«Es ist 100 Mal schlimmer geworden»

Grégory Rast beschreibt nach dem Sturz seines Teamkollegen Fabian Cancellara, wie rücksichtslos im Feld um Positionen gekämpft wird.

Mit BMC im Feld – und auf dem Asphalt. (Quelle: BMCProTeam/YouTube)


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Die erste Tour-Woche ist geprägt von Flachetappen, Gedränge und damit vielen Stürzen. Welches sind die sichersten Plätze im Feld?
Entweder ganz vorne oder ganz hinten. Wobei letzteres härter ist, wegen der ­Gefahr, abgehängt zu werden. Am heikelsten ist es sicher um die Positionen 30 bis 40 herum.

Wie weit hat es mit Glück zu tun, dass man nicht stürzt?
Es gibt Fahrer, die mehrmals an einem Tag am Boden liegen. Ich las kürzlich von einem, dem in einer Saison drei Mal das Schlüsselbein brach. Da frage ich mich: Ist das Pech, oder kann der nicht Velofahren? Von denen gibt es viele.

Sie gehören nicht zu diesen.
Ich ging als Junger durch die Radquerschule, habe deshalb immer einen Plan B. Die meisten gehen, wenn es vor ihnen einen Crash gibt, voll in die Eisen. Ich schaue immer, ob ich ausweichen kann. So hast du auch bei einem grossen Sturz eine 50:50-Chance. Wie etwa auf der Pavé-Etappe, als es mir das Vorderrad ausgespeicht hat. Irgendwie blieb ich da im Sattel, manch anderer wäre gestürzt.

Ausgespeicht?
Ja, etwa die Hälfte der Speichen war weg. Vor mir fuhr Peter Sagan und machte einen grossen Schwenker. Der Schnellspanner seines Hinterrads kam in mein Vorderrad. Das war bei mir schon das zweite Mal an dieser Tour.

Gibt es immer einen Ausweg?
Nun, wenn dich eine Windkante (ein starker Seitenwind, die Red.) erwischt, dann kannst du nichts mehr machen, fährst voll rein.

Ist es so, dass das Sturzrisiko am Rande des Pelotons kleiner ist, der Kraftaufwand dafür grösser?
In der Mitte ist die Gefahr gross, dass es dich reinzieht. Wir fahren mit Trek meist am Rand. Da kannst du dich bewegen.

Immer wieder sieht man leere Bidons, die achtlos weggeworfen werden und zurück auf die Strasse springen. Wie gefährlich sind die?
In solchen Situationen weiss ich nicht, was da los ist im Feld. Haben die das nie gelernt, waren nie in der Schule? Wenn ich einen Bidon in Richtung eines 45-Grad-Hangs werfe, ist es doch logisch, dass dieser zurückprallt. Kürzlich an der Tour de Suisse stauchte ich einen zusammen, der direkt vor mir seinen Bidon so fortwarf. Er landete direkt in meinem Vorderrad.

Wie steht es mit den Hindernissen auf der Strasse, Verkehrsteilern etwa?
Man muss den Kopf immer oben haben. Wir diskutierten gerade kürzlich im Teambus darüber: Heute schaut jeder für sich, niemand zeigt seinem Hintermann mehr an, wenn ein Hindernis kommt. Die erste Woche an der Tour war schon immer ein Kampf. Aber es ist wirklich extrem geworden. Es gibt viele Fahrer, die sich um alles foutieren. Kürzlich drängte Leopold König von Sky vor mir rein, weil sein Teamkollege Geraint Thomas aus­geschert hatte. «Das kannst du nicht machen, da musst du bremsen», sagte ich ihm. «In diesem Feld bremst niemand», gab er mir zurück. Genau das ist das ­Problem. Aufwand und Ertrag stehen in keinem Verhältnis. Im besten Fall gewinnst du zwei Positionen im Feld. Im schlechtesten liegst du am Boden. Aber es ist die Tour. Alle sportlichen Leiter schreien in die Funkgeräte, fordern ihre Fahrer auf, ganz vorne zu fahren.

Aber Grundregeln werden noch eingehalten?
Nicht einmal das. Am Montag, als wir mit Fabian Cancellara den Leader stellten, wollten wir ihn an die Spitze bringen, riefen «Service!» – das wurde von Sky total missachtet. Das ist immer noch ein Velorennen. Viele nehmen das zu ernst.

«Service!» ist das Kommando für den Gesamtführenden?
Nein, du rufst «Service!», wenn du eine Funktion hast, etwa Bidons vom Teamauto nach vorne bringst oder Regen­jacken. Oder eben den Leader. Sonst ruft man das nicht.

Wie Sie schon sagten: Im Peloton gibt es Sturzpiloten. Wessen ­Hinterrad meiden Sie?
Es gibt schon einige, aber es hilft dir auch nicht viel, sie zu kennen. Weil du im Feld letztlich da fährst, wo du eben fährst. Besser passe ich auf, wenn es eine Windkante gibt, und ich hinter ­einem bin, von dem ich weiss, dass er abreissen lassen könnte.

Sie fahren die Tour de France seit bald zehn Jahren. Wie hat sich die Dynamik im Peloton verändert?
Im Vergleich zu meiner ersten Tour 2007 ist es 100 Mal schlimmer geworden. Sky, Astana, Tinkoff und Movistar wollen immer geschlossen vorne fahren. Valverde von Movistar glaubt, die zweite Position gehöre ihm.

Wie viele Fahrer, die das so nüchtern anschauen wie Sie, gibt es noch?
Nicht allzu viele. An Tagen wie auf der Pavé-Etappe kämpfe auch ich. Aber dann fahren wir in Namur zur Citadelle hoch, ich am Rand, es hatte keinen Platz – und dann drückt mit Jean-Christophe Péraud einer vor mir rein, der aufs Gesamte fährt. Wofür, bei Kilometer 50?

Liegt die Aggressivität auch an den sportlichen Leitern und ihren ­Funksprüchen?
Nein. Es liegt am Parcours. Wir würden auch ohne Funk so fahren, wissen ja alle, bei welchem Kilometer wir vorne sein müssen. Und klar hat jedes Team den Ehrgeiz, seinen Leader vorne reinzubringen.

Besonders in einer Etappe wie jener mit den Pavé-Sektoren.
Ich bin wirklich kein Fan davon. Es hat einfach zu viele Fahrer, die keine Ahnung davon haben. Schauen Sie auf die, die Zeit verloren haben: Keiner wurde abgehängt, die hatten einfach Pech, stürzten oder erlitten einen Defekt. Darf ich noch etwas anfügen?

Na klar.
Was mir aufgefallen ist in diesen Tagen: Wie BMC fährt. Früher fuhren sie tagelang sinnlos vorne. Nun tauchen sie erst da auf, wenn es los geht. Sie fuhren bislang am cleversten von allen.

Zum Schluss: Wie ist die Stimmung bei Trek, nach dem Aus von Fabian Cancellara?
Er fehlt. So ein Solo wie Tony Martin am Dienstag, das hätte er ebenso machen ­können. Er fehlt auch in den nun folgenden Etappen. Vor ihm hat man Respekt im Feld.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.07.2015, 22:25 Uhr

Grégory Rast

Gregory Rast


Der 35-jährige Zuger ist seit 2012 der wichtigste Helfer von Fabian Cancellara. Wie dieser ist Rast ein Pavé-Spezialist, mit einem vierten Platz bei Paris–Roubaix als Bestleitung.

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