«Ich mache das jetzt auf meine Weise»

Auf dem Höhepunkt wurde Bike-Olympiasiegerin Jenny Rissveds alles zu viel. Sie war depressiv – und ist nun wieder zurück.

Jenny Rissveds ist zurück auf den Bike-Strecken und einfach nur glücklich, «dass Körper und Geist bei mir wieder ­zusammenarbeiten» (Foto: Joakim Rissveds/Team 31)

Jenny Rissveds ist zurück auf den Bike-Strecken und einfach nur glücklich, «dass Körper und Geist bei mir wieder ­zusammenarbeiten» (Foto: Joakim Rissveds/Team 31)

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Der Anruf kommt für Johan Elliot komplett unvermittelt. Es ist Ende September 2016, etwas mehr als einen Monat nach den Olympischen Spielen in Rio. Athletenmanager Elliot hat von diesen einzig die letzten neun Löcher des Golfturniers mitverfolgt, sein Klient Henrik Stenson kämpfte um Gold.

Nun spricht am Telefon eine junge Frau und sagt: «Hallo, hier ist Jenny Rissveds.» Dann pausiert sie, sodass Elliot klar wird, dass der Name ihm etwas sagen sollte. Tut er aber nicht. Sie merkt das, und sagt, noch bevor er am Computer den Namen gegoogelt hat: «Sie wissen nicht, wer ich bin – perfekt.»

Elliot würde da kaum glauben, dass er 2019 über diese Person ­sagen würde, mit Tränen in den Augen: «Sie ist unglaublich, auf jede Weise. Ich mache das jetzt seit 20 Jahren. Aber diese drei Jahre waren die bessere Erfahrung als alles zuvor.»

In Schweden hält nur Ibrahimovic mit ihr mit

Rissveds ist eine 22-jährige Mountainbikerin, die gerade Olympiasiegerin geworden ist. Und die realisiert hat, dass sie Hilfe braucht – von ausserhalb der Bikeszene. ­Elliot fühlt sich überrumpelt. Der Ex-Golfer vertritt Golfer, wie soll er einer Mountainbikerin weiterhelfen? Sie überzeugt ihn, dass sie sich am nächsten Morgen treffen, kurz bevor er an ein Golfturnier reist. Fünf Gesprächsstunden später hat er beinahe seinen Flug verpasst – und eine neue Klientin.

Elliot weiss da noch nicht, ­worauf er sich eingelassen hat. Heute muss er selber über seine damalige Unwissenheit schmunzeln. «Als sie aus Rio heimkehrte, hatte Schweden eine neue Madonna», sagt er über Rissveds’ Status in deren Heimat – sie ist die berühmteste und beliebteste Sportlerin des ­Landes. Unter den Sportlern komme höchstens noch Zlatan Ibrahimovic daran heran, urteilt Elliot.

Rissveds lädt die dringendsten Probleme bei Elliots Team ab, was eine ­Kettenreaktion auslöst. «Sie übernahmen meine äusseren Kämpfe und gaben mir so Zeit und Raum, mich mit mir zu beschäftigen. Da realisierte ich erst, wie müde ich war.»

Der Sieg am Cape Epic

Das teilt sie auch ihrem Teamchef Thomas Frischknecht mit. Dennoch beginnt die Saison 2017 gut: Zusammen mit dem Zürcher Ex-Profi gewinnt sie die Mixed-­Kategorie am Etappenrennen Cape Epic in Südafrika. «Ich nahm an, das sei wohl eine Winterdepression gewesen. Ich hätte nie damit gerechnet, dass sich das so auswachsen würde», sagt Frischknecht.

Er täuscht sich. In der Folge kann sich Rissveds kaum mehr dazu aufraffen, Rennen zu fahren. Im Frühjahr sterben zudem innert kurzer Zeit ihre Grossväter. Sie lässt die ersten vier Weltcuprennen aus, bei den übrigen zwei ist sie ein Schatten der Olympiasiegerin, wird abgeschlagen 30. und 39.

Nur ein Jahr nachdem sie innert sechs Wochen ihr erstes Weltcuprennen (in Lenzerheide) und Olympiagold gewonnen hat, ist ihr ­Leben komplett aus der Bahn geraten. Sie kommuniziert dies ungewohnt ­offen, thematisiert ihre Depression, später auch ihre Essstörung.

Die Reaktionen, die sie darauf erhält, überraschen sie: «Viele Spitzensportler kamen auf mich zu. Es gibt zahlreiche, die mit ähnlichen Problemen kämpfen. Darüber zu sprechen, hilft. Zugleich ist das die grösste Hürde: Zuzugeben, dass es dir nicht gut geht. Das macht es so unglaublich schwer, es zu ändern.»

«Ihr nicht helfen zu können war schlimm»

Trotzdem wird ihre Situation noch schlimmer. Nach der Saison 2017 kann sie sich sechs Monaten lang gerade noch zu einem täglichen Spaziergang aufraffen. Ansonsten verbringt sie die Tage im Bett, stellt sich existenzielle Fragen.

In der Zeit bricht auch der Kontakt zu Teamchef Frischknecht, bei dem sie nach wie vor unter Vertrag steht, nahezu ab. Er reist mit seiner Frau nach Schweden. «Der Winter dort ist nichts für dich, wenn es dir nicht gut geht. Es ist nass, kalt, und nur drei Stunden pro Tag hell», sagt er. Sie diskutieren mögliche Varianten der weiteren Zusammenarbeit – aber auch eine Vertragsauflösung.

Nach kurzer Bedenkzeit entscheidet sich Rissveds für die letzte Option. Sie schreibt danach: «Danke für die Reise. Es waren ein paar unglaubliche Jahre meines Lebens. Alles ging so schnell. Von ohne Erfahrung zu Weltcupsiegen zum WM-Titel zum Olympiasieg. Doch in Kombination mit einigen Umständen und zu viel Druck ging ich mir dabei verloren.» Frischknecht sagt: «Es war schlimm: Ihr nicht helfen zu können.»

«Es soll nicht um mich gehen»

Johan Elliot begleitet Rissveds beim Ablösungsprozess aus ihrem bisherigen Leben, bis auf zwei werden alle Sponsorenverträge aufgekündigt. In der Zeit verordnet sie, die ihr Leben sehr offen teilt, sich auch Auszeiten von den sozialen Medien. «Es gibt mehrere Studien, die zeigen, welch negativen Stress diese auf das Leben der Menschen haben können. Jetzt teile ich meine Zeit auf diesen sehr bewusst ein», sagt Rissveds.

Im Mai 2018 beginnt sie wieder zu trainieren. Jenen Moment beschreibt sie rückblickend so: «Nicht die Goldmedaille verursachte Schmetterlinge in mir, sondern die Tatsache, dass Körper und Geist wieder zusammenarbeiteten.»

Ihr ist zwar klar, dass der Bikesport immer noch ihr Ding ist. Aber auch, dass sie ihn nicht mehr so ­ ­betreiben will wie bisher, nur schon, um einen Rückfall vorzubeugen. «Sie sagte: ‹Es soll nicht um mich gehen›», so Elliot. Da erinnert sich sein Geschäftspartner an ein Konzept, dass die Agentur bereits 2012 verfasst hatte: Team 31.

«Das ist eine neue Dimension»

Die Zahl steht für Artikel 31 der UNO-Kinderrechtskonvention. Es geht darin um das Recht des Kindes auf Ruhe und Freizeit, auf Spiel und altersgemässe aktive Erholung. Es ist genau die Art höheren Zieles, für die sich Rissveds augenblicklich begeistert. «Ich mache das jetzt auf meine Weise. Und mit der Möglichkeit, die nächste Generation unterstützen zu können. Zu realisieren, dass ich, wenn ich mich eine Minute mit einem Kind abgebe, damit seine Perspektive verändern kann, das ist definitiv eine neue Dimension.»

Das mag etwas pathetisch klingen, doch Rissveds und Elliot sind von dieser Tragweite überzeugt. Er sagt: «Ich glaube, sie wird Berge versetzen. Und das Team 31 einen neuen Standard definieren.»

Der Manager ist sich zugleich sehr bewusst, dass dieses Projekt auch wirtschaftlich Potenzial hat: «Diese Saison finanzieren wir ­selber. Aber die Reaktionen aus der Wirtschaft sind grossartig. ­Jedes Unternehmen will heute ­seine soziale Seite betonen.»

Sie will ihre Zeit mit Kindern verbringen, nicht mit Sponsoren

Dafür lässt sich Rissveds gerne einspannen: Ihr Trikot ist praktisch frei von Sponsorenlogos, ­dafür prangt die 31 gross darauf. Entsprechend will sie ihre Zeit abseits von Training und Rennen einsetzen. Nicht für Sponsoren- und Kundenanlässe. Sondern für Aktivitäten mit Kindern, ob auf dem Mountainbike, beim Fussball oder Yoga.

Um weiter an Publizität zu gewinnen, braucht das Projekt aber auch den sportlichen Erfolg. Und dieser kehrt ebenfalls zurück. Ihre Weltcupränge seit dem Comeback: 33, 5, 9, 3. Frischknecht sagt: «Ich sehe sie jetzt bei 95 Prozent. Wenn sie wieder die 100 erreicht, gewinnt sie.»

Über die Rückkehr freut sich die ganze Bike-Szene, selbst die Konkurrentinnen. Das fällt niemandem mehr auf als Rissveds ­selber. Ihrem Manager erzählt sie: «Das ist lustig: Jetzt umarmen sie mich im Ziel.»

Auch heute in Lenzerheide? Beim Short-Track-Race am Freitag wurde sie Dritte – ihr Bestresultat. Im Cross-Country-Rennen fährt sie erstmals wieder auf der Strecke, auf der sie vor drei Jahren ihren ersten und einzigen Weltcupsieg holte.



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Erstellt: 11.08.2019, 08:31 Uhr

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