«Es fägt»

Stefan Blaser engagiert sich mit dem Team Roth im Schweizer Radsport. Trotz negativer Erfahrungen.

Grosser Mann mit grossen Plänen: Stefan Blaser will künftig noch mehr Schweizern die Teilnahme an den heimischen Rundfahrten ermöglichen.

Grosser Mann mit grossen Plänen: Stefan Blaser will künftig noch mehr Schweizern die Teilnahme an den heimischen Rundfahrten ermöglichen. Bild: Keystone

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Stefan Blaser ist von weitem zu sehen, wie er vor dem Hauptsitz der Firma Roth steht. Kein Wunder, bei 1,98 m Körpergrösse, welche hilfreich waren, als er einst für Wacker Thun und den BSV Bern in der Handball-NLA als Rückraumspieler agierte. Heute ist der 55-Jährige Haupteigentümer der Firma Roth, einem KMU auf Expansionskurs. Im letzten Halbjahr übernahm man fünf Firmen, der Personalbestand verdoppelte sich auf 400. Entsprechend kompliziert ist es, mit Blaser einen Termin zu finden.

Auch an diesem Tag ist sein Zeitfenster klein, er muss nachher gleich weiter, zum Swiss Economic Forum. Doch um Geschäftszahlen geht es für einmal nicht, sondern um Radsport. Blasers Unternehmen ist Hauptsponsor beim gleichnamigen Team Roth, welches im Frühling die Tour de Romandie bestritten hat und nun bei der Tour de Suisse mitfährt. Blaser ist nicht der typische Teambesitzer. Ende April sucht man ihn an der Tour de Romandie vergebens, beim zu dem Zeitpunkt wichtigsten Auftritt seiner Equipe. Er sieht seine Fahrer nur einmal, auf der zweiten Etappe, vom Strassenrand aus. «Ich esse heute in Sorens vor dem Bergpreis zu Mittag, Restaurant Union», meldet er per SMS, das gemeinsame Essen kommt aber nicht zustande.

An der Tour de Suisse wird es ebenfalls schwierig, nur am Montagmittag am Start in Grosswangen ist er präsent, danach ruft wieder das Geschäft. Darum also in der Woche vor der Rundfahrt, in Gerlafingen, direkt an der Autobahnausfahrt gelegen.

Notbremse Anfang Jahr

Mit «Stefan» stellt er sich vor, ganz der Ex-Sportler. Er ist eine begeisterungsfähige Person, engagiert sich im Handball – natürlich – «und im Nachwuchs in vielen weiteren Sportarten».

Dazu gehört auch der Radsport. Blaser rutschte in dieses Engagement hinein, fing dann Feuer. «Man sieht die jungen Schweizer, sieht ihre Begeisterung, dass man etwas machen kann; das Herzblut, wie alle Leute Tag und Nacht arbeiten.»

Er wurde von Roberto Marchetti rekrutiert, einer ziemlich windigen Figur im Schweizer Radsport. Marchetti war und ist immer noch Autoverkäufer, er hat die Gabe, Leute zu überzeugen, zu begeistern. Er hat aber auch den Hang, oder etwas weniger schmeichelhaft formuliert, das Talent zum krummen Geschäft. Eine Weile lang ging es gut mit Hauptsponsor Blaser und Teamchef Marchetti. Anfang Jahr zog der Geldgeber dann die Notbremse, Marchetti wurde abgesetzt. «Ich kannte seinen Leumund. Aber ich hatte ihn bis Anfang Herbst im Griff», sagt Blaser. Dann war er durch den Tod eines seiner Geschäftsführer noch stärker gefordert in der Firma, Marchetti entglitt ihm.

«Das war Geldwäscherei»

Als er das realisierte, war der Schaden bereits angerichtet. Verträge zu sehr schlechten Konditionen, Investitionen, die angesichts des knappen Teambudgets überrissen waren. Ein Teambus etwa, so gross wie jener der Worldtour-Equipen. Dazu ein Co-Sponsor, der die Hälfte des Budgets finanziert hätte – ehe Blaser bei genauerer Prüfung den Vertrag auflöste: «Wenn es um Bargeldübergaben in Italien geht, wird es kriminell. Das war Geldwäscherei. Das ging nicht», sagt er. Kurzerhand musste die bereits produzierte Teambekleidung ersetzt werden. Auf den offiziellen Teamfotos schauen die Fahrer mit verschränkten Armen in die Kamera, nicht weil ihnen bei den Aufnahmen kalt war, sondern weil sich so der unerwünschte Sponsor verdecken liess.

Auch wegen des Co-Sponsors hatte sich das Team zum Aufstieg in die Pro-Continental-Stufe entschieden, der zweithöchsten im Radsport. «Als Unternehmer hätte man das nicht machen, sondern es gut vorbereiten und noch ein Jahr warten sollen. Andererseits würden wir sonst nicht an der Tour de Suisse fahren», sagt Blaser. So ist er es persönlich, der für das Budget geradesteht, zusätzlich zum Sponsoringbeitrag seines Unternehmens.

Von seinem Rad-Engagement ist Blaser trotz diesen Erfahrungen weiter überzeugt. Die Emotionalität des Sports, die Nähe, das Herzblut haben ihn überzeugt. «Ich hatte schon viele gute Kontakte dadurch. Und wenn ich einen Kunden einlade, der beim Frühstück die Fahrer sieht und dann am Abend nach dem Rennen wieder, diese Emotionen, dann gibt das eine viel intensivere Bindung. Es fägt. Und natürlich ist es schön, wenn sie gute Resultate erzielen.»

Davon gab es zuletzt mehrere. Am GP Gippingen schaute im Sprint Rang 2 heraus, auf der zweiten Etappe erkämpfte sich ein Roth-Fahrer das Bergtrikot. Nur für einen Tag zwar. Aber das ist für ein Team, für dessen Betrieb neben den Sachleistungen der Sponsoren rund eineinhalb Millionen Franken flüssige Mittel nötig sind, bereits ein Coup.

Das Team Roth hat aber auch nicht vor, in Bälde die Tour de Suisse zu gewinnen. Blaser will den Radnachwuchs fördern, unterstützt neben den Profis auch acht hoffnungsvolle Junioren. Den Profis zahlt er bis auf zwei Ausnahmen das von der UCI vorgeschriebene Mindestgehalt (30 000 Euro im Angestelltenverhältnis). Und die sind zufrieden damit, dankbar für die Chance. Tour-Direktor Olivier Senn gab an einem Teamevent von Roth bekannt, dass es die Wildcard bekommt. Die Fahrer brachen ob der überraschenden Nachricht in Jubel aus, einige weinten vor Freude. «Die Tour de Suisse, das ist ein Bubentraum, den wir vier Fahrern ermöglichen konnten», sagt Blaser. Solche Chancen will er kommende Saison noch weiteren geben, den Anteil einheimischer Fahrer von 9 auf 14, 15 erhöhen. Derzeit sind ihre Plätze noch von zahlreichen Italienern besetzt, welche ihre Verträge nicht aufgrund ihres Leistungsausweises erhalten haben, sondern wegen Deals von Marchetti.

Co-Sponsor dringend nötig

Für 2017 braucht Blaser aber einen Co-Sponsor. In den kommenden zwei Monaten will er diesen finden, etwas mehr als eine halbe Million Franken müsste dieser beisteuern. Blaser spricht mit Interessenten, «aber das ist ein langer Prozess». Immerhin hat er gute Argumente: Die beiden Schweizer Rundfahrten lechzen geradezu nach einheimischen Fahrern, entsprechend sind die Wildcards für diese Rennen quasi garantiert.

Mit dem Ende von IAM Cycling wäre das Team Roth 2017 zudem die einzige helvetische Profiequipe. «Das gäbe eine enorme Werbewirkung», sagt Blaser. Und wenn doch niemand mitinvestiert? «Dann müssten wir wohl ein Jahr auf die Continental-Stufe zurückgehen. Das fände ich sehr schade.» Aber es wäre nicht das Ende. Fünf Jahre wolle er das Team mindestens unterstützen, hatte er einst festgehalten. 2016 ist Jahr 1.

Erstellt: 14.06.2016, 10:40 Uhr

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