Leidenschaft fürs Leiden

Es braucht besondere Talente, um beim Kopfsteinklassiker Paris–Roubaix zu reüssieren. Der Berner Radprofi Fabian Cancellara vereint sie alle in sich.

Training in der Hölle des Nordens: Fabian Cancellara (2. v. r.) will heute Historisches schaffen.

Training in der Hölle des Nordens: Fabian Cancellara (2. v. r.) will heute Historisches schaffen. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wenn Fahrer schon nach der Besichtigungsfahrt Blasen an den Händen haben. Wenn Topteams nur für dieses eine Rennen eine komplett neue Infrastruktur herbeischaffen. Wenn Fabian Cancellara der grosse ­Favorit ist: Dann ist Paris–Roubaix. Der Kopfsteinklassiker ist keine Prüfung wie jede andere. Für kein Rennen betreiben die Mannschaften grössere Aufwände. Das hatte zur Folge, dass es in den vergangenen Jahren zu einem veritablen Entwicklungssprung gekommen ist. Mittlerweile sitzen praktisch alle Fahrer auf speziell für diese Anforderungen designten Rädern, die die Schläge etwas dämpfen sollen.

Der Sieg in der Flandern-Rundfahrt hat Ruhe gebracht

Von den Teilnehmern von Paris–Roubaix werden die Verbesserungen geschätzt. Sie ändern aber nichts an der Tatsache, dass ein Fahrer vor allem zwei Fähigkeiten braucht, um auf den 28 Pavé-Abschnitten zu reüssieren: Kraft und enorme Leidensfähigkeit.

Fabian Cancellara ist ein Meister in beiden Bereichen, das hat er in Roubaix oft genug bewiesen. «Du musst sehr, sehr oft in die Pedalen treten, musst viel leiden, musst Schmerz erdauern. Und trotzdem freue ich mich – auch wenn sich das jetzt komisch anhört», sagt der 33-Jährige. Er gibt sich so gelassen wie noch selten vor einem grossen Rennen. Der Sieg bei der Flandern-Rundfahrt hat ihm diese Ruhe gebracht. Das bestätigt auch Teamchef Luca Guercilena: «Wir sind alle etwas entspannter. Auch weil wir nicht mehr hätten machen können.»

Auch Teamchef Demol kennt das Rennen als Sieger

Und da wäre noch ein Trumpf: 196 der 199 Fahrer wissen gar nicht, wie das geht: Paris–Roubaix zu gewinnen. Die Ausnahmen sind Tom Boonen (2005, 2008, 2009, 2012), Johan Vansummeren (2011) und eben Cancellara (2006, 2010, 2013). Überhaupt ist dieses Wissen rar. Bei 110 Austragungen gab es 82 verschiedene Sieger, nur 33 von ihnen leben heute noch. Drei von ihnen haben ebenfalls eine zentrale Rolle im Rennen: Sie pilotieren als Sportliche Leiter die Teamautos.

Auch derjenige von Cancellaras Team Trek gehört zum elitären Kreis: Dirk Demol. Schnell über die Pavé-Abschnitte zu ­fahren, nennt der Belgier eine Qualität, ein Talent, das schon früh erkennbar sei: Es geht darum, fünf Minuten die eigenen Limiten nach oben zu verschieben und so der Konkurrenz zu entschwinden. Es ist das Talent des Zeit­fahrers Cancellara zum Leiden, gepaart mit seinen grossen Steuerkünsten, das ihn zur grossen Figur von Paris–Roubaix werden liess.

Das heisst aber nicht, dass Cancellara ein Masochist wäre, bei weitem nicht. Er sieht die Pflastersteine nicht als seine Komplizen, sondern seine Feinde. Martialisch spricht er vom Krieg, den er gegen diese gewinnen wolle. Gegen die Steine wohlgemerkt, nicht gegen seine Gegner.

Cancellara muss höchst froh sein um die Fähigkeit des menschlichen Gehirns, das schlechte ­Erfahrungen in der Erinnerung verblassen lässt. Sonst kehrte er kaum jedes Jahr zurück zu diesem Rennen. Zu viel Schmerzen hat es ihm schon zugefügt. Physische wie bei seinem Debüt vor elf Jahren, als er die erste Verpflegungszone herbeisehnte, um endlich ins Teamauto einsteigen zu können. Psychische wie im Jahr darauf, als er den Endspurt falsch fuhr und Vierter wurde. «Danach war das nicht Liebe. Aber ich merkte: Da ist etwas», sagt er.

2013 hatte sich Cancellara ins Delirium gefahren

Die grössten Schmerzen fügte er sich selber zu: Im Vorjahr, als er im Finale knapp im Spurt zum dritten Mal siegte. Freude war ­danach nicht seine erste Gefühlsregung. Sondern Erleichterung: Darüber, dass er nun keinen einzigen weiteren Pedaltritt mehr machen musste, derart hatte er sich ins Delirium gefahren.

Cancellara hofft, dass er heute seine Grenzen nicht so weit verschieben muss. Bereit dazu ist er aber. Die Konkurrenz ist stark, vor allem in der Breite sind andere Teams Trek deutlich überlegen. Wenn Boonens Omega-­Pharma-Equipe sich taktisch klüger ­verhält als noch bei der Flandern-Rundfahrt, wird es schwierig für den Schweizer. Nur: ­Paris–Roubaix ist nicht das Rennen für Planspiele. Hinter jedem Pflasterstein, knapp 6 Millionen Stück sollen es laut einer Hochrechnung des Veranstalters sein, lauert eine Gefahr: Ein Sturz, ein Plattfuss zur Unzeit – das Rennen kann überall verloren werden. Oder wie es Cancellara formuliert: «Du brauchst einen guten Tag, viel Glück, und ein Rennen, das in eine Richtung geht, die dir passt.»

Erstellt: 13.04.2014, 00:39 Uhr

Artikel zum Thema

Cancellara muss auf Edelhelfer Devolder verzichten

Rad Stijn Devolder, der wichtigste Helfer von Fabian Cancellara, muss für den Klassiker Paris-Roubaix vom Sonntag Forfait erklären. Er wird durch den Holländer Boy van Poppel ersetzt. Mehr...

Wenn Cancellara ruft, dann kommen seine Fans

Fabian Cancellara, der grosse Sieger der Flandern-Rundfahrt, ist heute an den Tatort zurückgekehrt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Bergungsarbeiten nach Taifun-Katastrophe: Der heftige Wirbelsturm «Hagibis» hinterliess über weite Teile Japans eine Spur der Verwüstung. Die Zahl der Todesopfer ist gemäss eines japanischen Fernsehsenders auf 66 gestiegen. (15. Oktober 2019)
(Bild: Jae C. Hong/AP) Mehr...