Mitten unter den Grössten

Fabian Cancellara gehört endgültig zu den besten Classique-Jägern der Geschichte. Nur sechs Fahrer waren einst noch besser.

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Der Sieger kehrte gestern an den Tatort zurück. Fabian Cancellara fuhr am Tag nach seinem Triumph bei der Flandern-Rundfahrt erneut vom Startort Brügge, wo sein Team das Quartier aufgeschlagen hat, zum Ziel in Oudenaarde. Dieses Mal nahm er aber den Teambus, fast für sich alleine. Er besuchte in Oudenaarde das offizielle Zentrum der Flandern-Rundfahrt, wo sein belgischer Fanclub Gastrecht hat. Wenn sich Cancellara ankündet, dann kommen seine Fans. Geschätzte 300 warteten geduldig, murrten kein bisschen, nachdem er noch eine Viertelstunde Verspätung gemeldet hatte. Denn als er danach jeden einzelnen Anwesenden mit einem Autogramm beglückte, was mehr als eine Stunde in Anspruch nahm, gingen alle zufrieden wieder nach Hause – oder zurück an die Arbeit.

Das Zentrum zeigt derzeit in einer Ausstellung Memorabilien aus Cancellaras Karriere. Mit 33 Jahren im Museum, das passt: Er hat sich – primär mit seinen sieben Siegen bei den Monumenten – schon zu Lebzeiten zur Radlegende gemacht. Deutlich wird das beim Blick auf die Liste jener Fahrer, die mit ihm in der Rangliste der Monumentssieger figurieren. Sieben wie Cancellara hat auch Tom Boonen, der sie im Gegensatz zum Berner aber alle in Pavé-Rennen erreichte. Ebenfalls sieben weist Gino Bartali auf, der diese alle in den italienischen Klassikern sammelte – und auch Tour und Giro gewann. Und vor den dreien? ­Liegen nur mehr sechs grosse Namen.

Rik van Looy: 8 Monumentssiege 1958–1965
Der Belgier ist seit jeher einer von Cancellaras grössten Fans. Der 80-Jährige wurde einst zum Ehrenpräsidenten des Spartacus-Fanclubs ernannt. Bei einem Treffen 2010, nach Cancellaras erstem Sieg in Flandern, sagte Van Looy: «Ich hätte mehr Monumente gewinnen müssen, um jetzt mit ihm verglichen zu werden.» Er dachte dabei an die Kopfsteinpflaster-Rennen, bei denen ihn Cancellara mit seinem 6. Sieg nun tatsächlich übertroffen hat. Doch Van Looy gewann nicht nur acht Monumente, sondern auch jedes der fünf mindestens einmal. Zudem wurde er zweimal Strassen-Weltmeister und entschied in den drei grossen Rundfahrten 37 Etappen für sich.

Sean Kelly: 9 Monumentssiege 1983–1992
Der Ire ist der Jüngste im Kreis der grossen ehemaligen Classique-Jäger. Die ­Erfolge des heute 57-Jährigen sind die einzigen, die Cancellara (theoretisch) hätte live miterleben können. Kelly blieb es verwehrt, in allen fünf Rennen zu triumphieren, das gelang nur Van Looy, De Vlaeminck und Merckx. Die Flandern-Rundfahrt blieb für ihn unerreicht, dreimal wurde er hier Zweiter. In seinem besten Frühjahr schaffte er für heutige Zeiten Unglaubliches: Nach zweiten Plätzen in Sanremo und Flandern siegte er in Roubaix und Lüttich. Rennen, bei denen zwei oder drei verschiedene Fahrer­typen Erfolgsaussichten hatten. Kleinere Rundfahrten gewann er in ­Serie, bei den grossen 1988 die Vuelta.

Fausto Coppi: 9 Monumentssiege 1946–1954
Viele Chronisten sind sich einig: Ohne den Zweiten Weltkrieg hätte es der Italiener zum grössten Palmarès der Radgeschichte gebracht. Davon zeugt auch sein Übername Il Campionissimo, der Champion der Champions. Doch der Zweite Weltkrieg fiel in seine besten Jahre. Trotzdem gewann Coppi fünfmal den Giro d’Italia und zweimal die Tour de France. Die Classiques im Norden waren nicht sein Ding, trotzdem ­gewann er einmal in Roubaix. Dazu siegte der Weltmeister von 1953 dreimal in ­Sanremo und fünfmal bei der Lombardei-Rundfahrt.

Costante Girardengo: 9 Monumentssiege 1918–1928
Seine grossen Erfolge feierte der 1893 Geborene alle im Heimatland Italien. 6-mal jubelte er in ­Sanremo, 3-mal bei der Lombardei-Rundfahrt. Seinem grossen Ziel, ein Sieg bei Paris–Roubaix, kam er nie nahe, hatte auch mehrfach Materialpech. 2-mal gewann er den Giro, aber auch seine Karriere hätte ohne den Ersten Weltkrieg noch grösser ausfallen können. Ein Rekord für die Ewigkeit glückte ihm, als er 1914 die Giro-Etappe von ­Lucca nach Rom gewann, bis heute mit 430 Kilometer die längste.

Roger de Vlaeminck: 11 Monumentssiege 1970–1979
Der Belgier ist neben Van Looy der ­einzige Vertreter der reinen Classique-Spezialisten, die bezüglich Monumentssiege noch vor Cancellara liegen. Alle anderen dieser Aufzählung waren komplette Radfahrer, die praktisch jedes Rennen gewinnen konnten. De Vlaeminck tat das auch, aber eben nur in den Classiques. Enorm war die Quote bei Paris–Roubaix: Bei 13 Starts stand er 9-mal auf dem Podest, davon 4-mal als Sieger. Das ist bis heute Rekord, den er mit Boonen hält. Eine Tatsache, die dem 66-Jährigen nicht sonderlich Freude bereitet, ist er doch ein konstanter Kritiker seines Landsmanns. Cancellara könnte am Sonntag mit einem Sieg zu den beiden aufschliessen.

Eddy Merckx: 19 Monumentssiege 1966–1976
Der kompletteste Radfahrer – in jeder Hinsicht und allen Kate­gorien. Wenig überraschend, dass er als Classique-Jäger unerreicht ist. Als Einziger gewann er jedes der 5 Monumente mehrfach. In Sanremo (7 Siege) und in Lüttich (5) hält er den Rekord. «Der Kannibale» gewann auch sonst jedes Rennen, je fünfmal die Tour de France und den Giro d’Italia, einmal die Vuelta, wurde 3-mal Weltmeister – und so weiter. Merckx und Cancellara sind miteinander bekannt, telefonieren ab und zu. Der 68-Jährige, bei dem es heute noch einen Auflauf gibt, egal, wo er auftaucht, schätzt den Schweizer, weil er ähnlich offensiv agiert wie einst der Belgier selber.

Erstellt: 08.04.2014, 07:26 Uhr

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