Mit Schlauheit gegen die Übermacht

Fabian Cancellara hat nur zwei Helfer – dennoch kann er morgen in Ponferrada Weltmeister werden.

«Am Schluss entscheiden allein die Beine»: Fabian Cancellara (l.) hat im Strassenrennen nur Michael Albasini (vorne) und Danilo Wyss (r.) an seiner Seite. Foto: Keystone

«Am Schluss entscheiden allein die Beine»: Fabian Cancellara (l.) hat im Strassenrennen nur Michael Albasini (vorne) und Danilo Wyss (r.) an seiner Seite. Foto: Keystone

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Aufgepasst auf Marokko. Gleich mit fünf Fahrern geht das beste Team Afrikas morgen Sonntag an den Start der Profi-WM über 254,8 Kilometer in Ponferrada. Sie heissen Essaid Abelouache, Tarik Chaoufi, Mohamed Er Rafai, Mouhssine Lahsaini und Abdelatif Saadoune, und sie beherrschten Rennen wie den über 132 Kilometer führenden «Challenge du Prince – Trophée de la Maison Royale» in Rabat, ein 1.2-Rennen im afrikanischen Kalender.

Diesen fünf Marokkanern stehen drei Schweizer gegenüber. Sie heissen Fabian Cancellara, Michael Albasini und Danilo Wyss. Ihre Zurückstufung unter die «Exoten» verdanken sie einem Reglement, das die Globalisierung fördert und ausserdem darauf ausgelegt zu sein scheint, den Schweizern zu schaden. Ein Reglement, in dem die von Mathias Frank in der Tour de Romandie und der Tour de Suisse erkämpften World-Tour-Punkte nicht zählen, weil IAM ein Continental-Pro-Team ist. Und in der auch die von BMC-Fahrern in der Europe Tour erzielten Punkte nicht in die Wertung kommen, weil BMC zur World Tour gehört. So verpasste die Schweiz sowohl in der World Tour als auch in der Europe Tour jenen Rang ganz knapp, der ihnen sechs Startplätze garantiert hätte.

Es ist eine unangenehme Situation für die drei Fahrer und Trainer Luca Guercilena. Ein Dreierteam hat gegen die grossen, mit neun Fahrern antretenden Mannschaften ­keinen taktischen Spielraum, es hat nicht einmal ein eigenes Begleitfahrzeug und entsprechend wenig Platz für Ersatz­räder auf dem Dach des mit einem anderen Zwerg geteilten Wagens. Guercilena wird sich das Rennen wohl an der Box im Fernsehen anschauen und die Fahrer bei jeder Durchfahrt zu informieren versuchen.

Reagieren statt agieren

Funk ist bei der WM nicht erlaubt. Um Instruktionen vom Teamchef zu erhalten, muss sich ein Helfer in die Fahrzeugkolonne zurückfallen lassen. Das kann sich nicht leisten, wer zu dritt ist. Gleiches gilt auch für Defekte oder Stürze. Wenn Cancellara auf einem platten ­Reifen sitzt, ist es möglich, dass er ohne Hilfe wieder zum Feld aufschliessen muss. «Wenn wir in den letzten Runden vorne im Feld fahren, um auf Angriffe reagieren zu können, merken wir möglicherweise nicht, wenn Fabian etwas ­passiert», sagt Michael Albasini.

Das Schweizer Dreierteam muss sich mit der trüben Tatsache abfinden und sich darauf einstellen. Es wird das ­Diktat des Rennens den Italienern, ­Spaniern, Belgiern, Deutschen, Australiern und Franzosen überlassen. Sie müssen das Rennen genau lesen, die Gegner be­obachten. Reagieren statt agieren. Etwa wenn Italiener und Belgier in den letzten drei Runden angreifen, um das Rennen schwer zu machen und einen Sprint zu verhindern. Da werden Albasini und Wyss, die von Guercilena aufgeboten wurden, weil er von ihrer Form nach der Vuelta am meisten überzeugt war, mitsprinten müssen. Albasini umschreibt es so: «Wir müssen alles dafür tun, dass Cancellara im Finale unter besten Voraussetzungen seinen Angriff starten kann.» Darum geht es schliesslich.

Eines seiner letzten grossen ZieleDer Berner hat seit seinem dritten Platz bei Paris–Roubaix im April nur noch dieses Rennen im Kopf. Der WM-Titel auf der Strasse ist eines seiner letzten grossen Ziele. Er hat es mit letzter Konsequenz vorbereitet und deshalb sogar auf das Zeitfahren verzichtet, das ihm wohl auch diesmal eine Medaille, vielleicht sogar noch einmal Gold, gebracht hätte. Hat er mit nur zwei Helfern überhaupt eine Chance? «Am Schluss entscheiden allein die Beine», sagt er. Am Schluss: Das ist nach über 250 Kilometern, wenn alle viel müder sind als in einem gewöhnlichen Rennen. Eine Situation, die er von den Klassikern her kennt.

Vor einem Jahr hatte die Schweiz neun Fahrer am Start. Im Team hatte es Wasserträger, Schutzengel, Tempo­macher, Löcherschliesser und Joker für das Finale. Eine perfekte Ausgangslage. Nach 150 Kilometern hatten vier der Helfer das Rennen nach Stürzen auf der ­nassen Strasse bereits aufgeben müssen. Und als das Rennen auf den letzten beiden Runden wirklich begann, hielt Cancellara nicht mit den Besten mit. Grund dafür waren die steilen Aufstiege, in denen die leichteren Kletterer bevorteilt waren. Die Steigungen im WM-Kurs sind zwar lang und überwinden auf den 18 Runden über 4000 Höhenmeter, doch die Neigung ist so human und das Tempo deshalb so hoch (20 bis 25 km/h), dass der Windschatten eine grössere Rolle spielt als das Gewicht.

Übrigens: Vor einem Jahr wurde Rui Costa Weltmeister, obwohl er nur zwei Helfer hatte und keiner mehr in der letzten Runde bei ihm war. Und: Als Cancellara 2008 in Peking Silber gewann, war er als Einzelkämpfer am Start.

Erstellt: 27.09.2014, 13:17 Uhr

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