Jammernd und mäkelnd zum Erfolg

Was sind Cancellaras Erfolgsfaktoren? Vor Paris–Roubaix am Sonntag erzählen vier enge Bezugspersonen.

Die Beine sind bereit, und auch das Velo ist exakt vorbereitet: Fabian Cancellara strebt morgen das dritte Flandern-Roubaix-Double an. Foto: EQ Images

Die Beine sind bereit, und auch das Velo ist exakt vorbereitet: Fabian Cancellara strebt morgen das dritte Flandern-Roubaix-Double an. Foto: EQ Images

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Fabian Cancellara würden mit einem neuerlichen Erfolg in Roubaix drei Dinge glücken: die Titelverteidigung, das dritte Flandern-Roubaix-Double, und er schlösse zu Tom Boonen auf, der mit vier Siegen den Rekord hält, zusammen mit Roger de Vlaeminck. Was braucht es für den Sieg bei Roubaix? Wie gibt sich der 33-Jährige in diesen Tagen vor ­seinem grossen Rennen?

Sabine Lüber, Persönliche Masseurin
Was die Beine sagen
Hat jemand einen intimeren Einblick in Cancellaras Gefühlswelt? Kaum. Täglich verbringt Sabine Lüber etwas mehr als eine Stunde mit dem Teamleader, er liegt auf dem Massagetisch, sie bearbeitet seine Muskeln. Diese Wochen bedeuten Mehraufwand für die 39-Jährige. ­Anders als üblich müssen nicht nur die Beine, sondern auch die von den Pflastersteinen durchgerüttelten Arme und Schultern durchgeknetet werden. Auf die Beinmuskulatur haben die Schläge allerdings keinen für sie spürbaren Einfluss. «Sie fühlen sich gleich an, ob nach Mailand–Sanremo oder der Flandern-Rundfahrt.»

Cancellara sei auf dem Massagetisch kein schwieriger Kunde, sagt Lüber, Landsmann Gregory Rast etwa sei da viel heikler. Aber klar: Cancellara reklamiert schon besondere Behandlung, seine Einheit dauert für gewöhnlich länger als die der Teamkollegen. Diese Stunde kann ganz unterschiedlich ablaufen. Es gibt Tage, an denen er durchschläft. An anderen spricht er ohne Punkt und Komma – paradoxerweise vor allem dann, wenn er müde ist. «Und manchmal», sagt Lüber, «organisiert er in der Zeit sein Leben.» Er geniesse die Zeit auch, weil es die raren Momente seien, in denen niemand etwas von ihm verlangen könne. Entsprechend ist das Zimmer während der Behandlung auch Tabuzone für die anderen Teammitglieder. «Fabian braucht die Massage nicht nur für die Beine, sondern auch für den Kopf.»

Wer täglich seine Hände über die Ober- und Unterschenkel eines Siegfahrers streicht, erhält zwangsläufig ein ­Gefühl, in welcher Verfassung diese sich befinden. Ist diese gut, «hat es eine Spannung drin. Wenn nicht, fühlt es sich an, als ob es Wasser drin hätte», ­beschreibt es Lüber und fügt an: «Mein Bauchgefühl bestätigt sich in den Rennen eigentlich immer.» Auch sie hat einen Indikator: «Je mehr er herum­jammert, desto besser kommt es.»

Mit der einen Stunde Massage ist es aber nicht getan für die Deutsche, die seit 14 Jahren die Beine von Radrennfahrern knetet. An Renntagen ist sie für Cancellaras Verpflegung zuständig: beim Frühstück wie im Rennen. Da sind vor langen Renneinsätzen im Ausland auch Grosseinkäufe in der Schweiz ­nötig. Rivella und Thomy Mayonnaise light sind zwei der kulinarischen Marotten, die Cancellara pflegt.

Roger Theel, Mechaniker
Das Auge fürs Gleich-Gleiche
Der Deutsche gehört zu Cancellaras engsten Vertrauten. Mit dem Mechaniker kann der Leader von Trek stundenlang über sein Fahrrad fachsimpeln. Seine wichtigste Forderung an Theel für Paris–Roubaix: dass er ihm drei identische Fahrräder bereitstellt, auf dass er für alle Fälle gewappnet ist. Identisch heisst: wirklich identisch, jeder Millimeter zählt. Also nimmt Theel beispielsweise zehn Sättel des gleichen Modells und vergleicht alle miteinander. Nur jene, die wirklich gleich-gleich sind, werden an Cancellaras Rad montiert. Theel überrascht den Teamleader ­immer wieder mit Speziallackierungen oder anderen besonderen Details an seinem Rad. Seit vorigem Jahr etwa ziert ein Spartacus-Helm Cancellaras Velos. Die Pingeligkeit seines wichtigsten Fahrers ist für Theel ein guter Indikator für dessen Form. «Wenn er stark ist, fragt er dich ­Löcher in den Bauch», sagt Theel.

Gregory Rast, Teamkollege
Gebündelte Roubaix-Routine
Der ein Jahr ältere Zuger ist Cancellaras Schweizer Anker im internationalen Trek-Team. Rast fährt meist dasselbe Rennprogramm wie Cancellara, bei den Classiques ist er einer der wichtigsten Helfer. Heuer hat er aber mit körperlichen Problemen zu kämpfen. Vor der Flandern-Rundfahrt büsste er durch eine Magen-Darm-Grippe viel Kraft ein und musste nach einem Sturz aufgeben. Diese Woche lief die Genesung auch nicht wunschgemäss, weil ihn eine ­Erkältung plagte.

Rast ist gebündelte Roubaix-Routine: Am Sonntag fährt er das Rennen zum zehnten Mal, bislang kam er stets ins Ziel. 2011 erlebte er einen Höhepunkt, allerdings einen bitteren: Mit zwei Konkurrenten sprintete er um die Plätze 2 bis 4. Auf dem Siegerfoto winkten dann die anderen beiden.

Rast liegt Paris–Roubaix, obwohl er das Fahren auf dem Pavé nicht mag. «Früher versuchte ich, wo es nur ging, daneben zu fahren», sagt er. «Mit den Jahren hat sich das geändert, auch durch die verbesserten Velos. Und auf dem Pavé ist die Pannengefahr viel kleiner.» Trotzdem graut es ihm vor der Aufgabe am Sonntag. Weil er um seine eigene Form weiss, weil auch Team­kollegen angeschlagen aus der Flandern-Rundfahrt gekommen sind (Stijn Devolder wurde gestern gar aus dem Aufgebot gestrichen). «Es gibt in dem Rennen ­keinen Respekt unter den ­Fahrern. Und du kannst es nicht kontrollieren», sagt Rast.

Dirk Demol, Sportlicher Leiter
Mit Enthusiasmus
«Fabian, ich mag ihn mehr und mehr», sprudelt es aus Demol. Er wirkt mit ­seinem Enthusiasmus fast wie der grösste Fan, schwärmt von den Fähigkeiten Cancellaras, seiner Kraft, seiner Fahrtechnik: «In meiner Karriere habe ich vielleicht noch zwei Fahrer erlebt, die diesbezüglich ähnlich stark waren wie er: Urs Freuler und Sean Yates. Er fährt die Kurven so sanft, so leicht. Wenn er seine Motivation halten kann, sind noch einige grosse Siege möglich.» Für Sonntag gibt er sich – zumindest vordergründig – entspannt. «Klar wollen wir mehr. Die Vorbereitung lief gut ab, besser als vor einem Jahr, als er in der Woche vor Roubaix zweimal stürzte. ­Zudem riefen damals die Belgier auf zur Koalition gegen Cancellara. Doch es funktionierte nicht.»

Erstellt: 12.04.2014, 07:09 Uhr

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