Ich bin in meiner Karriere schon vielen Widrigkeiten begegnet und habe gelernt, solche Dinge auszublenden. Gerade jetzt konzentriere ich mich auf den Tirreno und auf meinen Formaufbau Richtung Giro d’Italia.»

Ansonsten muss er nicht viel erzählen zu seinem eigenartigen Fall. Denn dieser ist am Dienstag eher Nebensache. Stattdessen muss Froome für sein Team Sky einstehen, dessen Lauterkeit bezeugen. Denn diese wird derzeit einmal mehr schwer infrage gestellt.

Eine Untersuchungskommission des britischen Parlaments hatte am Montag seinen Bericht veröffentlicht. Der beleuchtet den Umgang mit medizinischen Ausnahmegenehmigungen im Team Sky, bezogen auf die Zeit 2011–13 und vor allem den damaligen Teamleader Bradley Wiggins (siehe Timeline rechts). Das Verdikt ist deutlich: «Medikamente wurden vom Team Sky innerhalb der Wada-Richtlinien eingesetzt. Allerdings um die Leistung der Fahrer zu steigern und nicht nur aus medizinischer Notwendigkeit.»

Wiggins: «Ich bin 100 Prozent sauber»

Das ist ein harter, aber kein neuer Vorwurf. Er hat jedoch eine ganz andere Wirkung, wenn er von einer staatlichen Instanz kommt. Zumal diese noch einen anonymen Zeugen zitiert, der angibt, dass das Kortisonpräparat Triamcinolon durchaus auch ohne Ausnahmegenehmigung des Radweltverbands konsumiert worden sei.

Wiggins ging am Montagabend selber in die Offensive und erklärte in einem Interview mit der BBC, «100 Prozent sauber» gefahren zu sein. Er stellte auch in Abrede, dass irgendwer bei Sky ­Triamcinolon zur Leistungssteigerung benutzt habe, «solche Anschuldigungen sind böswillig».

«Muss das Ende des Teams sein»

Wiggins’ Aussagen für sich wirkten durchaus glaubwürdig, wie er stets glaubwürdig wirkte. Aber was ist mit dem Team als Ganzem? Wenn an diesem Punkt Floyd Landis nach seiner Meinung befragt wird (von «Cyclingnews»), ist die Antwort nicht völlig überraschend. Der Ex-Profi, dem wegen Doping der Tour-Sieg 2006 aberkannt wurde, fordert die Aberkennung von Wiggins’ Toursieg. Er, der die Dopingmechanismen kennt und in der Vergangenheit so offen darüber gesprochen hat wie kaum ein anderer Ex-Doper, geht aber noch weiter: «Er sollte auspacken und die Wahrheit sagen, dass das ganze Anti-Doping-Ding eine Scharade ist.»

Wirklich bemerkenswert ist ein anderer Satz von Landis: «Das muss das Ende des Teams sein. Ich bin 100 Prozent ­sicher, dass an der kommenden Tour kein Team Sky teilnehmen wird.»

Solche Aussagen sind gute Polemik und liefern online Klicks. Aber kann so eine Aussage ernst genommen werden? Man hegt gewisse Zweifel, ehe am Mittwochabend der nächste Schritt folgt. Wieder durch die BBC, dieses Mal berichtet es aus der Westschweiz, interviewt dort den UCI-Präsidenten David Lappartient. «Wenn eine Substanz nicht für ein medizinisches Problem, sondern zur Leistungssteigerung gebraucht wurde, ist das für mich nicht akzeptabel», sagt er, «dann ist das Betrug.»

Schliesslich kündigt er an: «Wir ­wollen nun selber untersuchen, ob Antidoping-Regeln gebrochen wurden.»

Bis zur Tour de France sind es noch vier Monate.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.03.2018, 22:50 Uhr

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