Ein Rennen wie eine Obsession

Der Berner Radprofi Fabian Cancellara hat alles getan, um heute endlich den Strassen-WM-Titel zu gewinnen.

Mitfavorit: Fabian Cancellara gehört heute zu den Anwärtern auf Gold.

Mitfavorit: Fabian Cancellara gehört heute zu den Anwärtern auf Gold. Bild: Keystone

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Vor fünf Jahren war es erstmals ein grosses Ziel, jetzt wird es langsam zur Obsession. Nachdem er bei der Heim-WM von 2009 in Mendrisio seine dritte Goldmedaille im Zeitfahren gewonnen und dabei die Gegner erdrückt hatte, nachdem er sich in den Klassikern Mailand–Sanremo und Paris–Roubaix durchgesetzt hatte, suchte Fabian Cancellara eine neue Herausforderung. Er fand sie schnell: Er wollte Weltmeister auf der Strasse werden, um auch einmal bei seinen Lieblingsrennen wie Paris–Roubaix und der Flandern-Rundfahrt das Regenbogentrikot tragen zu dürfen. Und nicht nur in den wenigen Zeitfahren. Es wäre für ihn so etwas wie der letzte Zacken in der Krone, die er sich mit einem Olympiasieg, seinen Weltmeistertiteln (gegen die Uhr) und seinen Classiquesiegen bereits aufgesetzt hat.

Dafür muss er an einem Sonntag Weltmeister werden, wenn Zehntausende am Strassenrand stehen und nicht unter der Woche, wenn sich jeder allein durch die Gegend kämpft. Dafür muss er das Rennen gewinnen, das sich mit keinem anderen vergleichen lässt, weil Nationalteams am Start stehen und ein mehrmals zu befahrender Rundkurs besondere Voraussetzungen schafft.

In Ponferrada (Sp) gehört der 33-jährige Berner heute zum dritten Mal zum engsten Kreis der Favoriten. Es ist das dritte Mal, dass er, wie er erklärt, all seine «Hausaufgaben» gemacht hat und bereit ist für das Rennen, das für sein Gewicht eigentlich zu viele Steigungen im Parcours hat. Er ist auch diesmal fit. Er versprüht auch diesmal Selbstvertrauen. Und wirkt leichter als je zuvor («das hat mit dem Alter zu tun», sagt er). 2009 in Mendrisio hätte er das Rennen gewinnen müssen, doch er spielte seine Überlegenheit in den Aufstiegen so genüsslich aus, dass die Gegner ihr Rennen auf ihn ausrichteten und ihn am Schluss auskonterten. Vor einem Jahr in Florenz hatte er acht Helfer an seiner Seite, ein starkes Team, in dem jeder seine Aufgabe hatte. Auf dem Papier war das Szenario perfekt, doch in der Praxis war alles anders. Es regnete, vier Begleiter stürzten und mussten das Rennen früh aufgeben. Als das Rennen in der drittletzten Runde wirklich begann, fehlten Cancellara die Assistenten, die seine Probleme in den steilen Aufstiegen hätten korrigieren können. Im Finale musste er die starken Bergfahrer ziehen lassen.

Die übliche Vorbereitung – doch zwei Dinge sind diesmal anders

2010 in Australien war Cancellara nach dem Abgang bei Bjarne Riis zu sehr mit den Fragen um seine Zukunft beschäftigt, 2012 verzichtete er nach dem Sturz und der Olympia-Enttäuschung von London auf den Start. 2011 im von Mark Cavendish gewonnen Sprinterrennen von Oslo durfte er sich nicht wirklich eine Chance ausrechnen und erzielte als Vierter sein bisher bestes WM-Ergebnis. Ein Zentimeter fehlte im Spurt gegen André Greipel zur Bronzemedaille.

Cancellara weiss, wie er sich auf eine WM vorbereiten muss. Er tut es rennmässig in der Vuelta, wo er am Ruhetag Trainingseinheiten hinter dem Motorrad einfügt, er tut es mit auf die Strecke abgestimmten Trainings, langen harten und kurzen intensiven, nachdem er die dreiwöchige Rundfahrt vorzeitig verlassen hat. Geheimnisse gibt es da nicht, auch wenn Cancellara sich diesmal weigert, in die Details zu gehen – «weil das die Gegner nichts angeht».

Neu sind in diesem Jahr zwei Dinge. Dazu gehört, dass er erstmals darauf verzichtete, das Zeitfahren zu bestreiten, obwohl er es, weil Tony Martin nicht in Topform war, sogar hätte gewinnen können. Dazu gehört aber auch die lange Ruhe nach dem Klassiker-Sturm im Frühling.

Für ihn gab es diesmal nach dem Sieg bei der Flandern-Rundfahrt und dem dritten Platz in Roubaix kein anderes Ziel mehr als diese WM. Tour de Suisse und Tour de France wurden zu Trainings degradiert, wobei er sich bis zur Aufgabe in der Tour ernsthaft bemühte, eine Etappe zu gewinnen. Mehr als ein zweiter Platz (hinter Solosieger Tony Martin) in Mülhausen schaute aber nicht heraus. Er brachte ihm die schöne Gewissheit, dass er nach einem harten Rennen im Spurt niemanden mehr fürchten muss. Auch an der Vuelta wurde er im Massenspurt von La Coruña nur von John Degenkolb und Michael Matthews geschlagen. Das sind am Sonntag die beiden meistgenannten Favoriten, wenn es nach 256 und nicht 173 km wie in La Coruña) zum Massenspurt kommen sollte.

Ein Massenspurt ist das letzte, was sich Cancellara für den Sonntag wünscht. Ein Team, das dies mit offensiver Fahrweise verhindern könnte, hat er nicht an seiner Seite. Sondern (mit Michael Albasini und Danilo Wyss) nur zwei Helfer, die im Finale bereit sein müssen, um in gefährlichen Ausreissergruppen dabei zu sein. Er hofft, dass Belgier, Spanier und Italiener, die sich nicht auf ihre Sprinter verlassen können, die Aufgabe übernehmen werden, in den letzten drei oder vier Runden das Rennen schnell, verrückt und schwer zu machen.

Ein junger Norweger demonstriert, wie es geht

Die bisherigen Rennen auf dem Rundkurs von Ponferrada zeigten, dass es fast unmöglich ist, eine frühe Entscheidung zu erzwingen. In der U-23-Kategorie machte der Norweger Sven Erik Byström vor, wie sich das Rennen solo gewinnen lässt: Mit einem genau getimten Angriff am Ende des letzten Aufstiegs, mit fünf damit herausgeholten Sekunden Vorsprung, die sich dank verwegener Abfahrt und Zeitfahrerqualitäten auf den letzten anderthalb Kilometern ins Ziel retten lassen. Bei den Junioren zeigte der 17-jährige Berner Gino Mäder einen andern Weg auf, der zu Cancellara passen könnte. Er griff in der letzten Abfahrt vier Kilometer vor dem Ziel aus einer Spitzengruppe an. Er riskierte viel, holte ein paar Sekunden Vorsprung heraus und wurde erst 500 Meter vor dem Ziel eingeholt. «Mit Cancellaras Beinen hätte es gereicht», sagte er. Als Cancellara im gleichen Alter 1998 Juniorenweltmeister im Zeitfahren wurde, war Mäder, der auf der Bahn schon zwei EM-Medaillen gewann, anderthalb Jahre alt.

Cancellara weiss, dass er auch Glück braucht, um das grosse Ziel zu erreichen. Er weiss aber auch, dass es nicht seine letzte Chance ist. Im nächsten Jahr in Richmond (USA) hat es ein paar kurze, aber steile «flandrische» Mauern auf dem Rundkurs, 2016 auf der topfebenen Strecke von Katar, wird der Wind eine entscheidende Rolle spielen.

Erstellt: 28.09.2014, 09:37 Uhr

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