Eine Tour der blutigen Laken

Der Amerikaner Ted King fällt nicht nur mit seiner Grösse als Radprofi aus dem Rahmen.

1,90 Meter gross: Der amerikanische Radrennfahrer Ted King.

1,90 Meter gross: Der amerikanische Radrennfahrer Ted King. Bild: Keystone

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198 Männer leben seit zehn Tagen ­ihren Traum: die Tour de France, das grösste, wichtigste, verrückteste Rennen des Jahres. Es ist der Traum jedes Jungen, der anfängt, Radrennen zu fahren. Edward King, von allen nur Ted gerufen, ging das nicht anders. 30 Jahre alt musste der Amerikaner werden, ehe er vor einem Jahr sein erstes Aufgebot erhielt.

Heuer reiste er zum Start nach England in der Hoffnung, es dieses Mal besser zu machen als 2013. Da hatte King sich bei einem Unfall in der ersten Tour-Etappe eine Schultereckgelenksprengung zugezogen, eine höchst schmerzhafte Verletzung. Doch der 1,90 Meter grosse Radrennfahrer, der einen Universitätsabschluss in Wirtschaftswissenschaften besitzt, fuhr weiter. Das war die Tour, sein Traum. Der platzte am Tag, als seine Eltern auf dem Weg nach Frankreich waren. Im Ziel wurde Ted King mitgeteilt, dass er den Kontrollschluss verpasste hatte. Um sieben Sekunden. «Das ist der Gipfel deiner Sportart. Da weggerissen zu werden, auf diese Art, war wirklich schwierig», sagte King, als er erneut antrat. «In den vergangenen zwölf Monaten hatte ich jeden Tag den Gedanken: ‹Ich will zur Tour zurück, zur Tour zurück›.»

Die Anteilnahme an seinem Schicksal ist enorm. King nutzt die sozialen Medien, bloggt, facebookt, twittert. «Ich schreibe immer noch dasselbe wie zu Zeiten, als nur zwei Leute meine Blogeinträge lasen – meine Eltern», erzählt er in der ersten Rennwoche.

Täglich tippt er einen Beitrag. «Mein Beruf gibt mir enorm viel freie Zeit. Und eine der Beschäftigungen, die ich wirklich gern mag, ist schreiben», sagt King. «Das passt.» Er erzählt in seinen Blogs von Gedanken, die ihm auf dem Sattel durch den Kopf gehen, von Dingen am Strassenrand, die nur einem Radprofi auffallen. Oft mit einem Augenzwinkern. Er behält seinen Humor auch in schwierigen Momenten.

Auch auf dieser Tour, die so anders hätte werden sollen. Wieder stürzte er zweimal. Doch King fuhr weiter, mit bandagiertem Arm, mit eingebundenem Knie. Am Montag startete er als 183. und Letzter des Gesamtklassements. Wieder standen sieben Pässe auf dem Programm. Schon nach dem ersten wurde King im Fernsehen eingeblendet. Allein fahrend, hinter ihm nur noch der Besenwagen. Wenig später stieg er ab. Zwölf Etappen von Paris entfernt.

Der nächste Blogeintrag auf Iamtedking.com liess etwas länger auf sich warten. Doch er kam. Es ist eine geradezu schmerzhaft detaillierte Schilderung dessen, was sich ein Radprofi antut. «Meine Tour der nächtlichen Blutflecken auf den Bettlaken durch England und Frankreich ist zu einem Ende gekommen», schreibt King. Und weiter: «Radfahren ist etwas Schönes. Friedvoll und heiter, flüssig und artistisch, befreiend und beseligend, mit einem Rad über Hügel und durch Täler zu fahren, ist himmlisch. Aber befestige eine Nummer auf deinem Rücken, und es sieht anders aus: Radrennen ist ein bizarr unnatürlicher Sport, wo so viel vom Glück abhängig ist.»

Bei aller Pein blickt Ted King keck in die Zukunft: «Eine der faszinierendsten Nebenerscheinungen des Radsports sind Narben. Hinter ihnen steckt mehr als hinter einem Schnitt von einem Blatt Papier im Büro. Man sagt, Narben würden den Charakter formen – und Frauen stünden darauf. Den Schürfwunden an Rücken, Schultern, Ellbogen, Handgelenk, Hüfte, Knie und Schienbein nach zu urteilen, kann ich eine Portion Charakterbildung erwarten – und Frauen.» Und 2015 die Rückkehr an die Tour de France. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.07.2014, 23:42 Uhr

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