Gemeinsam pinkeln an der Tour de Suisse

Steve Morabito soll Frankreichs grösster Hoffnung, Thibaut Pinot, helfen, in neue Sphären vorzudringen.

Auf Bsetzisteinen die Tremola hinauf: Das Tour-de-Suisse-Feld zu Beginn der gestrigen Etappe. Foto: Tim De Waele (Freshfocus)

Auf Bsetzisteinen die Tremola hinauf: Das Tour-de-Suisse-Feld zu Beginn der gestrigen Etappe. Foto: Tim De Waele (Freshfocus)

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Man machte Witze über die beiden. Über das fast schon siamesische Verhältnis, das BMC-Leader Cadel Evans und sein treuer Helfer Steve Morabito miteinander hatten. Der Walliser schien nie auch nur für eine Sekunde von der Seite des Australiers zu weichen. Das Duo hatte seine Krisen gemeinsam, und wenn Evans pinkelte, pinkelte auch Morabito. Sie bereiteten sich zusammen im Höhentrainingslager auf die grossen Rennen vor, meist auf dem Gemmipass, dem Übergang zwischen Bern und Wallis. Nur etwas störte im Zwillingsbild: das Alter der beiden. Evans ist sechs Jahre älter und trat Anfang Jahr 38-jährig zurück. Was sollte nun aus Morabito werden?

Doch der Walliser hatte sich seine Zukunft gesichert, hatte unter zwischenzeitlich fünf Angeboten auswählen können, in welcher Equipe er seine Karriere fortführen wollte. Der 32-Jährige entschied sich fürs französische Team FDJ, einer der Konstanten im Profiradsport, seit 19 Jahren von der Lotterie Frankreichs alimentiert.

Denn FDJ hat zuletzt seinen etwas biederen Ruf abgelegt, was stark mit Thibaut Pinot verbunden ist. Der 25-jährige Kletterer gilt als möglicher künftiger Tour-Sieger. Vergangenes Jahr schaffte er es schon auf Rang 3 in Paris.

Das dritte und vierte Auge

Morabito soll ein Puzzlestück sein, um den mässigen Techniker Pinot weiterzubringen. «Ich bin sein drittes und viertes Auge», beschreibt er es. Denn: «Bezüglich Watt pro Kilogramm ist Pinot der stärkste Fahrer, mit dem ich je zusammen gefahren bin.» Doch der Franzose verpufft viel Energie, weil er fahrtechnisch Defizite hat, deshalb oft unnötig aufgegangene Löcher schliessen muss. Deshalb bemühte sich Pinot persönlich bei der Teamleitung um ein Engagement von Morabito. Die beiden kennen sich gut, das entscheidende Gespräch führten sie vergangenen August – nachdem sie am gleichen Tag die Vuelta aufgegeben hatten und sich später auf demselben Heimflug wieder trafen.

«Steve kennt alle Fahrer im Feld, was es einfacher macht, sich ganz vorne zu platzieren», sagt Julien Pinot, der Bruder von Thibaut und Sportliche Leiter der Equipe. Für FDJ entschied sich Morabito zudem, weil ihm die Franzosen zugestanden, weiterhin sein Ding zu machen. Höhentrainingslager in der Walliser Heimat etwa. Nur dass ihn jetzt nicht mehr Evans begleitet, sondern die Familie, zuletzt weilte er zwei Wochen im Val d’Anniviers, davor rekognoszierte er mit dem Team zehn Tour-Etappen.

Die gute Form

Das Arrangement scheint zu passen. «Seine Werte sind top», sagt der Sportliche Leiter Pinot über Morabito, während der hofft, noch etwas Steigerungspotenzial zu haben – für den Saisonhöhepunkt Tour de France. Wie gut die Form ist, tönte er als Fünfter im Prolog an. «Dass ich so nahe am Sieg wäre, hätte ich nicht gedacht. Obschon ich mich spezifisch darauf vorbereitet hatte – schliesslich war es die einzige Gelegenheit, einmal auf ­eigene Rechnung zu fahren.»

Denn FDJ hat grössere Ziele: Geht der Plan auf, wird Thibaut Pinot am Sonntag als Gesamtsieger der Tour de Suisse nach Hause reisen. Ob dagegen Morabito sein Topresultat aus dem Vorjahr (Gesamtrang 6) übertreffen kann, ist ­nebensächlich. Präsentiert sich der Walliser weiterhin so stark, dürfte ihm zumindest das rote Trikot der Schweizer-Wertung nicht zu nehmen sein. Viel Wert legt er aber nicht darauf. «Bester Schweizer? Das macht doch keinen Sinn. Sie sollten wieder den besten Jungprofi auszeichnen», findet Morabito, dem einst als solcher an der Tour de Suisse der grösste Erfolg zugefallen war – ein Etappensieg in Leukerbad, 2006.

Damals war der 23-Jährige noch auf der Suche nach seiner Rolle, längst hat er sie gefunden. «Als ‹Capitaine de Route› ist er sehr stark, auch weil er mit vielen grossen Leadern gefahren ist», lobt ihn sein Leader Pinot und erwähnt neben Evans auch Morabitos Ex-Chef ­Alberto Contador. Wer weiss, vielleicht wird dereinst auch Pinots Name in ­dieser Reihe aufgezählt werden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.06.2015, 23:44 Uhr

Steve Morabito.

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