«Ich muss mir die Freude am Radfahren erhalten»

Nach der verpatzten WM hat Fabian Cancellara für die kommende Saison neuen Esprit gefunden: Er will die Rennen geniessen.

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Fabian Cancellara ist bester Laune. Die freien Wochen nach der WM Ende September in Ponferrada (Sp) haben ihm ­offensichtlich gutgetan. Gesprächig ist der Berner ja meist, wenn er ein Mikrofon vor sich hat. Aber nicht immer in­spiriert, auch Substanzielles von sich zu geben. Nur ganz beiläufig erwähnt er im Gespräch das ungewollte Rencontre, das er auf einer Mountainbike-Ausfahrt mit einem Baum hatte. Der Sturz verhinderte die Teilnahme an ­einem Renn­kriterium in Japan Mitte ­Oktober. «Ich will daraus keine grosse ­Geschichte machen», sagt er, «solche Dinge passieren halt, wenn man nach der Saisonpause wieder anfängt.» Diese ­Woche beginnt für ihn ­offiziell die Saison 2015. Für ­Materialtests hinsichtlich der nächsten Frühjahrs­klassiker fliegt er nach Belgien und anschliessend weiter nach Spanien für zwei Wochen ins Teamtrainingscamp in Calpe.

Wie geht es Ihnen, zehn Wochen nach der WM-Niederlage?
Ich bin gesund, kann mich im Moment gar nicht beklagen. Ich war nun länger zu Hause, daran könnte ich mich fast ­gewöhnen. Endlich konnte ich Dinge ­erledigen, die liegen bleiben, wenn man monatelang weg ist, wie das bei mir der Fall war, eigentlich seit der Tour de France im Juli.

Krämpfe zerstörten Ihren Traum vom WM-Titel. Gab es eine ­Nachbesprechung des Rennens, eine Analyse?
Ich werweisse noch immer ein wenig, wie es so weit kam. Ein Debriefing gab es noch nicht. Klar stehe ich in Kontakt mit Luca (Guercilena, dem Trek-Teammanager und Schweizer Nationalcoach). Aber das ist nicht etwas, was ich am Telefon besprechen mag. Es war für mich eine Seltenheit, dass der Körper einfach abstellte – obwohl die Form stimmte. Ich sehe im Moment nirgendwo einen Fehler, der das verursacht haben könnte. Einzig das Wetter hätte ein Faktor sein können, mit dem Regen, der kam und ging. Vielleicht auch die ganze Saison, daraus will ich kein Geheimnis machen: Es war das erste Jahr des neuen Trek-Teams, es war vielleicht auch nicht das Jahr, in dem mir alles aufging.

Obwohl Sie im Frühjahr die Flandern-Rundfahrt gewannen?
Ich fuhr viele Rennen nicht zu Ende, kleine Dinge stimmten nicht. Vielleicht hat das an einer WM einen Einfluss. Das, was Kwiatkowski machte, so eine Aktion, hatte ich schon lange im Kopf. Das war kein Wunder der Natur, so etwas ist ­einfach möglich, wenn nicht alle auf dich schauen.

Der Pole fuhr nach einer frechen Attacke zum WM-Titel. So hätte man das sich auch von Ihnen vorstellen können.
Ja, sicher. Mit der Verfassung, die ich hatte, wenn wir zuletzt nur noch eine Gruppe von acht, neun Fahrer gewesen wären, hätte es aufgehen können. Meine Helfer, Michael Albasini und Danilo Wyss, lieferten 110 Prozent – und ich versagte einfach. Kürzlich traf ich Ex-Profi Niki Aebersold. Der sagte zu mir: «Mit dem, was du alles schon erreicht hast, kannst du an einer WM nur verlieren. Das kann auch eine Blockade sein.» Aber daran werde ich gemessen, messe auch ich mich. Darum muss ich mir für kommende Saison die Freude am Radfahren erhalten. Ich darf nicht nur denken: die Frühjahrsklassiker, dann die WM. Ich will es geniessen.

Gelang Ihnen das zuletzt nicht mehr?
Die vergangenen vier Jahre sind sehr ­intensiv gewesen. Es war immer etwas, seit ich das Team von Bjarne Riis ver­lassen habe. Die kommende Saison ist die erste, in der wir nicht den Team­manager oder den Sponsor gewechselt haben, die Leute grösstenteils die gleichen geblieben sind. Das könnte ein wichtiger Faktor sein.

Waren Sie froh, dass die Saison direkt nach der WM zu Ende war?
Ich hatte sicher eine Woche lang Mühe. Das war für die Familie nicht lustig. Wir wollten Ferien machen, aber ich hatte den Kopf irgendwo. Ich merkte das zwar, aber konnte nichts dagegen tun. Du würdest gerne lachen, geniessen, kannst aber nicht. Das hatte ich schon mehrfach nach der Saison. Nur war die Zeit wegen der Schulferien dieses Mal halt kurz. Ich genoss dafür den Luxus, einmal über längere Zeit im eigenen Bett zu schlafen, richtig in einen Rhythmus reinzukommen. Letztlich gab mir das zehnmal mehr, als wenn wir noch ­rumgereist wären.

So hatten Sie Zeit, ausgiebig die Sauna zu benützen und die drei dort ausgestellten Roubaix-­Siegersteine zu begutachten . . .
. . . wobei das Wetter ja nicht unbedingt zum Saunabesuch einlud (lacht). Aber ich ging doch. Auch sonst lebte ich das normale Leben. Am Morgen Brot holen, mit der Familie einkaufen gehen . . .

. . . Alltag . . .
. . . purer Alltag. Beim Hausaufgaben­lösen helfen, am Abend Geschichten vorlesen. In dieser Art, von Montag bis Freitag. Langweilig war es mir nicht, im Gegenteil. Ich war fast glücklicher, dass ich die Zeit so geniessen konnte. So kann ich, wenn die Saison losgeht, auch mit einem guten Gewissen unterwegs sein.

Kein Wunder wirken Sie so ­entspannt.
Die Velopause war kürzer als auch schon. Es reizte mich, mit dem Bike oder dem Rennvelo eine Runde zu drehen. Letztlich mache ich es einfach gern. Mal ein, zwei Stunden etwas Luft schnappen. Bei Verhältnissen wie zuletzt waren das ja Gratistrainings. Ich wäre blöd gewesen, wenn ich nicht raus wäre. Es ist schön, um die Jahreszeit mal nicht im Rückstand auf den Trainingsplan zu sein.

Eine letzte WM-Frage: Wie fühlt es sich an, nur noch eine echte Chance auf den Titel zu haben, im nächsten Jahr im amerikanischen Richmond? 2016 in Ihrer wohl letzten ­Profi­saison finden die Titelkämpfe in Katar statt, da wird es eine praktisch flache Strecke geben, die Ihnen ­nicht entgegenkommt.
Direkt nach dem WM-Rennen hätte ich mir darüber vielleicht Gedanken gemacht. Zum jetzigen Zeitpunkt ist mir das jedoch egal. Die WM ist nicht das einzige Rennen im Jahr, es gibt noch 100 andere. Ich will einfach die mir bleibende Zeit geniessen, die Kraft ausschöpfen, die ich noch habe. Geniessen ist das Wichtigste. Dann hast du auch mehr Freude. So wie die Jungen: Nicht viel denken, sondern nur machen, ­fahren. Dann kommt es ja auch gut. Das sollte doch ebenso in meinem Alter noch möglich sein.

Gibt es Bereiche, in denen Sie mit Ihren 33 Jahren noch Verbesserungspotenzial orten – oder geht es nun primär darum, das Niveau zu ­halten?
Letzteres ist sicher wichtig. Ich sehe aber schon noch Dinge, die ich falsch ­angegangen bin oder umgesetzt habe.

Konkreter?
Konkreter will ich das nicht sagen. Das ist meine Geheimwaffe.

Kann man sagen: Sie müssen mehr auf die Details achten, weil die rohe Kraft schwindet?
Die Jungen kommen näher, das ist so. Deshalb muss ich jedem Detail Beachtung schenken – dem Material, den Rennfahrern, wie ich als Leader auf-trete – und auf meine Gesundheit ­achten. Ich will auch mal bei einem ­kleineren Rennen etwas probieren, dem Team ­zeigen, dass es mir nicht nur um die Klassiker und die WM geht.

Sie erwähnten andere, neue Ziele. Vermissen Sie die regelmässigen Siege, seit Sie sich nicht mehr auf die Zeitfahren konzentrieren?
Ich bin nun mal kein Sprinter, der regelmässig jubeln kann. Wenn ich in einem Strassenrennen auftrumpfen will, muss ich relativ gut «zwäg» sein. Es kann sein, dass ich künftig ein-, zweimal öfter in ­einer Fluchtgruppe anzutreffen sein werde, wer weiss. Es geht manchmal auch ums Mentale, Velofahren ist mehr als nur «tschaupe». Die Beine brauchen nicht wahnsinnig viel Erholung, aber den Kopf muss man bei der Sache haben, der muss erholt sein, alles in Balance.

Über den Stundenweltrekord ­müssen wir auch noch sprechen.
(stösst laut Luft aus) Der Stunden­weltrekord . . . Durch die Regeländerung der UCI, dass nun modernste Bahnvelos zugelassen sind, habe ich etwas die ­Motivation an dem Projekt verloren.

Sie hatte der direkte Vergleich mit Eddy Merckx gereizt, auf derselben Bahn in Mexiko City.
Klar, und der ist noch heute in meinem Kopf, da bin ich ehrlich. Nun aber müsste ich gegen den neuen Rekord­halter Matthias Brändle fahren. Das ist schon eine andere Motivation als gegen eine Legende wie Merckx.

Gibt es eine Chance, dass Sie es 2015 doch versuchen werden?
Dazu kann ich keine Antwort ­geben.

Vielleicht nach den Klassikern?
Möglich. Im Moment demotiviert mich der Gedanke eher, weil es vor allem eine Belastung ist, statt meinen Drive zu  unterstützen.

Erstellt: 02.12.2014, 18:12 Uhr

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