Mit Raffinesse zum nächsten Meilenstein

Cancellara holt seinen siebten Monumentssieg, indem er ganz auf seinen Sprint vertraut.

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Alle waren sich einig, Experten wie ­Zuschauer: Ein besseres, weil spannenderes Rennen, nein, das würde nicht mehr möglich sein. Vor einem Jahr bei Paris–Roubaix war das, als Fabian Cancellara den Belgier Sep Vanmarcke in einem epischen Endspurt niederrang. Am Sonntag gelang es den beiden, sich noch zu übertreffen. Der flämische TV-Kommentator, für gewöhnlich nüchtern ­reportierend, japste in der letzten Rennstunde gleich mehrfach nach Luft, so verzückt und aufgeregt war er. Es war das offensichtlichste Zeichen, dass diese 98. Flandern-Rundfahrt ein besonderes Rennen war.

Da fuhren all die Favoriten Stunde für Stunde an der Spitze eines sich immer mehr ausdünnenden Feldes, bis am Ende nur mehr drei Einheimische übrig waren – und Fabian Cancellara. Und ja, am Schluss gewann genau der. Nicht Stijn Vandenbergh, der keine fünf Kilometer von der Ziellinie aufgewachsen ist. Nicht Vanmarcke, der schon wieder neben Cancellara vom Podest winken musste. Nicht Greg van Avermaet, der mit seiner mutigen ­Attacke 31 Kilometer vor dem Ziel für die Initialzündung im Rennen ­gesorgt hatte.

Cancellara hatte die drei im Sprint besiegt. Im Sprint! Eine Premiere für den Berner, zumindest auf dieser Stufe. Dass er eine enorme Beschleunigungsfähigkeit hat, ist kein Geheimnis. Doch bisher liess er sich nur dann auf einen Sprint ein, wenn dies unvermeidlich war. Und dann hatte er stets die Spezialisten gegen sich. Bei Mailand–Sanremo etwa erlebte er das in den vergangenen Jahren mehrfach – ­immer zu seinem Nachteil.

Zuvor den Sprint nie nötig gehabt

Doch ein Endspurt aus einer kleinen Gruppe heraus? Das war etwas Neues für Cancellara: Weil er diese Fähigkeit in seiner Karriere gar nie hatte zeigen müssen. Er holte all seine grossen Siege, vorab jene in den Monumenten, indem er mit seiner immensen Kraft, mit Wucht und Wille ­Rennen und Gegner erdrückte. ­Insofern präsentierte er gestern eine neue Seite: Er gewann mit Raffinesse.

Zwar distanzierte der 33-Jährige, der wegen der Stürze seiner wichtigsten Helfer Devolder, Popowitsch und Rast schon früh isoliert war, mit einer seiner un­widerstehlichen Beschleunigungen am Oude Kwaremont die Mitfavoriten Tom Boonen und Peter Sagan. Aber das reichte nicht. Denn a) konnte ihm Vanmarcke ­folgen (und hätte ihn kurz danach an der letzten Steigung am Paterberg beinahe abgehängt). Und b) fuhren zu dem ­Zeitpunkt die erwähnten Vandenbergh und Van Avermaet ­bereits voraus.

Also vertraute Cancellara voll auf seine neu entdeckten Sprintfähigkeiten. Diesen Frühling war er in Zwiegesprächen mit Vertrauensperson und Teamchef Luca Guercilena zur Einsicht ­gekommen, dass das Peloton deutlich stärker geworden war – was einsame ­Attacken «alla Cancellara» viel schwerer machte. Die Hypothese, dass auch das Alter eine Rolle spielen könnte, blieb am Tag des Triumphs – zu Recht – unerwähnt. «Grosse Athleten überlegen sich ständig, was sie anders machen könnten», sagte Guercilena. Für ihr ­letztes grosses Training war er deshalb nach Bern gereist, um das Begleitmotorrad am Mittwoch bei Cancellaras Fahrt zu pilotieren. Da wie auch in Trainings zuvor setzten sie neue Reize, indem sie sich stärker als sonst auf Sprints ­konzentrierten.

Bislang folgte stets das Double

Cancellaras im Sprint erlangter dritter Sieg bei der Flandern-Rundfahrt war so die bestmögliche Bestätigung ihrer Erkenntnisse. Und zugleich – wenn es die denn noch gebraucht hatte – der end­gültige ­Beweis für seine Klasse in diesen Rennen auf Kopfsteinpflaster.

Die nahe Zukunft präsentiert sich ebenfalls rosig für Cancellara: Seinen ersten beiden Erfolgen in Flandern liess er eine Woche später bei Paris–Roubaix ­jeweils einen weiteren folgen. Dreimal ist dieses Double noch niemandem gelungen. Ein Meilenstein bleibt diese Flandern-Rundfahrt in Cancellaras Karriere aber unabhängig vom Rennausgang nächsten ­Sonntag. Weil er mit dem siebten Monumentssieg mit seinem grossen Rivalen Tom Boonen gleichziehen konnte. Und weil er den jüngeren Herausforderern wieder einmal deutlich zeigte, dass einer nicht nur einen guten, sondern einen aussergewöhnlichen Tag braucht, um ihn auf «seinem» Pflaster zu bezwingen.

Erstellt: 06.04.2014, 23:08 Uhr

«Ich wusste: ‹Du hast nur eine Karte zu spielen›»

Der Sieger wusste selber nicht so recht, wie ihm geschah. Das war neu: Weil sein Erfolg erst auf der Ziellinie feststand, hatte er keine Zeit, diesen für sich zu ­geniessen. Er wusste deshalb nicht so richtig, wie er ihn einschätzen sollte: «Ein unglaublicher Moment, das habe ich noch nie erlebt.» Er betonte deshalb einen ­anderen Fakt: «Ein Sieg ist gross. Aber diesen zu verteidigen . . .» Anders als bei vorherigen Erfolgen verhielt er sich gegen sein Naturell und verzichtete auf Attacken vor dem Ziel: «Ich wusste: ‹Du hast nur eine Karte zu spielen.›»

Damit er diese überhaupt spielen konnte, benötigte er auch Glück: Vorab in der frühen Rennphase gab es enorm viele Stürze, die auch seine Teamkollegen von Trek trafen. Die Stimmung beim Teambus war deshalb unter den Fahrern bittersüss. Stijn Devolder musste dreimal zu Boden und humpelte in den Bus. ­Jaroslaw Popowitsch konnte nach Abklärungen das Spital wieder verlassen. Und auch der Zuger Gregory Rast machte einen angeschlagenen Eindruck. Unter der Woche von einer Magen-Darm-Grippe geschwächt, schaffte er es nach einem Sturz nicht mehr, zurückzukehren, und gab auf, über 100 Kilometer vor dem Ziel. «Letztes Jahr stiegen wir stolz in den Bus, nachdem wir Fabian wie geplant unten an der vorletzten Steigung abgeliefert hatten. Heute fuhren wir nicht annähernd so», sagte er frustriert. «Es hätte nicht viel gefehlt, und Boonens Team hätte uns auseinandergenommen.»

Zuschauerin in Lebensgefahr

Jedoch gab er sich optimistisch, bis Roubaix, wo er Cancellaras wichtigster Helfer ist, wieder zu Kräften zu kommen. Der ­andere Zuger im Feld, Martin Elmiger von IAM Cycling, war da pessimistischer. Er wurde bei einem Massensturz aufgehalten und von einem unaufmerksamen Fahrer über den Haufen gefahren. Ein stark schmerzendes Handgelenk war die Folge, das Röntgen heute wird zeigen, ob Roubaix für ihn ein Ziel sein kann. Gestern gab er sich wenig optimistisch. IAM hatte generell einen Tag zum Vergessen, Sylvain Chavanel war als 19. Bester.

Zu Boden musste auch Flandern­-Debütant Silvan Dillier, der in einen Graben stürzte, das Rennen aber beenden konnte. Es ging ihm dabei besser als vielen anderen Fahrern. An einem bis auf den Start sonnigen Tag beendeten nur ­gerade 102 von 200 Fahrern das Rennen. Die tiefe Quote spricht Bände. Auf den ersten 150 Kilometern ereigneten sich heftige Stürze in kurzer Abfolge. Die Nervosität war enorm hoch, und das hatte zum Teil schwerwiegende Folgen: Der letztjährige Dritte Jurgen Roelandts war ein frühes Opfer. Am schlimmsten traf es Roubaix-Sieger Johan Vansummeren. Er prallte frontal mit einer 65-jährigen ­Zuschauerin zusammen, die das Rennen fahrlässigerweise mitten in der Strasse auf einer Verkehrsinsel stehend verfolgte. Sie wurde mit lebensgefährlichen Verletzungen ins Spital gebracht. (ebi.)

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Interview mit Fabian Cancellara.

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