Froomes 446 Watt erregen grossen Argwohn

Tour-de-France-Leader Christopher Froome erreicht Leistungswerte wie einst die Dopingsünder Lance Armstrong und Jan Ullrich. «Pseudowissenschaft», schimpft sein Team die heisse Debatte.

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446 Watt – dieser Wert ist im Radsportzirkus derzeit in aller Munde. Christopher Froome, der designierte Sieger der Tour de France 2013, trat ihn am Samstag auf der achten Etappe im Aufstieg nach Ax-3-Domaines in die Pedale und erregte damit den Argwohn des französischen Sportwissenschaftlers Antoine Vayer. Der ehemalige Festina-Teamarzt erklärte gegenüber der Zeitung «Le Monde», Froome habe nur zwei Watt weniger erreicht als die «wie Maultiere geladenen» Dopingsünder Lance Armstrong und Jan Ullrich vor zehn Jahren auf der gleichen Strecke.

«Ab 410 Watt ist eine Leistung verdächtig, ab 430 Watt mirakulös, und ab 450 Watt haben wir es mit einem Mutanten zu tun. Chris Froome hätte Ullrich und Armstrong auf jeden Fall folgen und sie vielleicht sogar schlagen können», erläuterte Vayer. Er sieht die Watt-Zahlen als sichersten Referenzwert an, wenn es darum geht, zu beurteilen, ob ein Fahrer tatsächlich sauber ist. Sky-Manager Dave Brailsford hält nichts von derartigen Zahlenspielereien: «Es gibt nur wenige Leute, die solche Daten wirklich interpretieren und verstehen können. Sie erzeugen aber eine Menge Lärm durch Pseudowissenschaftler.» Sky erklärt die grossen Leistungen seiner Athleten stets mit einer Methode, bei der zunächst grosse Kraftintensitäten trainiert werden, ehe man versucht, dieses Niveau über einen immer längeren Zeitraum zu halten.

«An den Zahlen gibt es nichts zu rütteln»

Der Schweizer Sportarzt Heinz Bühlmann schüttelt ob Brailsfords Aussagen den Kopf. «An den Zahlen gibt es nichts zu rütteln, und sie sind übermenschlich», betont er gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. «Ich verfolge die Tour de France mit grossem Interesse und denke, dass wir zu einem späteren Zeitpunkt mit höchster Wahrscheinlichkeit das eine oder andere Dopinggeständnis haben werden. Vorher nützen alle Indizien nichts, zumal gewisse Substanzen, darunter EPO, praktisch nicht mehr nachweisbar sind, wenn sie richtig gemischt werden. Die Teams sind klüger geworden, es ist längst nicht mehr so, dass der Mechaniker im Hotelzimmer die Fahrer mit Doping versorgt.»

Seit der später des Dopings überführte Däne Michael Rasmussen 2007 der Skistation Tignes regelrecht entgegenflog, gab es an der Frankreich-Rundfahrt keine derart überlegene Vorstellung mehr wie jene Froomes auf der Fahrt Richtung Ax-3-Domaines. Auf einem Sektor von etwas mehr als fünf Kilometern nahm der Brite dem Spanier Alejandro Valverde 1:08 Minuten ab, das sind 13 Sekunden pro Kilometer. Alberto Contador distanzierte er um 21 Sekunden pro Kilometer. «Sehr erstaunlich, zumal wir es hier nicht mit Fahrern zu tun haben, die einen schwachen Tag hatten oder schon von harten Bergetappen zermürbt waren», bemerkt Bühlmann.

Den Mediziner befremdet es auch, dass Froome nach seiner grandiosen Vorstellung in den Bergen auch im gestrigen Zeitfahren beinahe triumphiert hätte. Der Deutsche Tony Martin, zweifacher Weltmeister im Kampf gegen die Uhr, war gerade einmal 12 Sekunden schneller als der Mann im Maillot jaune, obwohl er sich auf das Zeitfahren konzentrieren konnte und sich in den Bergen naturgemäss zurückhielt. Bühlmann: «Diese Leistungskonstanz ist verdächtig, ganz klar.»

Wurmerkrankung und wundersamer Aufstieg

Ein irritierender Punkt in Froomes Biografie ist eine Wurmerkrankung, die er 2010 in Kenia aufgelesen haben soll. Als sie vor zweieinhalb Jahren diagnostiziert wurde, staunten viele, dass Froome trotz dieser Beeinträchtigung überhaupt Rennen fahren konnte. Wenn er die Krankheit, die für eine Verminderung der roten Blutkörperchen sorgt, in den Griff bekomme, könne er auch Tour-Sieger werden, sagten ihm Experten voraus. 2012 beendete Froome die grosse Schleife durch Frankreich auf Platz 2 und wurde den Vorschusslorbeeren gerecht. Der Schönheitsfehler am Märchen: Vor der Erkrankung waren die Leistungen des neuen Stars durchaus nicht überirdisch, die Genesung allein taugt nicht als Erklärung für den Aufstieg.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.07.2013, 13:40 Uhr

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